In Polen ist Rafał Brzoska eine Größe. Der Gründer und Milliardär ist einer der reichsten Menschen im Land, bekannt als einer, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Vielleicht hatte Ministerpräsident Donald Tusk ihn deshalb in eine Deregulierungskommission berufen.
Doch Brzoskas Bekanntheit gründet vor allem darauf, dass er das Land mit 30.000 Paketstationen seines 2006 gegründeten Unternehmens Inpost überzogen hat. Zehntausende weitere automatisierte Boxen unterhält Europas laut Selbstauskunft führender Paketboxenbetreiber in Frankreich, Spanien, Portugal, Italien, in Benelux und Großbritannien. Alles in allem seien es 61.000. Nur um Deutschland hat er einen Bogen gemacht. Das könnte sich ändern.
Denn Inpost bekommt mit dem amerikanischen Logistikspezialisten Fedex einen neuen Großaktionär. Der verspricht mehr Schub im Päckchengeschäft auf dem Weg vom Hersteller zum Verbraucher (B2C). Fedex werde „das globale Netzwerk und die logistische Expertise von Fedex zur Unterstützung der nächsten Wachstumsphase von Inpost einbringen“, lässt sich CEO Raj Subramaniam zitieren.
Die Reichweite „auf Verbraucher in ganz Europa“ ausweiten
Er sehe „einen klaren Weg zur Erschließung von Wachstum, zur Verbesserung der Effizienz unserer B2C-Last-Mile-Operationen, zur Steigerung der Renditen und zur besseren Betreuung von Kunden in ganz Europa“. Explizit ist von Deutschland, dem größten Päckchenmarkt der EU, keine Rede. Wohl aber davon, „Inpost erheblich zu vergrößern und seine Reichweite auf Verbraucher in ganz Europa auszuweiten“.
Noch ist das nur ein Plan, wenn auch ein sehr konkreter. Denn Fedex will mit dem US-Investmenthaus Advent, der Prager Investmentgruppe PPF und Gründer Brzoska Inpost komplett übernehmen. Fedex und Advent wären mit je 37 Prozent Platzhirsche. Am Ende soll das an der Amsterdamer Euronext gelistete Unternehmen von der Börse verschwinden. Den Eignern der 52 Prozent ausstehenden Aktien haben sie am Montag ein Angebot unterbreitet. Es beläuft sich auf 7,8 Milliarden Euro.
Konkret bieten sie 15,60 Euro je Aktie – ein Aufschlag von 53 Prozent auf den gewichteten Kurs der letzten drei Monate. Die Aktie vollzog am Montag einen Sprung von mehr als zwölf Prozent auf über 15 Euro. Zum Jahresende hatte sie noch um zehn Euro notiert, bevor erste Gerüchte aufkamen. Die Bieter wollen die Übernahme in der zweiten Jahreshälfte abwickeln.
Kunden werden zu Selbstabholern
Branchenvertreter in Deutschland beobachten den geplanten Deal mit Argusaugen. „Es ist zu erwarten, dass der Wettbewerb insbesondere auf der letzten Meile weiter an Intensität gewinnt“, sagte Marten Bosselmann, der Vorsitzende des Bundesverbands Paket- und Expresslogistik (BPEX), auf Anfrage der F.A.Z.
Schon länger setzen Logistikunternehmen vermehrt auf Paketboxen, um nicht mehr alle Pakete bis zur Haustür liefern zu müssen. Der Fachbegriff lautet „Out of Home“; gemeint ist die Zustellung in eine Filiale, einen Paketshop oder eben in eine Paketbox. Kunden werden zu Selbstabholern, was gerade in schwer zugänglichen Innenstädten für die Paketdienste attraktiv ist, weil sie sich mit ihren Lieferfahrzeugen nicht durch enge Straßen zwängen müssen. Auch weil Filialen personalintensiv sind und immer weniger Kioske als Paketshops fungieren wollen, sind automatisierte Stationen im Aufwind.
Im Bereich jenseits der Haustürzustellung habe sich schon „viel getan“, sagt Branchenvertreter Bosselmann. Anbieter mit Expertise und Investitionsbereitschaft könnten hier zusätzliche Impulse setzen: „Neue Akteure beleben den Markt.“ In Deutschland gab es laut BPEX im Jahr 2024 rund 17.000 Paketautomaten, Tendenz steigend. Anbieteroffene Systeme würden zwar ausgebaut, momentan handele es sich aber zum größten Teil um „proprietäre“ Stationen, Automaten, die nur von einem bestimmten Paketdienst bedient werden.
„Zweitwichtigste Zustelloption für Kunden“
Deutschlands Platzhirsch DHL wollte die geplante Transaktion des „Marktbegleiters“ nicht im Detail kommentieren. Die aktuelle Marktdynamik bestätige jedoch einen Trend, den auch DHL „frühzeitig erkannt“ habe, wie eine Sprecherin sagte. „Out-of-Home-Lösungen wie Automaten oder Filialen sind mittlerweile die zweitwichtigste Zustelloption für Kunden.“
DHL habe mehr als 170.000 Servicestellen und Packstationen in Europa und wolle das Netz ausbauen. Bis zum Jahr 2030 wolle DHL allein in Deutschland 30.000 automatisierte Stationen betreiben.
Corona trieb das Packstationen-Geschäft in ungeahnte Höhen
Inpost-Kennern könnte der Plan des Fedex-Konsortiums bekannt erscheinen. Denn Inpost war schon einmal an der Börse notiert, in Warschau. Doch 2017 liefen die Geschäfte schlecht, Advent kaufte sich ein und nahm Inpost von der Börse – nur um vier Jahre später einen Teil der Aktien für 2,8 Milliarden Dollar in Amsterdam loszuschlagen, für 16 Euro je Aktie. Damals war Inpost acht Milliarden Euro wert – doch den wenig später gemeldeten Höchstkurs von 20,80 Euro je Aktie erreichte man nie wieder. Aktuell erreicht Inpost eine Marktkapitalisierung von 7,6 Milliarden Euro.
Vor dem Börsengang 2021 war Corona über den Globus gefegt, was Onlinehandel und das Geschäft der Packstationen in die Höhe trieb. In Prag sah PPF das als attraktive Chance und kaufte Advent 29 Prozent der Inpost-Papiere ab. Am Ende blieben Advent 6,5 Prozent.
Jetzt wollen die Amerikaner sich wieder und „langfristig“ an Inpost beteiligen und peilen – wie Fedex – 37 Prozent an. Im Gegenzug will PPF seine Papiere verkaufen, um mit zehn Prozent am neuen Konsortium beteiligt zu sein, frei nach dem Motto „Kleinerer Anteil, größerer Kuchen“.
Rekord-Paketvolumen und robustes Umsatzwachstum
Inpost-Gründer und CEO Rafał Brzoska bliebe mit 16 Prozent dabei. Den Vorwurf eines „Ausverkaufs an das Ausland“ begegnet er mit dem Hinweis, er bleibe „voll und ganz engagiert, Inpost in den kommenden Jahren zu führen“. Hauptsitz, Marke und Management blieben in Polen. Man profitiere künftig von der Expertise, Stabilität und den Ressourcen der neuen Großaktionäre, erklärte Brzoska. „Gemeinsam werden wir unser Netzwerk stärken und mehr Verbraucher mit verbesserten, schnellen und flexiblen Lieferoptionen erreichen, während wir unser Ziel verfolgen, den europäischen E-Commerce-Sektor neu zu definieren.“
Inpost beschäftigt 5000 Leute. Für das Jahr 2024 hatte man einen Umsatz von umgerechnet 2,6 Milliarden Euro gemeldet und eine Nettogewinnquote von 11,4 Prozent. Zuletzt berichtete das Unternehmen von einem Rekord-Paketvolumen, robustem Umsatzwachstum und einem beschleunigten Netzausbau.