Folgen des Irankriegs: Die Türkei will vom Irankrieg profitieren

Bilder aus der saudischen Hauptstadt Riad zeigen den Al Faisaliah-Wolkenkratzer wenige Tage nach dem Beginn des Irankriegs mit der Aufschrift: „Herr, mache dieses Land sicher.“ Einen Monat später ist die Fürbitte unerfüllt. Eine Folge: Internationale Mieter, darunter Konzerne wie J. P. Morgan und Apple, müssen ihn verlassen.

Die amtliche Aufforderung zur umstandslosen Räumung betraf Anfang des Monats auch Unternehmen wie Goldman Sachs oder Deloitte im vornehmen King Abdullah Financial District. Ähnliche Evakuierungsmeldungen waren nach dem Einschlag iranischer Drohnen aus Qatar gekommen. In der Türkei wird das mit Anteilnahme, aber auch einem Quantum Hoffnung registriert – nicht nur mit Blick auf die fragile Waffenruhe und die widersprüchlichen Meldungen über die Öffnung der Straße von Hormus.

Seit Kriegsausbruch kommen Touristen zwar zögerlicher in die Türkei. Aber in der internationalen Finanzbranche gebe es ein wachsendes Interesse daran, sich in Istanbul niederzulassen, sagt der Vorsitzende des Istanbul Finance Center (IFC), Ahmet Ihsan Erdem. Das auf Betreiben von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan errichtete Hochhausensemble ist trotz großer Präsenz lokaler Banken und Staatseinrichtungen nur mäßig ausgelastet. Bis Ende des Jahres sollen es immerhin 75 Prozent sein. Der Agentur Reuters berichtete Erdem von 40 Gesprächen mit Interessenten aus Asien und der Golfregion im vergangenen Monat.

Steueranreize für Investoren vom Golf

Die türkische Regierung will das verstärken. Sie plant, Steueranreize für neue Investoren auszuweiten. Ankara sieht im Irankonflikt die Chance, das Land als Regionalzentrum neu zu positionieren. Das erdbebengefährdete Istanbul mit Europas geschäftigstem Flugkreuz als neuer sicherer Hafen für Dienstleister im Nahen und Mittleren Osten?

Der Irankrieg verlangt von der Türkei einen politischen Balanceakt. Er beschränkt ihre regionalpolitischen Machtambitionen und trifft auf eine fragile Wirtschaft, die versucht, sich von einer Inflationsspirale zu befreien. Auch wenn politische Vermittlerdienste Erdoğans derzeit nicht gefragt sind, so stärken die fortwährenden Angriffe auf die Golfstaaten und die Beinaheschließung der Straße von Hormus die wirtschaftliche Rolle der Türkei in der Region.

Hoffnung auf mehr Immobiliendeals

IFC-Vorsitzender Erdem ist nicht der Einzige, der auf Kunden aus der unsicher gewordenen Golfregion schielt. Nesecan Cekici, Vorsitzender der Vereinigung der Immobilieninvestoren, tut es ebenfalls. Die Türkei könnte vom Einbruch des Immobilienmarktes in Dubai profitieren, sagt er. Die durch den Krieg ausgelösten Unsicherheiten eröffneten ein strategisches Zeitfenster, um internationale Investoren anzuwerben. Der Branche täte das gut, denn das nach dem Beginn des Kriegs gegen die Ukraine belebte Interesse von Ausländern an ehedem preiswerten türkischen Immobilien ist erlahmt.

Konkreter sind die positiven wirtschaftlichen Auswirkungen der Handelsunterbrechungen am Golf auf die Türkei. Seit dem vorigen Monat fließt Öl aus dem Nordirak wieder in den türkischen Verladehafen Ceyhan im Golf von Iskenderun. Die Häfen im östlichen Mittelmeer schlagen mehr Container und Güter für den Irak um, weil Schiffe kaum mehr ins irakische Basra durchkommen. Das Logistikgewerbe profitiert. Anfang der Woche vereinbarten Ankara und Riad eine einfachere Vergabe von Transitvisa für den Gütertransport. Neue Transportabkommen gibt es mit Syrien und Jordanien. Handelsminister Ömer Bolat sagt, das helfe, den Fluss von Waren und Gütern in die Golfregion aufrechtzuerhalten.

Das passt zum Selbstverständnis der Türkei als Drehscheibe zwischen Asien und Europa – wozu neue, zumindest projektierte Straßen und Eisenbahnlinien gehören, wie nach Basra oder Oman. Schon nach der Corona-Krise hatte die Türkei als verlässlicher Produktionsstandort gepunktet, als anderswo auf der Welt Lieferketten rissen. Doch ist das wenig Licht, verglichen mit dem langen Schatten, den der Krieg auch über die Türkei wirft – und über seine sonnigen Strände.

Kriegsfolgen verschatten Aussichten für den Touriums

Der Krieg hat auch in der Türkei, die Ziel (wenn auch abgewehrter) iranischer Raketenanflüge war, zu Stornierungen im Reisegeschäft geführt. „Viele Gäste verhalten sich abwartend, das Buchungsverhalten ist spürbar kurzfristiger als in den Vorjahren“, sagt Deniz Uğur, Chef des Türkeireisespezialisten Bentour.

Gleichzeitig präsentiere sich die Vorsaison mit erfreulich starken Buchungszahlen. „Wir blicken optimistisch auf die Saison und hoffen auf ein gutes Last-Minute-Geschäft“, sagt er. Unter dem Strich stellt Uğur sich auf „ein Minus von nicht mehr als 15 Prozent“ im Vergleich zum Vorjahr ein – solange sich die Lage nicht zuspitze. Weil die Deutschen neben den Russen die größte Touristengruppe sind, wäre das ein markanter Einschnitt.

Alarmlichter blinken

In der Türkei blinken bereits die Alarmlichter. Die staatliche Tourismusagentur verstärkt ihre Werbeaktionen für „Go Türkiye“. Das Tourismusministerium versichert, alles sei sicher, Urlaubsorte und Flughäfen voll funktionsfähig. Im vorigen Jahr besuchten 64 Millionen Menschen die Türkei und gaben dort 65 Milliarden Dollar aus. Die Devisen werden gebraucht. Denn die hohen Preise für Energieimporte haben im März die Lücke in der Handelsbilanz wieder auf einen zweistelligen Milliarden-Dollar-Betrag vergrößert. Entsprechend wächst das Loch in der Leistungsbilanz. Sinken die Einnahmen aus dem Tourismus, muss noch mehr ausländisches Kapital angezogen werden, um es zu schließen.

Es gibt noch mehr Probleme. Die Lira steht unter Druck und muss von der Notenbank gestützt werden. Den Umfang kann man an den schwindenden Devisenreserven ablesen. Laut Analysten hat die Zentralbank seit Beginn des Irankriegs bis zum Ende März 44,3 Milliarden Dollar Reserven aufgelöst. Devisen und Dutzende Tonnen Gold wurden verkauft, um die Lira zu stabilisieren.

Sorge vor höheren Leitzinsen

Parallel dazu hatte die Regierung den Preisanstieg bei Benzin und Diesel dadurch abgebremst, dass sie Steuern auf den Sprit senkte. Das verschärft zwar die Lage im Haushalt, der nun weniger Einnahmen erzielt, bremst aber – wie schon der wegen der Interventionen weitgehend stabile Kurs der Lira – die Inflation. Die lag im März denn auch mit 30,9 Prozent überraschend unter dem Vormonatswert von 31,5 Prozent. Der von der Notenbank zum Jahresende angepeilte Wert von 16 Prozent gerät jedoch immer mehr aus der Reichweite. Die Fachleute der Citigroup kalkulieren inzwischen mit 29 Prozent Inflation im Dezember 2026.

Die Großbank BBVA warnt mit Blick auf den fortdauernden Krieg: „Angesichts steigender Risiken sowohl für die Inflation als auch für das externe Gleichgewicht muss die Geldpolitik möglicherweise länger streng bleiben.“

Die von türkischen Unternehmern vehement geforderten Zinssenkungen, die bis Ende Februar vermeintlich sicher auf der geldpolitischen Agenda standen, sind damit passé. Im Gegenteil: „Sollte der Druck auf die Notenbankreserven zunehmen, „erscheint eine Zinserhöhung im April zunehmend wahrscheinlich“, mutmaßt die BBVA. Das amerikanische Bankhaus J. P. Morgan rechnet mit einer Anhebung um drei Prozentpunkte im April. Aktuell beträgt der Leitzins in der Türkei 37 Prozent.

Finanzminister Mehmet Şimşek flog in der vergangenen Woche eigens nach London, um die Finanzwelt zu beruhigen und sie einer Fortsetzung der konservativen Geld- und Finanzpolitik zu versichern. Denn die Türkei braucht das internationale Kapital und die Unterstützung der Kapitalmärkte. Die erst in den vergangenen Jahren wieder gestärkten Reserven der Notenbank sind endlich.

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