Folgen des Irankrieges: Katerstimmung am Golf

Der Raketenbeschuss ist abgeebbt, aber Entspannung zieht nicht ein am Golf. Schon die Verhandlungen in Pakistan zwischen den Vereinigten Staaten und Iran wurden mit Skepsis beäugt. „Vorerst ist die Welt einer Katastrophe entgangen“, schrieb der Außenminister Omans, Badr al-Busaidi, auf der Plattform X, als Präsident Donald Trump am Mittwoch eine Verständigung mit dem Regime in Teheran verkündete.

„Aber es gibt keinen Grund zur Selbstzufriedenheit. Für einen dauerhaften Frieden sind nun ernsthafte Verhandlungen erforderlich.“ Erfahrene Beobachter am Golf zeigten sich pessimistisch, dass eine Einigung erzielt werden kann, die den Sicherheitsbedürfnissen der arabischen Golfstaaten gerecht wird.

Die Verunsicherung in den reichen Ölmonarchien reicht weit über die Frage hinaus, ob es gelingt, einen Ausweg aus der bewaffneten Konfrontation zu eröffnen. Majid al-Ansari, Sprecher des qatarischen Außenministeriums, sagte Ende März vor der Presse: „In Wahrheit ist eines der bedeutendsten Ergebnisse dieses Krieges der Zusammenbruch des Konzepts eines regionalen Sicherheitssystems am Golf.“ Das Sicherheitsgefüge in der Region, führte er aus, basiere auf Grundsätzen, von denen viele „umgangen“ worden seien.

Nicht immun gegen Konflikte in der Region

Der Krieg gegen Iran hat einige vermeintliche Gewissheiten erschüttert, an denen die Herrscher am Golf ihre Politik ausgerichtet haben. Sie mussten erkennen, dass sie nicht immun sind gegen die Konflikte der Region. Dass ihre Infrastruktur und ihre Handelswege ebenso verwundbar sind wie das Image, ein Hort der Stabilität zu sein – und damit ihr Modell des Fortschritts und des Wohlstands.

Auch das Vertrauen, sich in Sicherheitsfragen auf die Vereinigten Staaten verlassen zu können, und zugleich auf eine Entspannungspolitik gegenüber Teheran, ist durch den Krieg schwer beschädigt worden. Das iranische Regime hatte seine Nachbarn mit Drohnen- und Raketenterror überzogen, obwohl sie sich dafür eingesetzt hatten, einen Waffengang abzuwenden.

So machen sich die Führungen am Golf Gedanken, welche Lehren sie aus den vergangenen Wochen ziehen. Anwar Gargash, außenpolitischer Berater der Vereinigten Arabischen Emirate, hat angekündigt, sein Land werde nach der „Aggression“ seine internationalen Beziehungen überprüfen und „feststellen, auf wen man sich verlassen kann“. Die Führung in Abu Dhabi werde sich einer „rationalen“ Prüfung ihrer nationalen Prioritäten unterziehen. Dabei scheinen die Emirate einen anderen Weg einzuschlagen als ihre Nachbarn. Gargash, der auch so etwas wie das außenpolitische Gesicht seines Landes ist, hat angekündigt, man werde die Beziehungen zu Washington verstärken.

Trump ist eine Enttäuschung

Saudi-Arabien und Qatar zeigen sich in dieser Frage deutlich zurückhaltender. Dort herrscht eher Unbehagen über die Abhängigkeit von einem immer unzuverlässigeren Amerika. Öffentlich wird zwar immer die Stärke des Verhältnisses zu Washington beschworen. Aber hinter vorgehaltener Hand dringen aus beiden Führungen skeptische Töne. Gerade Trump, um den sich die Herrscher am Golf sehr bemüht hatten, ist eine Enttäuschung für sie.

Er hatte das Ende interventionistischer Kriege in der Region verkündet – und dann einen solchen entfesselt, mit dessen Folgen sie noch Jahre zu kämpfen haben dürften. „Wir leiden am Golf, weil er den Krieg begonnen hat“, sagte Abdulaziz Sager von der in der saudischen Hauptstadt Riad ansässigen Denkfabrik Gulf Research Center unlängst der „New York Times“. „Wir haben ihn auf die Folgen hingewiesen. Wir wurden nie konsultiert.“

Doch die Alternativen sind aus Sicht der Golfstaaten nicht unbedingt einladend. Es herrscht Skepsis, dass Europa willens und in der Lage ist, eine robustere Rolle in der Region zu spielen, zur Not auch mit militärischen Mitteln. „Wir haben keine bessere Option als die USA“, sagte unlängst ein Diplomat aus der Region, der ebenso von einem massiven Vertrauensverlust in Russland spricht. Die Golfstaaten hatten sich aus dem Großkonflikt zwischen Moskau und Peking auf der einen Seite und dem Westen auf der anderen Seite herausgehalten und klargemacht, sich nicht für eine Seite entscheiden zu wollen.

Frust über Moskaus Hilfe für Iran

Für die Sicherheit schaue man nach Westen, für den Wohlstand nach Osten, lautete ein Wahlspruch am Golf. Aber Moskau soll Iran mit Waffenlieferungen geholfen und Satellitenbilder zur Verfügung gestellt haben, um das iranische Militär bei Angriffen auf Ziele in der Region zu unterstützen.

Moskau hatte zuletzt außerdem im UN-Sicherheitsrat sein Veto gegen eine von Bahrain eingebrachte Resolution eingelegt, die eine Militärmission in der Straße von Hormus genehmigen – jener Meerenge am Golf, deren Blockade durch Iran, die Energieexporte von Ländern wie Qatar oder Kuwait abwürgt. Dass China, ein enorm wichtiger Markt und Handelspartner für die Golfstaaten, sich dabei an die Seite Russlands stellte, hat zu Frustration geführt.

Nicht zuletzt ist die Straße von Hormus mit der Sorge verbunden, dass die Folgen des Irankrieges länger andauern können. Das Regime in Teheran hat hier einen wirkstarken Hebel in der Hand oder zumindest Erpressungspotential. Für seine arabischen Nachbarn ist die Meerenge die wichtigste – für Qatar, Bahrain und Kuwait gar einzige – Seeverbindung in die Welt. Beobachter in der Region sprechen vom Ausbau anderer Verbindungen, etwa Pipelines in Richtung Mittelmeer. Doch solche Projekte brauchen Zeit, und auch solche Infrastruktur ist verwundbar.

So stehen die arabischen Golfstaaten auch vor der Frage, wie sie sich gegenüber dem iranischen Regime verhalten. Aus der Führung in Doha heißt es, man werde sich arrangieren müssen, aber das Verhältnis beider Länder werde nur schwer zu reparieren sein. Der saudische Außenminister, Prinz Faisal bin Farhan, hatte schon im März gesagt: „Wenn dieser Krieg irgendwann endet, wird es lange dauern, bis das Vertrauen wiederhergestellt ist.“

Source: faz.net