Nicht jedem war die Ruhe an Asiens Börsen am Dienstag begreiflich, an dessen Ende das „letzte“ von Donald Trump aufgestellte Ultimatum an Iran auslaufen sollte: Öffne das Land nicht die Straße von Hormus, bombe es Amerika „in die Steinzeit“ zurück. Dass die weltweiten Aktienkurse seit Beginn des Krieges am Golf um nicht mal sechs Prozent gefallen sind, während der Ölpreis von 70 auf über 110 Dollar gestiegen ist, liege daran, dass die Märkte „das Worst-Case-Szenario noch nicht eingepreist“ hätten, sagte Singapurs Außenminister Vivian Balakrishnan während einer Finanzkonferenz. Dass er das naiv findet, hatte der Politiker bereits zuvor klar gemacht. Die ausbleibenden Öl- und Gaslieferungen vom Golf träfen die eigentlich wachstumsstärkste Region der Welt ins Mark: „Dies ist eine asiatische Krise.“
Was Singapurs Außenminister damit meint, lässt nicht nur in dem südostasiatischen Stadtstaat beobachten, dessen Regierung am Dienstag ein eine Milliarde Singapur-Dollar (674 Millionen Euro) schweres Rettungspaket für die Wirtschaft vorgestellt hat. Von Südkorea bis nach Pakistan stehen die Menschen in langen Schlangen vor den Tankstellen, an denen die Preise für Benzin und Diesel seit Beginn des Irankriegs heftig gestiegen sind.
Krisenzeichen auch in Thailand
Am schlimmsten betroffen sind die Auto- und Motorradfahrer in Ländern wie den Philippinen (Benzin: plus 72 Prozent) und Vietnam (Diesel: plus 91 Prozent), die zuvor große Teile ihres Öls vom Persischen Golf importiert haben. Sie müssen nun für den Ersatz auf dem Weltmarkt wegen der Schwäche ihrer Währungen besonders viel Peso und Dong in Dollar tauschen.
Doch auch in Ländern wie Thailand machen sich Krisenzeichen breit: Als sie nach einem Einbruch im Nordosten des Landes die Polizei gerufen habe, habe diese für die elf Kilometer lange Fahrt zum Tatort 1000 Baht (27 Euro) Benzingeld verlangt, hat eine Influencerin mit 1,6 Millionen Followern auf Tiktok berichtet. Ein Missverständnis, haben die Polizisten dem Vorwurf inzwischen entgegnet: Die Beamten hätten nur keine Zeit gehabt, weil sie einen Benzindiebstahl an der Tankstelle zu untersuchen gehabt hätten.
Die Episode darf noch als harmlos gelten im Vergleich zu dem, was sich in Südasien ereignet hat, wo die Armut besonders groß ist. In Bangladesch haben rund 3000 Tankstellen laut einem Branchenverband tagtäglich Angriffe krimineller Banden gemeldet, die Benzin stehlen und zu hohen Preisen weiterverkaufen. Im Norden des Landes, in dem ein Viertel der 175 Millionen Einwohner unter der Armutsgrenze lebt, wurde ein Tankstellenwärter von einer Gruppe Motorradfahrer krankenhausreif geschlagen. Im Westen fuhr in der Stadt Jashore der 50 Jahre alte Lkw-Fahrer Sujat Ali in der Nacht zum Sonntag den Tankstellenbesitzer Nahid Sardar tot, nachdem es nach acht Stunden Wartens kein Diesel mehr gab. Auch im benachbarten Indien und Pakistan sind Tankstellenmitarbeiter aus Wut über Mangel und hohe Preise von aufgebrachten Kunden umgebracht worden.
Pakistan ordnet Vier-Tage-Woche im Homeoffice an
Das 280-Millionen-Einwohner-Land Indonesien etwa will die Preise für Benzin und Diesel künstlich niedrig halten, komme was wolle. Solange der Ölpreis auf das Jahr gerechnet nicht einen Durchschnittswert von 97 Dollar pro Fass übersteige, könnten die Preise bis Dezember stabil bleiben, teilte die Regierung am Montag mit. Allerdings wird die Subvention die Staatsfinanzen erheblich belasten, weshalb die Haushalte verschiedener Ministerien beschnitten werden. Welche, hat Jakarta bisher nicht gesagt, nur so viel: Das jährlich 21 Milliarden Dollar teure Lieblingsprojekt von Präsident Prabowo Subitano, 83 Millionen Kinder im Land kostenloses Schulessen zu finanzieren, ist von den Kürzungen nicht betroffen – denn dabei handele es sich um eine „langfristige“ Investition, hat Wirtschaftsminister Airlangga Hartarto gesagt.
Der Grund für Asiens Krise ist klar: Rund 20 Millionen Fass Öl haben vor dem Irankrieg jeden Tag von den Förderländern aus die Straße von Hormus zu ihren Kunden durchquert. 80 Prozent des Öls ging nach Asien. Beim Flüssiggas (LNG) liegt der asiatische Anteil mit 90 Prozent noch höher. Zwei Drittel ihres Gases beziehen Indien, Bangladesch und Pakistan vom Golf, was zur Folge hat, dass in den Ländern nicht nur Restaurants und Hotelküchen schließen, sondern auf den Feldern auch der auf Gas basierende Dünger knapp wird.
In Pakistan, wo Flüssiggas ein Viertel der Stromversorgung stellt, hat die Regierung eine Vier-Tage-Woche im Homeoffice verordnet. Bangladesch hat Universitäten geschlossen. Die Energiekrise sei „schwerwiegender als die Krisen von 1973, 1979 und 2022 zusammen“, hat Fatih Birol, Leiter der Internationalen Energieagentur (IEA), am Dienstag bekräftigt. Und am stärksten gefährdet seien die Entwicklungsländer.
Philippinen wollen stärker auf Kohle setzen
Seit die iranische Revolutionsgarde in der schmalen Passage, die das Land von der arabischen Halbinsel trennt, jedes Schiff beschießt, das ihr nicht passt, ist eine „Asymmetrie“ entstanden, wie Singapurs Außenminister es nennt: Die wirtschaftlichen Folgen des Krieges zeigen sich ganz woanders: in Ländern wie Thailand, dessen Prognose für das Wirtschaftswachstum im laufenden Jahr von Forschungsinstituten auf ein Prozent halbiert worden ist.
In Vietnam ist die Wirtschaft im ersten Quartal im Vergleich zur Vorjahresperiode um 7,1 Prozent gewachsen – was zwei Prozentpunkte unter dem ursprünglichen Ziel der Regierung liegt. Selbst für Indien, dessen Wirtschaft sich im vergangenen Jahr so schnell wie in keiner anderen großen Nation entwickelt hat, hat die Ratingagentur Moody’s ihre Vorhersage um fast einen Punkt auf sechs Prozent gesenkt – für das Wachstum des gesamten Fiskaljahres, das Ende März zu Ende gegangen ist.
Krise gesamter Staaten?
Am stärksten betroffen sind die Ärmsten der Armen in Ländern, die am Kredittropf des Internationalen Währungsfonds hängen und nicht einfach ein milliardenschweres Rettungspaket nach dem anderen schnüren können wie das reiche Singapur. In Pakistan, das so gut wie sein gesamtes Öl und Gas vom Golf importiert und in drei Wochen mit 129 Milliarden Rupien (400 Millionen Dollar) die Treibstoffpreise von einem noch schnelleren Anstieg abgehalten hat, bekennt die Regierung, eine derartige Belastung der Staatsfinanzen sei „nicht länger tragbar“.
Besonders in den armen Ländern Südasiens sehen politische Beobachter die Gefahr, dass aus der Energiekrise eine Krise des gesamten Staates werden kann. Kein Wunder, ist es doch gerade einmal vier Jahre her, dass in Sri Lanka letztendlich die kilometerlangen Schlangen vor den Tankstellen dazu geführt haben, dass die Bevölkerung aus Wut über die Staatspleite die Residenz von Präsident Gotabaya Rajapaksa gestürmt und die Regierung aus dem Amt gejagt haben. Südasien sei „in hohem Maße vom Golf und Iran abhängig“, sagt Pearl Pandya vom Armed Conflict Location and Event Data Project, einer amerikanischen Denkfabrik, die Daten über weltweite Konflikte sammelt.
So sei in der Region neben den Energieimporten auch die Geldüberweisungen der Wanderarbeiter am Golf überlebenswichtig. Jede Unterbrechung dieser Ströme oder eine Rückkehr von Wanderarbeitern in angespannte Arbeitsmärkte birgt die Gefahr, ernsthafte Instabilität auszulösen. Die jüngsten Unruhen – von den Protesten 2022 in Sri Lanka bis hin zu Demonstrationen in Bangladesch und Nepal – haben bereits gezeigt, wie schnell wirtschaftliche Missstände eskalieren können.
Da bleibt vielen Ländern nur eines: ihre stillgelegten Kraftwerke mit einer besonders dreckigen Energiequelle wieder anzuwerfen. Die Philippinen planten, „verstärkt auf kostengünstigere Kohle“ zu setzen, hat Energieministerin Sharon Garin erklärt. Indonesien hat seine beschlossene Produktionskürzung von Kohle für das laufende Jahr wieder rückgängig gemacht. Und die Inder, ohnehin von Kohle abhängig, setzen nun Kohle auch noch beim Kochen ein.