Fliegen ohne Tarifvertrag – in einem Betrieb der Deutschen Lufthansa gilt das bislang für die Piloten und Flugbegleiter. Und mit der Gewerkschaft Verdi geführte Gespräche über erstmalige Tarifregelungen für das Personal der jungen Tochtergesellschaft Lufthansa City sind festgefahren. Die Verdi-Tarifkommission informierte Flugbegleiter und Piloten, man habe sich „schlussendlich gezwungen gesehen“, die Verhandlungen abzubrechen. Das Schreiben liegt der F.A.Z. vor.
Eine Streikdrohung ist damit nicht verbunden, die Gewerkschaft rät Beschäftigten aber indirekt zum Dienst nach Vorschrift: „Wenn wir aufhören, freiwillig aus dem Off zu fliegen, flexibler zu sein, als wir müssen, alles ständig für das Unternehmen möglich zu machen, und uns nicht mehr zum Dienst schleppen, wenn wir eigentlich krank zuhause bleiben sollten, erst dann wird das Unternehmen aktiv werden müssen und sich anders verhalten“, heißt es. Uneins war man über einen Manteltarifvertrag, der unter anderem Arbeitzeitregelungen enthält. Zudem wirft Verdi Lufthansa vor, ein Vergütungsangebot „wieder vom Tisch genommen“ zu haben.
Über den Stand der Gespräche gibt es jedoch unterschiedliche Versionen. Lufthansa widerspricht auf F.A.Z.-Anfrage Teilen der Verdi-Darstellung. „Die Gespräche hatten noch nicht den Charakter einer formalisierten Tarifverhandlung, deshalb wurde auch kein Angebot zurückgezogen“, sagt ein Sprecher. Dem Vernehmen gab es nach Verdi-Forderungen zur Vergütung auch unterschiedliche Vorstellungen über die mögliche Laufzeit eines Tarifvertrags.
Lufthansa City soll Konzernkernmarke produktiver machen
Lufthansa hatte mit Lufthansa City für Städtestrecken und mit Discover für Urlauberflüge zwei neue Betriebe geschaffen, die das Geschäft rund um die Kernmarke effizienter machen sollen. Dieser Konzernteil war in die Verluste gerutscht. Bis 2030 soll dort die Hälfte aller Kurz- und Mittelstreckenjets zu den neuen Betrieben verschoben werden. Lufthansa City soll 2028 rund 50 Flugzeuge betreiben.
Der Konzern verspricht sich davon laut einer Präsentation aus dem Herbst eine um zehn bis 30 Prozent höhere Crew-Produktivität als bei der Kernmarke. Lufthansa ist der umsatzstärkste Flugkonzern Europas, mit Blick auf die Margen im Kerngeschäft war er zuletzt aber hinter dem British-Airways-Konzern IAG und hinter Air France-KLM zurückgeblieben.
Für den Urlaubsflieger Discover wurden schon – zum Ärger der Spartengewerkschaften Vereinigung Cockpit (VC) für Piloten und UFO für Flugbegleiter – Tarifverträge mit Verdi geschlossen. Lufthansa hatte stets beteuert und bekräftigt auch jetzt, weiter offen mit allen Tarifpartnern Gespräche führen zu wollen. Doch lange schien es so, als ob man sich auch für Lufthansa City mit Verdi einige. Zumindest schnell kommt es nun nicht zu dieser Übereinkunft. Zum weiteren Fortgang der Gespräche – sei es mit Verdi, der VC oder UFO – äußerte sich Lufthansa auf Nachfrage nicht.
„Schwierige Verhandlungen“ auch für das Bodenpersonal
Am Montag haben zudem Verhandlungen für die 20.000 Bodenkräfte an Schaltern, in der Wartung und der Verwaltung begonnen. Für die ist Verdi traditionell der Tarifvertragspartner. „Wir erwarten durchaus schwierige Verhandlungen“, sagte Verdi-Verhandlungsführer Marvin Reschinsky zum Auftakt.
Die Gewerkschaft fordert für das Bodenpersonal einen Aufschlag von sechs Prozent, mindestens aber 250 Euro im Monat. Außerdem sollen Vergütungsteile, die bislang nicht tariflich abgesichert sind und die mitunter zuletzt gestrichen worden seien, nach dem Willen von Verdi verbindlich geregelt werden.
„Trotz wirtschaftlicher Erfolge in der Mehrzahl der Lufthansa-Unternehmen möchte der Konzern kein Geld für die Beschäftigten in die Hand nehmen. Das ist nicht akzeptabel“, sagte Reschinsky. Die bisherige Sichtweise des Konzerns gelte es im Laufe der Verhandlungen zu drehen. Im vergangenen Herbst hatte Lufthansa angekündigt, in der Verwaltung bis 2030 rund 4000 Stellen abbauen zu wollen.