Flucht in die Schweiz: Die Millionäre aus Dubai kommen

Der Irankrieg hat Dubais sorgfältig aufgebautes Image als sicherer Hort für die Reichen aus aller Welt erschüttert. Als die Drohnen kamen, nahmen viele Ausländer so schnell wie möglich Reißaus. Und mit ihnen werden nun auch riesige Vermögenswerte auf die Reise gehen. Der Kampf um die Gunst der vielen Millionäre und Milliardäre, die Vermögenswerte in den investorenfreundlichen Vereinigten Arabischen Emiraten liegen haben, hat längst begonnen. Ganz vorne mit dabei: die Schweiz.

Banken und Vermögensverwalter aus der Eidgenossenschaft, die seit je als sicherer Hafen gilt, könnten als Krisengewinner aus dem Nahostkonflikt hervorgehen. Dafür sieht Patrick Akiki, der als Partner von Pricewaterhouse-Coopers (PWC) in Zürich Schweizer Finanzhäuser berät, klare Hinweise: „Gleich mit Beginn des Irankriegs wandten sich zahlreiche vermögende Privatpersonen und Institutionen an Banken in der Schweiz, um Vermögenswerte und auch Unternehmen zu verlagern“, sagt Akiki im Gespräch mit der F.A.Z.

Kein Grund zur Entwarnung

Der aktuelle Waffenstillstand sei für die Investoren kein Grund zur Entwarnung. „Selbst wenn der Konflikt morgen endet, bleiben die Instabilität und die Sicherheitsbedenken bestehen. Der Krieg könnte ja wieder von Neuem ausbrechen.“ Wie Akiki berichtet, sind die ersten Geldtransfers in Richtung Schweiz schon gelaufen. „Viele vermögende Personen verlagern ihre Vermögenswerte oder verteilen diese über verschiedene Regionen und Produkte hinweg.“

Derzeit liefen zahlreiche Studien, um abzuschätzen, wie groß die Auswirkungen auf den Schweizer Markt sein werden. „Ich erwarte, dass Vermögen in zweistelliger Milliardenhöhe in die Schweiz strömen werden.“

Auch Patrik Spiller, Bankenspezialist bei Deloitte Schweiz, rechnet damit, dass Vermögenswerte aus dem Nahen Osten nun zunehmend in der Schweiz angelegt werden. „Wir hören von Banken, Family-Offices und anderen vermögenden Privatpersonen, dass derzeit Gespräche im Gange sind“, sagte Spiller der Nachrichtenagentur Reuters. Nach seiner Einschätzung könnten „mehrere Dutzend Milliarden“ Dollar aus der Region in die Schweiz fließen.

Schweizer Neutralität wirkt anziehend

Der PWC-Berater Akiki erwartet, dass ein Teil der Gelder aus dem Nahen Osten auch in Ländern wie Singapur, Italien und Frankreich landet. Aber die Sicherheit, die Neutralität und die politische Stabilität sprächen aus Sicht vieler Investoren derzeit für die Schweiz. Weitere Pluspunkte seien die gute Finanzinfrastruktur, die hohe Lebensqualität, das hervorragende Bildungssystem, das Gesundheitswesen sowie die geographische Lage im Zentrum Europas.

Sonnenuntergang in Zürich: Auf der Quaibrücke in der Innenstadtdpa

Der Schweizer Franken hat gegenüber dem Dollar und dem Euro deutlich aufgewertet. Wer Vermögenswerte aus einem anderen Land in die Schweiz verlagert, verliert also erst einmal wegen der Schwäche der eigenen Landeswährung gegenüber dem Franken. Akiki sieht in einem solchen Manöver aber trotzdem einen Vorteil: „Wer sein Vermögen nicht nur in Dollar oder Euro hält, sichert sich gegen Währungsrisiken ab.“ Diversifizierung in der Geldanlage sei im Prinzip nichts Neues. Doch nun stehe die geographische Resilienz im Mittelpunkt dieser Diversifizierung.

„Swissness is back“

In die gleiche Richtung äußerte sich jüngst Marc Pictet, der den großen Genfer Vermögensverwalter Pictet führt. Er sprach von einer „Dedollarisierung“ von Portfolios, weil Anleger ihre Investitionen geopolitisch diversifizieren wollten. „Swissness is back. Wenn ich in Tokio oder Hongkong bin, spüre ich das Vertrauen in den sicheren Hafen Schweiz“, sagte Marc Pictet der Schweizer Zeitung „Finanz und Wirtschaft“ Mitte Februar, also noch vor Beginn des Irankriegs.

Pictet und andere international vernetzte Schweizer Vermögensverwalter wie UBS, Julius Bär und Lombard Odier dürften zu den größten Profiteuren der Umwälzungen in der Golfregion gehören, wobei es nicht nur um Neugelder geht. Manche Gelder bestehender Kunden werden einfach nur umgebucht: von Dubai oder Abu Dhabi nach Zürich oder Genf.

Bei dem Unternehmen Henley & Partner, das reiche Personen bei der Wohnsitzplanung berät, sind die Anfragen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten im ersten Quartal 2026 gegenüber dem Vorquartal um 41 Prozent nach oben geschossen. Dabei habe es sich hauptsächlich um „Expats“ gehandelt, erklärt der Henley-Manager Stephan Vogl gegenüber der F.A.Z. In Phasen erhöhter geopolitischer Unsicherheit neigten internationale Investoren dazu, sich traditionellen sicheren Häfen wie der Schweiz zuzuwenden.

2025 zogen 3000 Millionäre in die Schweiz

Vogl berichtet von einem erhöhten Interesse an Bildungsangeboten wie Internaten, die häufig Teil umfassender langfristiger Familienplanungen seien. Phasen geopolitischer Unsicherheit veranlassten Familien typischerweise dazu, ihre Notfall- und Alternativpläne zu überprüfen, führten jedoch nicht zwangsläufig zu unmittelbaren Umsiedlungsentscheidungen.

Nach den Erhebungen von Henley & Partners zogen 2025 netto 3000 Millionäre in die Schweiz. Damit lag das Land auf Rang vier hinter Italien, den USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten, in die im vergangenen Jahr noch 9800 Millionäre eingewandert waren.

Heinz Tännler, Finanzdirektor des besonders steuermilden Kantons Zug, berichtete jüngst von einer steigenden Zahl von Ansiedlungsanfragen im Gefolge des Irankriegs. Auch bei Schweizer Immobilienmaklern klingelt dieser Tage noch häufiger das Telefon. Allerdings ist der Immobilienerwerb durch Ausländer stark reguliert, allen voran für Interessenten von außerhalb der EU. Zudem ist das Angebot extrem knapp. Die Preise für Wohnungen und Häuser sind inzwischen so hoch, dass sich auch viele Einheimische kein Eigentum mehr leisten können.

Furcht vor weiterer Aufwertung des Frankens

Die Flucht ausländischer Investoren in den sicheren Hafen Schweiz spiegelt sich im Wechselkurs. Für einen Euro bekommt man aktuell nur noch 0,92 Franken, für einen Dollar 0,78 Franken. Nach Einschätzung von Thomas Stucki, Anlagechef der St. Galler Kantonalbank, hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) nach dem Ausbruch des Irankriegs mit Devisenkäufen gegengehalten, um die heimische Exportindustrie zu schützen. Denn ein starker Franken verteuert deren Produkte im Ausland.

Trotzdem rechnet Stucki damit, dass der Franken in den nächsten zwölf bis 24 Monaten aufwerten wird. Er begründet dies mit der geringen Inflation in der Schweiz (0,3 Prozent im März) im Vergleich zu den Inflationsraten in Deutschland (2,7 Prozent) und den USA (3,3 Prozent). Dies erlaube es der SNB, eine gewisse Aufwertung des Frankens zuzulassen, sagt der Ökonom, der für die SNB einst die Devisenreserven verwaltete, im Gespräch mit der F.A.Z.

Die Perspektive eines sich weiter aufwertenden Frankens könne ausländische Investoren dazu veranlassen, jetzt verstärkt in Schweizer Aktien zu investieren. Denn ihnen winke in den nächsten ein bis zwei Jahren ein Währungsgewinn, sagt Stucki. Zugleich geht er davon aus, dass sich der Schweizer Aktienmarkt besser entwickeln wird als andere Märkte, weil er nicht von Wachstumswerten, sondern von konservativen und dividendenstarken Titeln wie Roche, Novartis, Nestlé, Zurich und Swiss Re dominiert werde.

Noch hinterlässt diese defensive Aufstellung allerdings keine größeren Spuren: Mit aktuell 13.200 Punkten bewegt sich der Swiss Market Index (SMI), in dem die 20 gewichtigsten Aktien geführt sind, ungefähr auf dem Stand von Jahresanfang.

Source: faz.net