Sabine Auf der Heyde und Holle Münster inszenieren Miranda Julys Erfolgsroman von 2024 in Berlin. Ist das Theaterstück mit Fritzi Haberlandt so dringlich und fulminant wie die literarische Vorlage?
Anstiftung zum Ehebruch? Meike Droste und Fritzi Haberlandt bei der Uraufführung von „Auf allen vieren“ in den Berliner Sophiensaelen
Foto: Mayra Wallraff
Seit einer sehr langen Zeit werden das Innenleben und der Körper der Frau von Männern zugerichtet, imaginiert und interpretiert. Vom Scheiterhaufen bis zur Literatur, von der Nervenheilanstalt bis zum Film, vom Kreißsaal bis zum Theater. Frauen bleiben dadurch Fremde auf dieser Welt, die sich nicht zu Hause fühlen in einer Welt, die aus Bestimmungen daraus besteht, wer oder was sie zu sein haben.
Als 2024 der Roman Auf allen vieren der US-amerikanischen Allroundkünstlerin Miranda July erschien, schlug er ein wie ein Bewusstseinsgewitter in dieses allumfassende Fremdheitsgefühl. Das Buch fand auf einmal eine Sprache für das innere Toben und die unruhige Gewissheit von Mittvierzigerinnen, dass die Rollenangebote der Heteronormativität einfach nicht genug waren für Frauen mit einer „wanderlustigen Seele“.
Julys namenlose Erzählerin in der Perimenopause begibt sich, um ihrem Mann Durchhaltevermögen zu beweisen, auf einen Roadtrip durch die USA; verliebt sich kurz hinter L.A. in einen jüngeren Mann, mit dem sie in einem eigens eingerichteten Motelzimmer und Liebesnest drei Wochen intensive Intimität und Nähe erlebt. Nach ihrer Rückkehr verzweifelt sie an der Unvereinbarkeit ihres Verlangens mit dem Ehe-Dasein und geht eine radikale Selbsttransformation ein. „Frauen überdenken Ehe und Familienleben wegen Miranda July“, beschrieb die New York Times damals das literarische Phänomen.
Offenheit für eine intime Erzählung
Den persönlichen Zuschlag von July für die deutschsprachige Uraufführung bekam das Team um die Regisseurinnen Sabine Auf der Heyde und Holle Münster zusammen mit den Schauspielerinnen Fritzi Haberlandt und Meike Droste. Die Vorstellungen an den Berliner Sophiensaelen waren restlos ausverkauft.
Erwartungsvoll strömte das Publikum – gefühlt 90 Prozent Frauenanteil – in den Saal, bereit, sich zu einer Trennung vom Ehemann anstiften zu lassen. Fliederfarbene Liegewiesen und Betten sind zwischen den Zuschauerreihen aufgebaut; die Spielerinnen in gelben Trikots und lila Stiefeln umarmen zur Begrüßung ihre Freund:innen, alles atmet Nähe und Gemeinschaftlichkeit.
Es geht nicht ums Theater, sagt diese Atmosphäre, es geht um Offenheit für eine intime Erzählung. Der Roman lebt von ungehemmter Artikulation: die Lügen gegenüber dem fremd erscheinenden Ehemann; die einen zerreißenden Muttergefühle; Masturbation und Tagträume; das gedeckelte und schambesetzte Verlangen und Begehren nach anderen Körpern oder die Erfahrung, wie der junge Liebhaber den Tampon aus der Vagina zieht, dieses „fast schwarze Wesen aus Mittelerde“, bis zum Sex mit einer älteren Frau und wie es ist, „den Finger durch ihre nasse Ritze zu ziehen“.
Von vorne beginnen
Die beiden Schauspielerinnen treffen den das alles zusammenhaltenden schrägen Humor von Miranda July. Im Zwiegespräch, das die innere Reflexion widerspiegelt, entdecken und bestaunen sie ihr Innenleben und springen erzählerisch in alle Rollen und Situationen. Für diese haben die vier beteiligten Künstlerinnen passend kuriose Übersetzungen gefunden: Die Intensität des Verliebtseins wird als intensiv-zärtlicher Balztanz von zwei Vögeln (ja, genau) inszeniert.
Der Liebestanz für den sich verabschiedenden Geliebten, der ihm „direkt in den Schwanz“ gehen soll, ist ein halber Liebestod auf einem Fitness-Laufband. Die Musikerin am Rand spielt dazu süß-schwere Popsongs auf dem Klavier oder der Ukulele ein.
Die Adaption schafft es so auf sehr berührende Weise, hier für Frauen ein großes „Zimmer für sich allein“ zu kreieren, das bereits Virginia Woolf vor 100 Jahren in ihrer Perimenopause als Überlebensbedingung im Patriarchat ausmachte. Anscheinend ist es so, dass jede Generation von Frauen immer wieder von vorne anfangen muss.