Nach einem geschäftlichen Zuwachs im vergangenen Jahr zeigt sich Private Equity in Deutschland verunsichert für 2026 – hofft aber auf ein besseres Image des Standorts. Finanzinvestoren haben im vergangenen Jahr 10,7 Milliarden Euro Eigenkapital in deutsche Unternehmen investiert – das ist ein Sechstel mehr als im Vorjahr und der höchste Wert seit dem Jahr 2021, wie aus der Statistik des Branchenverbands BVK hervorgeht, die der F.A.Z. vorab vorliegt. Politische und wirtschaftliche Unsicherheit lässt Fachleute in ihren Prognosen für das laufende Jahr zögern.
Die Welt sei aus den Fugen geraten, sagte Ulrike Hinrichs, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des BVK, im Videogespräch. Das mache Prognosen schwierig. Sie schöpfte Hoffnung aus Signalen, wonach Investoren wieder positiver auf die größte Volkswirtschaft der EU schauten. Entsprechendes sei auf der jüngsten Branchenmesse Super Return im Sommer zu hören gewesen.
Der amerikanische Investmentmanager Adams Street ermittelte in seiner sechsten Umfrage unter institutionellen Investoren kürzlich, dass Europa in der Gunst der Anleger erstmals die USA überholt habe. Deutsche-Bank-Vorstandsvorsitzender Christian Sewing sagte im F.A.Z.-Gespräch, in Davos habe die Überschrift im vergangenen Jahr sinngemäß noch geheißen „Europa und Deutschland sind uninvestierbar“. Dieses Jahr sei die Stimmung um 180 Grad gedreht gewesen. „Viele wollen nach Europa, insbesondere nach Deutschland.“
Bain errechnet Volumenanstieg um 136 Prozent
Hinrichs nannte solche Indizien für eine neue Stimmung sowie Investitionsoffensiven aus Politik und Wirtschaft als mögliche Treiber für das Private-Equity-Geschäft hierzulande. Weltpolitische Unsicherheit und Energiepreise machten Vorhersagen aber unsicher. Mit Blick auf das Investitionsvolumen 2026 gegenüber dem Vorjahr sagte sie, „dass wir sicherlich den selben Wert erzielen können“.
Der BVK unterscheidet sich mit seinen Erhebungen in zwei wichtigen Parametern von anderen Statistiken: Er legt nur die formal abgeschlossenen Verkäufe zugrunde und nur das eingesetzte Eigenkapital. Dagegen kalkulieren die meisten Datendienstleister auf Basis des Ankündigungsdatums und des Transaktionswerts einschließlich Fremdkapital. Die Beratungsgesellschaft Bain rechnet vor, dass sich auf dieser Basis das addierte Volumen der Transaktionen im deutschsprachigen Raum im vergangenen Jahr weit mehr als verdoppelte, es stieg nämlich um 136 Prozent auf 61 Milliarden Dollar. Bain berücksichtigt dabei auch die viele Milliarden schwere Übernahme der BASF-Lackesparte durch Private Equity, die angekündigt, aber noch nicht abgeschlossen ist.
Finanzinvestoren spielen seit Jahren eine zentrale Rolle im Geschäft mit Fusionen und Übernahmen (Mergers & Acquisitions, kurz M&A). Global trug Private Equity nach Erhebungen verschiedener Investmentbanken zuletzt etwa ein Drittel zum addierten M&A-Volumen bei. Bei deutscher Beteiligung waren im vergangenen Jahr nach Berechnung der Beratung Oaklins Finanzinvestoren in 38 Prozent der Transaktionen dabei.
Der Druck zum „Exit“ nimmt zu
Der Druck auf der Branche lastet immer schwerer, denn die Haltedauer der Beteiligungen steigt und steigt. Wie Bain in seinem jüngsten Private-Equity-Report vorrechnet, sind Investments global inzwischen im Durchschnitt sieben Jahre alt, bevor sie einen Exit schaffen. In der Periode von 2010 bis 2021 lag der Wert bei fünf bis sechs Jahren. Der Wert der noch nicht verkauften Unternehmen in den Private-Equity-Portfolios erreichte 2025 mit 3,8 Billionen Dollar einen Rekord.
So nimmt der Druck zu „Exits“ zu – also zum Ausstieg, entweder über den direkten Verkauf an Konkurrenten oder über einen Börsengang. Zunehmend werden als dritte Option Fortsetzungsfonds (Continuation Funds) beliebt, in denen ein Finanzinvestor eine Beteiligung oder mehrere von einem auslaufenden Fonds in einen neuen Fonds unter eigener Ägide schiebt.
Doch die Geldgeber zögern, den Beteiligungsgesellschaften neue Zusagen zu geben, bevor sie nicht mehr Rückflüsse aus den alten Fonds erhalten. Das registriert auch der BVK: Die durch deutsche Häuser eingeworbenen Mittel sanken 2025 auf 2,8 Milliarden Euro und damit auf weniger als die Hälfte im Vergleich zum Vorjahr. Ein Lichtblick in der internationalen Perspektive kam am Montag vom skandinavischen Private-Equity-Haus Triton, das den Abschluss eines Fonds im Volumen von 5,5 Milliarden Euro meldete.
Investmentbanker zeigen sich vorsichtig, so auch Berthold Fürst, für die Deutsche Bank Leiter des Investmentbankings und Kapitalmarktgeschäfts im deutschsprachigen Raum. Er rechnet damit, dass das M&A-Geschäft global vorerst eher von Konzernen („Strategen“) bestimmt werde. „2026 dürfte stärker von strategischen Unternehmenskäufern geprägt sein als von Private-Equity-Investoren.“ Unternehmen mit robusten Bilanzen dürften gezielt zukaufen, auch ohne hohen Krediteinsatz. „Private Equity bleibt präsent, agiert aber vermutlich selektiver bei der Veräußerung von Portfolio-Unternehmen. Die gestiegene wirtschaftliche Unsicherheit hilft natürlich keinem.“
Christian Wagner, Leiter des Investmentbankin im deutschsprachigen Raum für Barclays, sieht die Private-Equity-Welt „seit fünf Jahren in schwerem Fahrwasser – mit jährlich wechselnden Stürmen und ohne längere Verschnaufpause“. Zu den derzeitigen Herausforderungen gehörten Energiekosten und Lieferkettenstörungen, erwartete Inflation und Umbrüche durch KI bis hin zu Kapitalumschichtungen zwischen den Weltregionen.