In Leipzig droht etwas, das es in bald vierzig Jahren deutscher Literaturhausgeschichte – das erste öffnete 1986 in Berlin – noch nie gegeben hat: Schließung. Im Januar wird das Leipziger Literaturhaus fristgerecht, aber notgedrungen den Mietvertrag für seine angestammten Räume im Haus des Buches an der Prager Straße kündigen, im März 2027 wird dort dann das Licht ausgehen. Würde diese Kündigung unterbleiben, riskierte der Trägerverein eine Klage wegen Insolvenzverschleppung, sagt der Literaturhausleiter Thorsten Ahrend dieser Zeitung. Die seiner Institution zur Verfügung stehenden Mittel werden 2027 zu Ende gehen.
Dann wird das Leipziger Literaturhaus eine mehr als dreißigjährige Geschichte hinter sich haben, während derer es nie auch nur einen Cent institutioneller Förderung seitens der Stadt erhalten hat. Das müsste sich ändern, wenn es weitergehen soll. Eine Konzeption dazu liegt vor, es geht darin um einen Betrag in Höhe von jährlich 205.000 Euro. Das sind weniger als 0,1 Promille des gegenwärtigen städtischen Haushalts, nicht einmal ein Dreizehntausendstel. Und als Betrag ohnehin ein Witz, wenn man ihn mit den Budgets anderer Literaturhäuser in München, Stuttgart, Frankfurt, Hamburg oder Berlin vergleicht, die alle mit einem Vielfachen davon wirtschaften. Die 150 Veranstaltungen, die das nur 2,5 Stellen umfassende Team 2024 ausgerichtet hat, halten dagegen jeden Vergleich aus.
Kein Geld dem „Glücksfall für die Stadt“
Im laufenden Jahr begrüßte das Literaturhaus bereits Gäste wie die aktuelle Büchnerpreisträgerin Ursula Krechel, die Friedensnobelpreisträgerin Irina Scherbakowa, internationale Größen wie Ian McEwan oder Omri Boehm, Erfolgsautoren wie Steffen Mau, Peter Sloterdijk oder Uwe Wittstock, Literaturwissenschaftler wie Jan-Philipp Reemtsma, Michi Strausfeld oder Tilmann Lahme, Schriftsteller wie Durs Grünbein, Helene Hegemann, Ines Geipel, Christoph Hein oder Katja Lange-Müller. Gar nicht gerechnet die Heimspielfunktion für die Leipziger literarische Szene mit überregional berühmten Akteuren wie Martina Hefter, Clemens Meyer oder Dirk Oschmann. Dazu sieb-zehn Literaturvermittlungsveranstaltungen für Kinder und Jugendliche.
Seit 2019 leitet Ahrend das Haus. Den lange im deutschen Literaturbetrieb maßgebenden Lektor und deshalb bestens vernetzten Akteur (zudem mit ostdeutscher Herkunft) nennt man im Leipziger Rathaus einen „Glücksfall für die Stadt“. Und das Literaturhaus selbst gilt als „must have“. Aber die Kassen sind knapp, der kürzlich erst beschlossene Doppelhaushalt für die Jahre 2025/26 ist wegen der finanziellen Schieflage der Stadt genehmigungspflichtig durch die Landesdirektion – das hat Leipzig mit vielen Kommunen gemeinsam. Eine Gewährung „neuer freiwilliger Leistungen“ schließt die Landesdirektion aus.
Da rächt es sich, dass das Literaturhaus bisher nicht mit einem festen Betrag von der Stadt gefördert wurde: Weil es keine Verpflichtung für Leipzig gab, gälte jeder finanzielle Beistand jetzt als freiwillig. Trotzdem will die Mehrzahl der im Stadtrat vertretenen Parteien das Literaturhaus erhalten, denn schon der Imageschaden für die „Buchstadt“ Leipzig wäre gewaltig. Das weiß auch eine der eifrigsten Befürworterinnen der Bewahrung, die Leipziger Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke, der Ambitionen nachgesagt werden, für ihre Partei Die Linke bei der 2027 anstehenden Oberbürgermeisterwahl anzutreten. Dadurch könnte das Literaturhaus ein heißes Wahlkampfthema werden. Gerade deshalb ist nicht damit zu rechnen, dass es vorab zu einer Lösung kommen wird.
Wie Leipzigs Literaturhaus bislang zu seinen Mitteln kam
Der Ruf der deutschen Literaturhäuser ist blendend, das Modell gilt weltweit als vorbildlich, aber finanzielle Probleme müssen lokal gelöst werden – und es gibt sie derzeit überall. Das Ende des Leipziger Hauses wäre deshalb ein Menetekel, auch wenn seine Geschichte anders verlaufen ist als die der Schwesterinstitutionen. Lange Zeit war es das einzige seiner Art in den damals neuen Bundesländern, nach wie vor ist es das einzige im Freistaat Sachsen.
1990 waren aus dem Etat des damals noch existierenden DDR-Kulturministeriums Mittel nach Leipzig geflossen, um dessen traditionelle Rolle als Buchstadt aufzupolieren. Damit wurde etwa die Universitätsbibliothek unterstützt oder auch der Einzug des Literaturhauses in dessen jetziges Domizil. Das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Haus des Buches, architektonisches Aushängeschild des vor zweihundert Jahren in Leipzig gegründeten Börsenvereins des deutschen Buchhandels, wurde am alten Standort neu errichtet und sollte Verlage beherbergen, aber die gab es bald nach der Wende kaum noch in Leipzig. Also entstand die Idee, dort nach dem Vorbild der westdeutschen Literaturhäuser ein Lesungs-, Diskussions- und Buchvermittlungsprogramm anzubieten.
1996 war das Gebäude fertig, und die Veranstaltungen gingen los, getragen von einem eigens dazu gegründeten Verein namens „Kuratorium Haus des Buches“, dem für Miete und Programmgestaltung ein finanzieller Grundstock von mehreren Millionen Euro aus den Zuwendungen des Jahres 1990 zur Verfügung gestellt wurde, seit 2005 lautet der Name auch offiziell „Literaturhaus“. Zunächst konnten die Aktivitäten aus den Zinserträgen finanziert werden, aber in der seit langem anhaltenden Niedrigzinsphase muss zur Deckung der laufenden Kosten auf das Kapital zurückgegriffen werden, das zudem durch Ausfälle am Anlagemarkt weiter vermindert wurde. Zu Beginn des kommenden Jahres wird voraussichtlich noch etwas mehr als eine halbe Million übrig sein. Das reicht bis Ende 2027.
Im Moment kommen alle negativen Faktoren zusammen
Thorsten Arend war deshalb schon vor dreieinhalb Jahren im Leipziger Kulturausschuss vorstellig, um eine Lösung vorzuschlagen: Einstieg der Stadt bei gleichzeitig verstärkter Suche des Vereins nach weiteren Partnern. 2024 etwa wurden deren 49 gewonnen für Kooperationen mit dem Literaturhaus, die diesem Geld sparten. Aber eine Stadt kann nicht Beschlüsse für noch gar nicht anhängige Haushaltsjahre fassen, also war der Vorzug, noch jahrelang aus eigener Kraft wirtschaften zu können, ein Nachteil; die Stadt war nicht aktuell gefordert. Und nun, da sie es ist, kommt viel zusammen: Der Verein hat bald kein Geld mehr, Leipzig hat schon jetzt kein Geld mehr, das Literaturhaus hat bald kein Domizil mehr, und der Bürgermeisterwahlkampf 2027 dräut.
So wäre es ein Wunder, wenn sich die Stadt jetzt spontan für ihr Literaturhaus erklärte, auch wenn alle Beteiligten damit rechnen, dass es doch noch eine Lösung geben wird. Aber wohl erst zu Ultimo, also im Jahr 2027, wenn ohnehin ein neuer Doppelhaushalt ansteht und der Stadtrat einen Beschluss zur institutionellen Förderung treffen könnte, an dem die Landesdirektion dann nicht so einfach vorbeikönnte: Wie man aus Erfahrung weiß, scheut sie die Enttäuschung gewählter Gremien.
Und doch wird man noch träumen dürfen
Aber alle wissen auch, dass die kommunale Kassenlage sich nicht bessern wird. Deshalb hat das Literaturhaus bei seinen Hoffnungen auf die Stadt bereits abgespeckt: eben 205.000 Euro statt der etwa 270.000, die der Trägerverein wohl in diesem Jahr aufzuwenden hat. Dessen Vorstandsmitglied Stephanie Jacobs macht im Gespräch mit dieser Zeitung kein Hehl daraus, dass man künftig die Veranstaltungszahl reduzieren muss. Doch als Forum für Literatur und öffentliches Gespräch könnten die Aktivitäten abseits des Hauses verstärkt werden – was wegen des absehbaren Auszugs eh zwingend wäre. Man will dahin gehen, wo die Leipziger sind, denn die Randlage, die man im Haus des Buches innehat, war stets ein Hemmnis für den Publikumsbesuch (etwa 10.000 pro Jahr) – rund herum gibt es vor allem Gewerbe.
Ein Platz im Zentrum hatte schon Skadi Jennicke vorgeschwebt, als sie vor der Pandemie einen Einzug des Literaturhauses ins Hauptgebäude der Stadtbibliothek ins Auge fasste, das dafür allerdings hätte aufgestockt werden müssen. Daran scheiterte der Plan. Derzeit wäre das noch schwieriger, aber das Literaturhaus dort einziehen zu lassen, ist auch die Vorstellung des ehemaligen Leipziger Buchmessedirektors Oliver Zille, der jetzt dem Trägerverein angehört. Auch er will sich die Buchstadt nicht ohne Literaturhaus vorstellen.
Aber weiter mit einem, das schon immer vergleichsweise unterfinanziert war, obwohl seine Rolle in der Stadtgesellschaft wichtig ist? Was es braucht, ist keine Notlösung, sondern ein Bekenntnis, auch finanziell, womöglich mit Einwerbung von Landesmitteln. Dem Vernehmen nach ist das ein Plan, der derzeit im Rathaus verfolgt wird. Dann, so heißt es, seien auch mehr als 205.000 Euro städtische Förderung möglich. Fast zu schön, um wahr zu sein. Aber was wäre das für ein Signal für Leipzig, Sachsen und für die Literaturhäuser im ganzen Land!
Source: faz.net