Aktien und Fonds werden unter jungen Menschen immer beliebter, auch in der Altersvorsorge. Gleichzeitig zeigt die von Ihnen mit herausgegebene Metall-Rente-Studie, dass junge Menschen nur über begrenztes Finanzwissen verfügen, insbesondere was das Thema Risikostreuung betrifft. Das ist eine gefährliche Kombination, oder?
Ja. Wenn junge Menschen nur in breit gestreute ETFs investieren würden, dann wäre das Risiko zumindest relativ gering. Aber selbst dann wäre es besser, wenn sie bewusst investieren und Chancen und Risiken kennen würden. Ein Grundverständnis der Funktionsweise von Märkten und von Finanzprodukten ist sehr wichtig – nicht nur für Einzelne, sondern auch für die Gesellschaft. Finanzbildung ist Demokratiebildung.
Legen die meisten jungen Menschen denn in relativ risikoarme ETFs an, oder handeln sie eher viel und mit Einzelaktien trotz geringen Finanzwissens?
Unter den Anlegern verfolgen besonders junge Männer zuweilen eher suboptimale Finanzstrategien. Wenn Frauen – junge wie ältere – an die Börse gehen, dann sind sie meist die besseren Anleger. Sie haben den längeren Atem, handeln nicht ständig, spekulieren weniger. Aber wir wissen natürlich nicht, was passiert, wenn mehr Frauen anlegen. Obwohl es besser geworden ist, sind Finanzen noch immer ein Männerthema.
Welche Faktoren spielen abgesehen von dem Geschlecht noch eine Rolle?
Bildung, die finanziellen Mittel und das Elternhaus spielen auch eine Rolle. Es macht einen Unterschied, wenn am Frühstückstisch über Aktienkurse und Vorgänge an der Börse gesprochen wird und Kinder ganz allgemein in finanzielle Entscheidungen eingebunden werden. Umgekehrt können Erfahrungen mit Geldmangel und Verschuldung eine große emotionale Hürde sein, sich mit Finanzthemen auseinanderzusetzen. Bestehende Ungleichheiten werden durch Wissensunterschiede bei Finanzthemen verstärkt. Diesen Mechanismus müssen wir an irgendeiner Stelle unbedingt durchbrechen. Wir brauchen nicht noch mehr Informationsmaterial, sondern wir müssen die Leute da abholen, wo sie sind.
Also mehr Finanzbildung in der Schule?
In der Schule können wir einen Großteil eines Jahrgangs erreichen. Dort können wir Grundlagen vermitteln: Was ist Wirtschaft? Wie funktioniert ein Markt? Was ist Risiko? Wie gehe ich mit Geld um? Aber Finanzbildung kann man nicht allein in der Schule auf Vorrat lernen. Wir brauchen über die Lebensspanne hinweg immer wieder Möglichkeiten, dieses Wissen zu erweitern oder aufzufrischen – insbesondere dann, wenn sich an der finanziellen Situation etwas verändert.
Zum Beispiel?
Der Einzug in die erste eigene Wohnung. Auszubildende könnten wir da in den Berufsschulen heranführen, Studierende in der Mitte oder gegen Ende ihres Studiums. Oder wenn das erste Kind unterwegs ist: in Elternkursen, in Schwangerschaftsvorbereitungskursen oder über Hebammen. In Überschuldungssituationen müssen wir Schuldnerberater oder Sozialarbeiter entsprechend schulen.
Vielleicht etwas makaber, aber was ist mit Scheidungsanwälten oder Beerdigungsinstituten?
Das sind gute Beispiele. Oft ist es immer noch so, dass gerade Frauen nach einer Scheidung oder nach dem Tod ihres Ehemanns vor dem Nichts stehen und sich vorher nie mit Finanzen beschäftigt haben. Wir brauchen Angebote, die so zielgruppenspezifisch sind, dass sie wirklich an die Lebensrealität anknüpfen – auch in solchen Momenten. Das ist natürlich nicht einfach, aber auch nicht unmöglich.
Im Internet und in sozialen Medien finden sich viele Informationen – auch teils sehr zielgruppenspezifisch. Ist das hilfreich?
Es gibt zu viele Informationen. Viele Menschen können nicht mehr einschätzen, ob die Informationen unabhängig sind oder nicht. Auch die sogenannten Finfluencer (Finanz-Influencer) haben ein Geschäftsmodell. Das ist an sich nichts Kriminelles, aber das ist wichtig zu verstehen, um die Informationen richtig einzuordnen. In öffentlich einsehbaren Beiträgen von Finfluencern in den sozialen Medien greifen zumindest noch gewisse Kontrollmechanismen. Verbraucherschützer können darauf reagieren, gegebenenfalls klagen. Bei dubiosen Finanzcoaches ist das viel schwieriger, das läuft im Privaten. Und von skurrilen Tipps wie Anlegen nach Mondphasen bis hin zu wirklich kriminellen Organisationen gibt es da alles. Gerade junge Menschen sind mit dieser Informationsflut allein gelassen worden, die Politik hat das lange verschlafen.
Deutschland ist eines der letzten OECD-Länder ohne nationale Finanzbildungsstrategie, ist das ein großer Nachteil?
Ja, das ist fatal. Eine Strategie würde dabei helfen, Rahmenbedingungen zu setzen und Initiativen zu bündeln. Bis zur Initiative Finanzielle Bildung hat sich in Deutschland kaum jemand für Finanzbildung starkgemacht. Der Bund hat immer gesagt, Bildung sei Ländersache. Das ist zwar richtig, aber es gibt ja auch noch Lernorte außerhalb der Schule.
2023 haben das Finanz- und das Bildungsministerium mit der Initiative Finanzielle Bildung einen Auftakt zur Erarbeitung einer Finanzbildungsstrategie gemacht. Was ist daraus geworden?
Die Initiative beruht auf drei Aktionsplänen. Erstens ging es um den Aufbau der Informationsplattform „Mit Geld und Verstand“. Bisher finden sich dort allerdings hauptsächlich Informationsangebote öffentlicher Anbieter wie der Bundesbank oder der Rentenversicherung. Zweitens sollte gemeinsam mit der OECD eine nationale Finanzbildungsstrategie entwickelt werden. Dazu gab es bereits einen Gesetzesentwurf, der durch das Ende der Ampelkoalition allerdings nicht verabschiedet werden konnte. Die Forschungsförderung, der dritte Aktionsplan, konnte glücklicherweise umgesetzt werden.
Was wird da konkret erforscht?
Insgesamt werden 28 Forschungsprojekte zur Finanzbildung – von der Messung finanzieller Kompetenzen bis zur Evaluation konkreter Bildungsmaßnahmen – gefördert. Ein zentrales Element ist das Verbundprojekt Metafin, das ich gemeinsam mit Kollegen vom Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und dem Institut für ökonomische Bildung (IÖB) leite. Hier beschäftigen wir uns unter anderem damit, wie Ergebnisse verständlich aufbereitet und für Politik, Praxis und Öffentlichkeit nutzbar gemacht werden können. Ein wichtiges Instrument dafür ist das Clearinghouse Finanzbildungsforschung (CHF) als eine Art „Übersetzungsstelle“: Forschungsergebnisse werden dort gebündelt und so aufbereitet, dass man beispielsweise sehen kann, welche Maßnahmen in der Finanzbildung wirken und wie diese gestaltet sein sollten.
Was wissen wir über die Effektivität bestehender Finanzbildungsangebote – von Workshops bis zu Börsenplanspielen?
Nicht sehr viel. Als es um die Entwicklung der Finanzbildungsstrategie ging, haben wir rund 170 Finanzbildungsangebote angesehen. Nur bei einem Bruchteil gab es eine solide Evaluierung. Obwohl für die Angebote teilweise recht viel Geld in die Hand genommen wurde, wissen wir so gut wie nichts darüber, ob sie wirklich einen Lernzuwachs erbringen, geschweige denn, ob sie langfristig zu einem besseren Finanzverhalten beitragen. Derzeit werden somit sehr viele Ressourcen verschwendet, weil jeder meint, er müsste noch etwas anbieten. Ich fände es sinnvoller, die Ressourcen stärker zu bündeln und dafür mehr in Qualität zu investieren. Was wir letztlich brauchen, sind gültige Qualitätsstandards und ein besseres Verständnis darüber, was wirklich wirkt und was nicht. Das muss systematisch angegangen werden.
Brauchen wir dafür mehr Regulierung?
Ich denke, es braucht eine kluge Kombination aus Bildung und Regulierung. Denn auf Finanzmärkten haben Anbieter oft einen deutlichen Wissensvorsprung. Man spricht hier von Informationsasymmetrien. Zudem sind manche Finanzprodukte so komplex, dass vermutlich selbst ein BWL-Studium ohne Spezialisierung auf Finanzen nicht ausreicht, um sie vollständig zu durchdringen. Das lässt sich nicht einfach durch mehr Bildung ausgleichen, auch weil Bildung ein langfristiger Prozess ist. Deshalb braucht es zusätzlich klare Regeln und Leitplanken, die Verbraucherinnen und Verbraucher schützen und Risiken begrenzen. Bildung kann Menschen befähigen, bessere Entscheidungen zu treffen – aber Regulierung muss dafür sorgen, dass sie nicht in systematische Fallen geraten.
Anfang 2025 forderte die Finanzministerkonferenz einstimmig eine nationale Finanzbildungsstrategie. Wird die Strategiebildung wieder aufgenommen?
Ich denke ja, aber in welchem Tempo und mit welcher genauen Ausgestaltung, ist derzeit noch unklar. Nach dem Bruch der Ampelkoalition war das wohl erst mal nicht Priorität Nummer eins, obwohl es kaum jemanden gibt, der Finanzbildung nicht als wichtig ansieht. Problematisch finde ich, dass viele Finanzen noch mit Unsicherheit und Angst verbinden statt mit Selbstbestimmung und Gestaltungsspielraum. Letzteres wäre gerade für junge Menschen und insbesondere junge Frauen so wichtig. Finanzielle Unabhängigkeit ist doch etwas Schönes. Alle Akteure sollten hier einen Ton anschlagen, der nicht auf Panikmache beruht. Wir brauchen eine Qualitätsoffensive, damit die Informationen bei den Menschen ankommen, die sie am dringendsten brauchen.
Source: faz.net