Nach Ansicht der Finanzaufsicht Bafin blenden viele Privatanleger, Banken und Versicherer gerade gefährliche Risiken aus. Im Boom rund um Künstliche Intelligenz (KI) stecke Enttäuschungspotential. Nicht nur viele Technologieaktien, sondern auch die Kurse von Rechen- und Datenzentren sowie Stromversorgern seien auf Rekordniveau geklettert. An den Anleihemärkten sende die wachsende Verschuldung vieler Staaten Warnsignale, doch an den Märkten seien die Risikoaufschläge nach den rund um den „Liberation Day“ im April 2025 eskalierten Handelskonflikten sogar gesunken, heißt es. Dies werfe die Frage auf, ob Ausfallrisiken hinreichend berücksichtigt werden.
Auch Europas Abhängigkeiten zu den USA, etwa die von Großbanken nach Refinanzierungen in Dollar, treibt die Finanzaufsicht um. Wenn es angesichts der globalen Unsicherheiten mit dem Marktoptimismus so weitergehe, „muss es irgendwann knallen“, sagte Bafin-Präsident Mark Branson auf einer Pressekonferenz am 28. Januar in Frankfurt.
Ende Januar berichtet die Bafin traditionell, auf welche Risiken für Anleger, Banken, Versicherer und Verbraucher sie im laufenden Jahr besonderes Augenmerk legt. Entwarnung gab Deutschlands oberster Finanzaufseher für 2026 nur beim Thema Wohnimmobilien. Dieser Markt habe sich in Deutschland normalisiert, Branson sprach von einem „moderaten Aufwärtstrend bei Preisen und Kreditvergabe“. Der Markt für Gewerbeimmobilien wie Büros und Shopping-Center bleibe dagegen fragil und berge „hohe Risiken“. Branson zeigte Verständnis dafür, dass Privatanleger Mittel aus offenen Immobilienfonds abzögen. Es gebe anderswo bessere Renditechancen. Wenn die Mittelabflüsse weitergingen, dürften weitere kleine Immobilienfonds schließen müssen. Die größeren Fonds hingegen hätten es leichter, Immobilien zu verkaufen.
Weitere offene Immobilienfonds von Schließung bedroht
Mitte Januar war bekannt geworden, dass die Wertgrund Immobilien AG Anlegern gekündigte Anteile an ihrem Immobilienfonds „Wertgrund Wohnselect D“ nicht länger abkauft. Offensichtlich verfügt der Fonds nicht über genügend Liquidität. Branson sagte dazu, es gebe eine „Diskrepanz“ zwischen dem, was in Immobilienfonds drin sei und wie sie verkauft würden, nämlich als schwankungsarme Anlage. Daran sei auch die Regulierung schuld, die nicht auf den illiquiden Inhalt abziele.
Unabhängig vom Ausgang anhängiger Rechtsverfahren bis hin zum Europäischen Gerichtshof widerspricht es nach Meinung des Bafin-Chefs dem „gesunden Menschenverstand“, wenn offene Immobilienfonds von verkaufenden Banken und Sparkassen gegenüber Anlegern in niedrige Risikokategorien eingestuft werden. Denn neben den oft geringen Wertschwankungen gehöre eben auch die nicht immer gegebene Liquidität der Immobilien zu den Risiken.
Das dominante Thema auf der Pressekonferenz war die Zusammenarbeit mit den USA und deren hohe Staatsverschuldung. „Die Märkte könnten die Rolle des US-Dollars als globale Leitwährung infrage stellen“, sagte Branson. Daher sei es wichtig, dass jede deutsche Großbank ihr Refinanzierungs-Profil in jeder Währung kenne. Die Bankaufseher treibe um, wie schnell sich in einer Liquiditätskrise ein Vermögensgegenstand in Fremdwährung in der Bilanz zu Geld machen lasse. Historisch könne er sich an keine Finanzkrise erinnern, in der die USA nicht der Stabilitätsanker gewesen seien, sagte Branson.
Die Dollar-Risiken der Banken und der Stablecoins
Auf die Frage, ob die amerikanische Notenbank Fed auch künftig wie üblich Dollar mit „Swap-Linien“ zur Verfügung stellen werde, sagte Branson, es gebe keine Anzeichen dafür, dass sie es nicht tun werde. Es gebe dafür aber keine gesetzliche Verpflichtung. Bisher habe die Fed stets im globalen Interesse Dollar zur Verfügung gestellt. Viele hätten in Krisen einen Reflex: „Ich will Dollar.“
Zuvor hatte der Bafin-Chef in seiner Rede allgemeiner vor Versuchen in den USA gewarnt, Institutionen zu politisieren. Dann könnten internationale Kooperationen im Krisenfall möglicherweise nicht wie in der Vergangenheit funktionieren. „Wir leben in einer Welt, die sich immer mehr deglobalisiert“, sagte der Finanzaufseher. Dabei sei es wichtig, aus der Vergangenheit zu lernen und die Regeln für Finanzmärkte, Banken und Versicherer stetig zu verbessern. Als Reaktion auf die Verwerfungen nach dem starken Zinsanstieg im Jahr 2022 habe man noch gar keine globalen Schlüsse vereinbart, beklagte Branson. Dabei stellten sich längst neue Fragen. Etwa zu Stablecoins wie Tether und Circle: Diese Kryptowährungen versprechen anders als Bitcoin und Ether einen stabilen, an den Dollar gekoppelten Wert, dafür halten sie Reserven vor. Doch Stablecoin-Anbieter könnten zu Notverkäufen von US-Staatsanleihen gezwungen sein, um das Stabilitätsversprechen zu halten.
Auch sollten Finanzaufseher nach Ansicht von Branson Jamie Dimon ernst nehmen. Der Vorstandschef der größten US-Bank J.P. Morgan hatte das starke Wachstum von Privatkreditfonds im Gegensatz zu Bankkrediten damit begründet, dass diese „Private-Credit-Fonds“ nicht so scharf wie Banken reguliert seien. Allerdings sei dieser „Schattenbankensektor“ eng mit Banken vernetzt. Dies zeigte die Insolvenz des US-Autozulieferers First Brand, der sich mit dem bei Kreditfonds in Zahlung gegebenen Lieferantenrechnungen offenbar lange über Wasser gehalten hatte und dann Kreditausfälle bei US-Regionalbanken auslöste. Branson ermunterte Wirtschaftsprüfer, deutschen Banken höhere Kreditrisikovorsorge zu erlauben. Schließlich seien 2025 die Insolvenzzahlen in Deutschland gegenüber 2023 um mehr als 30 Prozent gestiegen, aber viele Banken sähen noch keine konkreten Kreditausfälle und seien profitabel genug, um sich nun zu wappnen.
Erstmals analysierte die Bafin in ihrem jährlichen Bericht auch konkrete Risiken für Verbraucher. Hier warnte die Behörde vor einer drohenden Überschuldung durch „Buy now, pay later“-Angebote, bei denen Konsumgüter sofort gekauft, aber erst später bezahlt werden. Bei Krediten unter 200 Euro gebe es keine Risikoprüfung, zu viele Verbraucher ließen sich verleiten und gerieten in die Überschuldung. Zudem seien durch soziale Medien angeheizte Investitionen von Privatleuten in Kryptowerte ein Problem. Jeder, der etwa Bitcoin kaufe, müsse wissen, dass dahinter kein „inhärenter Wert“ liege. „Ich will niemandem verbieten, ins Kasino zu gehen“, warnte der Bafin-Präsident: „Aber man sollte genau wissen, was man tut, wenn man sich an den Spieltisch setzt.“
Source: faz.net