Eine Welle neuer Musicals trotzt dem grauen November in Nordrhein-Westfalen. Um heile Welt allein geht es dabei schon lange nicht mehr
Auftritt Dorothy. Plötzlich stehen nicht mehr Romeo und Julia im Mittelpunkt sondern die Amme. Die Nebenrolle wird zum Star. Obwohl die hagere Schauspielerin mit Margaret-Thatcher-Nostalgiefrisur und Brille nicht gerade gängigen Schönheitsidealen folgt. Aber sie hat Ausstrahlung und Menschlichkeit. Einziges Problem: Dorothy ist eigentlich Michael. Er hat sich aus purer Not als Frau verkleidet, weil er als Mann keine Rollen bekommen hat.
Das Musical „Tootsie“ begeistert gerade das Publikum in Bonn. Nicht nur dort hat das Genre gerade Hochkonjunktur. An vielen NRW-Theatern hatten und haben neue Stücke Premiere, die oft Filmklassiker mit Gesang und Tanz auf die Bühne bringen. Doch neben dem Entertainment gibt es oft überraschende Tiefen und Offenheit für gesellschaftliche Probleme. Genau das macht die zeitgenössischen Musicals so interessant.
Männer in Frauenkleidern – das klingt zunächst nach altmodischem Herrenwitz. Wenn man allerdings dazu Geschichten mit ernsthaftem Hintergrund erzählt, können bewegende Theaterabende entstehen. Im Düsseldorfer Capitol-Theater hat Anfang November „Mrs. Doubtfire“ Deutschlandpremiere. Die Kinokomödie mit Robin Williams war einer der erfolgreichsten Filme des Jahres 1993 und erzählt die Geschichte eines Vaters, der nach der Scheidung seinen Kindern weiter nah sein möchte. Als seine Ex nach einer Haushaltshilfe sucht, verkleidet er sich als Mrs. Doubtfire.
Vorlage ist ein populärer Kinofilm aus den 80er-Jahren
Ebenfalls aus der Not heraus verwandelt sich in „Tootsie“ ein arbeitsloser Schauspieler als Frau. Auch hier ist die Vorlage ein populärer Kinofilm, 1982 war Dustin Hoffman in der Titelrolle zu bewundern. Er machte sich vorher viele Gedanken, ob es ihm gelingen würde, glaubhaft eine Frau zu verkörpern. Eine schrille Drag-Nummer wollte Hoffman auf keinen Fall abliefern. Auch das Musical ist kein queeres Spektakel im Stile von „La Cage aux Folles – ein Käfig voller Narren“. Regisseur Gil Mehmert legt in seiner Inszenierung am Theater Bonn viel Wert auf die Hintergründe.
Das 2018 in Chicago uraufgeführte Stück verändert den Film in einem wichtigen Punkt. Dustin Hoffman kriegt auf der Leinwand eine Rolle in einer TV-Soap und wird dort zum Star. Julian Culemann, der die Rolle nun in Bonn spielt, bewirbt sich auf eine frei gewordene Stelle in einem „Romeo und Julia“-Musical. So wird aus einer Mediensatire eine hinreißend ironische Persiflage auf den Broadway – und gleichzeitig eine Huldigung an das Musical. Grandios ist eine Choreographie, in der das Ensemble bekannte Klischeegesten vereinen und ausstellen. Es gibt einen eitlen und übergriffigen Regisseur, eine machtbewusste Produzentin, einen Reality-TV-Star als Romeo – und Michael Dorsey, einen Schauspieler mit sehr hohem Anspruch. Er stellt Fragen, will seine Rolle und das ganze Stück verbessern – und ist für die Leute, die einfach schnell die nächste Show auf die Bühne donnern wollen, eine Probenbremse. Deshalb kriegt er keinen Job. Bis er zu Dorothy Michaels wird.
In den USA haben einige Gruppen dem Stück Feindlichkeit gegenüber Transpersonen vorgeworfen. Weil der Spiel mit den Geschlechterrollen wieder zu einer Mann-Frau-Beziehung führt. Vielleicht liegt es an der pointierten und sehr eleganten Übersetzung von Roman Hinze, dass in der Bonner Inszenierung überhaupt keine Feindseligkeit zu erkennen ist. Klar, „Tootsie“ ist nicht queer, Dorothy ist immer Michael, ein heterosexueller Mann, der eine Frau spielt, weil er nicht anders kann. Und der sich hemmungslos in die Hauptdarstellerin Julie verliebt. Was leicht nachvollziehbar ist, denn Julie wird von Bettina Mönch gespielt, einer der besten Musicaldarstellerinnen derzeit, schauspielerisch wahrhaftig, stimmlich grandios und überwältigend temperamentvoll.
Doch natürlich ist Julian Culemann der Star der Aufführung. Er muss stimmlich variabel sein, in den Höhen weiblich, in den Tiefen männlich klingen, ohne dass die Stimme jemals verstellt klingt. Er muss die großen Nummern abliefern, aber auch in den intimen Szenen große Sensibilität entwickeln. All das gelingt Julian Culemann perfekt. Überhaupt ist „Tootsie“ ein richtiger Hammer, Jürgen Grimm gibt der Band Feuer, jede Rolle ist prima besetzt. Wie präzise und effektvoll Komponist und Textdichter David Yazdek arbeitet, sieht man am besten an der Rolle von Sandy (hinreißend Vera Bolten), einer Freundin Michaels, arbeitslos wie er. Sobald auch nur die Andeutung eines Hoffnungsschimmers aufleuchtet – privat oder beruflich – malt sie sich in einem wilden Stakkato-Rhythmus aus, wie alles kaputt geht und sie wieder enttäuscht wird. Das ist einerseits extrem witzig und zugleich traurig, weil die Musik beschreibt, wie sie sich selbst im Weg steht. Aber auch sie findet ein Happy-End.
Es geht vor allem um menschliche Beziehungen
Das gehört sich so im Musical, das ist ein Grund, warum das Genre immer noch ein riesiges Publikum anzieht. Die meisten Stücke vermitteln Hoffnung, den Glauben an die Liebe, an Freundschaft, an Zuneigung. Aber sie spielen nicht mehr in einem Märchenland. „Tootsie“ ist ein gutes Beispiel für ein zeitgemäßes Musical, das Probleme aufgreift und ernst nimmt. Es ist kein Spaß am Rande des Existenzminimums zu leben, in völliger Unsicherheit, als Einzelkämpfer. Als Michael vor seiner Verwandlung das Ensemble fragt, ob jemand seine Kritik am Regisseur teilt, wenden sich alle ab. Niemand will seinen Job gefährden, Solidarität und Respekt gibt es nur bei ganz wenigen Menschen. Musicals erzählen nicht mehr von einer heilen Welt. Das würde ihnen niemand glauben. Aber sie halten an der Überzeugung fest, dass Verletzungen heilen könnten.
Tief in menschliche Beziehungen schaut auch das Musical „Das Licht auf der Piazza“ von Adam Guettel, das Anfang November am Musiktheater im Revier Gelsenkirchen Premiere hat. Wogegen das Theater Dortmund mit „Grease“ auf einen Spaß-Klassiker des Genres setzt, ein Nostalgie-Spektakel. Große Geschichten erzählen gerade das Theater Krefeld-Mönchengladbach mit dem „Titanic“-Musical und das Theater Bielefeld mit „Anastasia“, in dem es um den Verbleib der letzten Zarentochter geht.
In Ostwestfalen greift das Landestheater Detmold gerade eine Idee auf, die es in den 80er-Jahren schon einmal gab. Das Musical Marke Eigenbau, selbst erdachte Stoffe, die direkt mit dem Leben oder der Geschichte einer Stadt zu tun haben. Autor Peter Lund und Komponist Thomas Zaufke haben schon eine Menge solcher Stücke geschrieben. Diesmal haben sie sich Sinalco vorgenommen, die Limonadenfabrik, die 1905 in Detmold gegründet wurde. „Das Glück ist eine Orange“ heißt das gerade uraufgeführte Stück.
Die dunkle NS-Vergangenheit der 30er- und 40er-Jahre
Peter Lund legt großen Wert darauf, dass er kein Werbestück geschrieben hat. im Gegenteil. „Es geht eigentlich“, sagt der Regisseur und Autor, „um die dunkle Vergangenheit in den 30er-, 40er-Jahren, als Sinalco auch ein Gauleiter-Vorzeigebetrieb war.“ Und zwar unter Leitung von Gustav Hardorp, einem charismatischen Unternehmer mit gewaltigem Ego. 1935 verdrängt er den jüdischen Geschäftsführer Carl Vogel. Hardorp, der stramme Nazi, kümmert sich aber auch um seine Belegschaft, sorgt für gutes Kantinenessen und ordentliche Bezahlung. Leute wie er wurden im Wirtschaftswunder-Deutschland gebraucht, deshalb bekam er schnell den sogenannten Persilschein, wie die Entnazifizierung spöttisch genannt wurde.
Gustav Hardorp hat ausführlich Tagebuch geführt. Auch sonst hat Peter Lund beim Schreiben des Stücks auf historische Erkenntnisse zurück gegriffen. „Dadurch dass inn den neunziger Jahren nur der Markenname nach Duisburg verkauft wurde,“ erklärt er, „lagen die Archive immer noch in Detmold und wurden eigentlich fast verschreddert. Es ist ein großes Glück, dass der Historiker Jochen Keil diese Archive in die Finger bekommen hat. Er ist jetzt der größte Sinalco-Fachmann weltweit.“
Andere Figuren neben Gustav Hardorp sind erfunden. Ein Werbefachmann zum Beispiel oder eine junge Frau, die in den Sechzigern zu Sinalco kommt und erlebt, wie die Legende des Firmenchefs Kratzer bekommt. Das Stück springt durch die Zeiten, erzählt oft parallel, was in den 60er- und in den 40er-Jahren passiert ist. Es geht um einen schwulen Mann, der seine Sexualität in der Firma verheimlicht, um eine resolute Vorarbeiterin, die das Herz auf dem rechten Fleck hat. Das Ensemble und dazu engagierte Musicaldarsteller, der Chor, das Orchester, alle Beteiligten arbeiten voller Begeisterung zusammen.
Thomas Zaufkes Musik nimmt populäre Schlager der Wirtschaftswunderzeit ebenso auf wie die berühmten Werbemelodien von Sinalco. So ist ein abwechslungsreiches Stück entstanden, das neben fröhlichen Nummern mit Chor und Ballett auch immer wieder ernsthafte und dramatische Momente hat. Wenn es darum geht, wie man sich in einer Diktatur verhält und Rechtsradikalen begegnet, weist das Musical in unsere Gegenwart. Die NRW-Theater zeigen besonders in diesen Wochen die große Vielfalt des Musicals. Sie verzaubern ihr Publikum mit überwältigenden Bildern, starken Melodien und kritischen Untertönen. Musicals sind nicht nur eine Traumfabrik, sondern glaubwürdiges Theater.
Infos:
„Tootsie“: 8. und 15. November, Oper Bonn
„Das Glück ist eine Orange“: 2., 21., 22. November, Landestheater Detmold
„Mrs. Doubtfire“: täglich außer Montag, Capitol Theater Düsseldorf
„Das Licht auf der Piazza“: 2., 7., 15., 16., 23. November, Musiktheater Gelsenkirchen
„Grease“: 8., 15., 23., 29. November, Oper Dortmund
„Titanic“: 22. November, Theater Mönchengladbach
„Anastasia“: 1. und 23. November, Theater Bielefeld
Stefan Keim
Source: welt.de