Der Tote im weißen Anzug war ein Ermittler, auf den Spuren eines flüchtigen Gangsters aus den Vereinigten Staaten. Nun fürchtet Macaos Unterwelt, dass Amerika bald schon den nächsten Schnüffler schicken könnte, und behält die eintreffenden Schiffe im Auge. Besonders drei Gestalten auf dem nächsten Dampfer aus Hongkong fallen den Spionen ins Auge: William, ein amerikanischer Geschäftsmann für Seidenstrümpfe, Julie, eine verführerische Nachtclubsängerin, und Nick, ein amerikanischer Abenteurer. Letzterer, so vermuten die Beobachter, könne nur der Ersatz für den toten Undercover-Cop sein. Entsprechend anstrengend wird das Leben für Nick, sobald er einen Fuß an Land der portugiesischen Kolonie gesetzt hat.
Wo Schauspieler Unsterblichkeit umweht
Manche Abenteuerfilme schaut man wegen der wendungsreichen Handlung, bei einer Arbeit von Josef von Sternberg kommt man obendrein in den Genuss von exzellentem Handwerk. „Macao“ entstand zwar 1952, trägt aber untrüglich den Stempel des Mannes, der Marlene Dietrich mit „Der blaue Engel“ und „Marokko“ zum Star machte. Hier hat er Robert Mitchum und Jane Russell vor seiner Kamera und zeigt, wie man einen Schauspieler so in Szene setzt, dass ihn Unsterblichkeit umweht.
Das erste Mal sehen wir Jane Russell als Sängerin Julie noch auf dem Schiff. Ein Typ tanzt in seiner Kabine, sie schnippt leicht gelangweilt mit den Fingern. Er weist sie darauf hin, dass er ihr Ticket für die Überfahrt bezahlt hat, und will nun kurz vor der Ankunft seine Ansprüche geltend machen. Sie wehrt sich, wirft ihren Schuh nach ihm und trifft damit durchs Fenster Robert Mitchum. Leicht amüsiert schaut er sich die Szene an, tritt dann ein, um sie zu retten: ein Faustschlag für den Übergriffigen. Ein Kuss für die Gerettete. Sie lässt’s geschehen, klaut ihm dabei aber die Geldbörse. Wir lernen: Wer sich mit dieser Lady einlässt, muss sich auf alles gefasst machen.
Sie leuchten heller als die anderen
Schon bei dieser ersten Begegnung ist klar: Diese beiden Menschen gehören zusammen, denn sie leuchten heller als die anderen. Sternberg inszeniert das ganz wörtlich. Mitchums Gesicht, das eigentlich zu kantig scheint, um Schönheitsstandards zu entsprechen, erweist sich als ideal geschnitten, um der scharfen Beleuchtung eindrucksvolle Kontraste abzutrotzen. Jane Russells Wangenknochen stehen dem in nichts nach.
Schattenwürfe spielen hier sowieso immer wieder eine große Rolle. Wenn Nick ein Spielcasino besucht, kullern Lottokugeln als übergroße Schattenbälle an der Wand hinter einer Chinesin mit hellem Strohhut. Als Russell den Abenteurer Nick in einer zwielichtigen Wohnung sucht, schleicht ihr langer Schatten vor ihr an der Wand die Treppe hinauf. Und bei einer weiteren Verfolgungsjagd durch das Viertel am Hafen liegen Gassen und Häuser in so tiefen dunklen Schatten, dass selbst schwarze Katzen darin spurlos verschwinden können, bis sie plötzlich die Augen aufreißen.
Für Sternberg war „Macao“ seine vorletzte Filmarbeit. Als er in den Zwanzigerjahren als Regisseur in Erscheinung trat, lobte die Kritik seinen innovativen Einsatz von Beleuchtungsmitteln. Sternberg arbeitete für die großen Hollywood-Studios, kehrte sogar für den Dreh von „Der blaue Engel“ 1930 kurz nach Deutschland zurück – 1908 war seine jüdische Familie von Wien nach Amerika ausgewandert. Aber irgendwann endete sein Lauf, und das Arbeiten wurde schwieriger. Einige Projekte bekam Sternberg nicht mehr finanziert, bei anderen zeigte er sich als eigenwilliger Filmemacher, tauschte mitten im Dreh Besetzungen aus, überzog Budgets. Die Studios nahmen ihrerseits immer größere Eingriffe in die künstlerische Freiheit vor.
Ständig werde versucht, den Regisseur abzuschaffen, klagte Sternberg später in seinen Memoiren: „Und wenn das nicht gelingt, werden seine Funktionen reduziert und seine Befugnisse eingeschränkt, und schließlich wird er in einem letzten Versuch, seine Unwichtigkeit zu beweisen, entlassen und durch einen anderen ersetzt.“
So geschah es auch mit „Macao“. Produzent Howard Hughes, Ehemann von Jane Russell, war mit Sternbergs Arbeit unzufrieden und drängte darauf, dass Nicholas Ray den Film fertigstellte. Ray stand da am Beginn seiner Karriere, Sternberg bereits am Ende. „Macao“ trägt dennoch untrüglich die Handschrift des Meisters der Schattenwürfe.
Source: faz.net