Zu viel Talent kann die Filmindustrie überfordern. Cary Grant und Katharine Hepburn mussten das zu Beginn ihrer Karrieren feststellen. Der Brite Grant hatte sich, aus ärmlichen Verhältnissen kommend (der Vater war Alkoholiker, die Mutter in der Psychiatrie), dem Unterhaltungsgeschäft zugewandt, trat bei Vaudeville-Shows als Akrobat auf und landete in Hollywood, wo man jedoch nicht wusste, wie man ihn vermarkten solle. Was der attraktive Mann zum romantischen Helden geboren? Oder eher fataler Verführer? War er Witzbold? Oder Fiesling?
Auch Hepburns Start im Filmgeschäft gestaltete sich holprig. Die Amerikanerin wuchs zwar finanziell abgesichert auf (der Vater war Chirurg, die Mutter setzte sich als Frauenrechtlerin für Geburtenkontrolle ein), musste in ihrer Kindheit aber einen schweren Schicksalsschlag überwinden (sie fand ihren Bruder erhängt auf dem Dachboden). Mit abgeschlossenem Psychologiestudium ging sie ans Theater, wo der Filmregisseur George Cukor sie entdeckte. Für die Studiobosse war diese Frau ein Rätsel: Ihr Gesicht sei zu lang, fand man, die Wangenknochen seien zu kantig, und dann trug sie auch noch Hosen. Als Kassengift erschien ihr Name auf einer Darstellerliste, befand sich dort aber in der guten Gesellschaft von Joan Crawford, Mae West und Greta Garbo.
„Wir haben den gleichen Geschmack, arbeiten aufs gleiche Ziel hin.“
Wenn die Industrie das Talent also nicht versteht, der Künstler aber Glück hat, findet er Gleichgesinnte, mit denen er arbeiten kann. Grant und Hepburn bot in den Dreißigerjahren George Cukor einen solchen Pakt an. Als künstlerische Partnerschaft wird Hepburn die Zusammenarbeit später beschreiben: „Wir haben den gleichen Geschmack, teilen die gleichen Werte, arbeiten auf das gleiche Ziel hin.“ Im Film „Holiday“ (deutsch „Die Schwester der Braut“) hieß das, den Schauspielern so viel Platz wie möglich einzuräumen, um ihre Vielseitigkeit unter Beweis zu stellen.
Worum geht’s? Cary Grant spielt Johnny, einen Investmentbanker, der an einem Wintersportort Julia, die älteste Tochter einer reichen New Yorker Familie, kennenlernt. Nach zehn Tagen sind sie verlobt. Julias Vater ist gar nicht begeistert – hätte die Tochter nicht einen Mann aus ihren Kreisen finden können? Dass Johnny aus einer anderen Welt stammt, zeigt Cukor gleich zu Beginn: Grant nimmt beim ersten Besuch im Haus der Verlobten den Dienstboteneingang, verläuft sich fast in den weiten Räumen der Stadtvilla und nutzt den breiten Teppich im Salon, um einen Purzelbaum zu schlagen. Eine Verbündete findet Johnny in Julias jüngerer Schwester Linda – Katharine Hepburn nimmt hier die Rolle wieder auf, die sie Jahre zuvor am Broadwaytheater bereits als Zweitbesetzung intensiv studiert hatte.
Linda ist das schwarze Schaf der Familie, ein Freigeist, der sich in das ehemalige Kinderzimmer im vierten Stock zurückgezogen hat. Wie mühelos Regie und Schauspieler zusammenfinden, zeigt eine Szene, in der Johnny dieses Spielzimmer aufsucht. Im Raum herrscht gemütliches Chaos, von der Decke hängt eine Schaukel, Puppen liegen auf Sideboards – im Gegensatz dazu wirken die anderen Zimmer wie Bahnhofshallen. Grant schaut sich neugierig um, erzählt Linda von seinen Hochzeitsplänen und fährt dann mit einem Dreirad auf sie zu: „Das war der erste Urlaub meines Lebens. Ich habe gearbeitet, seit ich zehn Jahre alt war.“ Grant macht eine ganz kleine Pause. Ein kurzer Blick in den Abgrund. Mehr erfahren wir über den Familienhintergrund von Johnny nicht. Aber diese Szene genügt, um sein Wesen zu charakterisieren: der Mann, der nie Kind sein durfte, auf dem Dreirad – nicht schwermütig, sondern mit der Energie der Jugend, die sich den Mut bewahrt hat, gegen gesellschaftliche Konventionen aufzubegehren.
Genau das ist es, was Johnny vorhat. Denn Geld interessiert ihn nicht. Er will genug davon haben, um ein Jahr freizunehmen und sich darüber Gedanken zu machen, was er mit seinem Leben anfangen möchte. Linda ist begeistert. Johnnys Verlobte nicht. Angeregt vom Stolz und Ehrgeiz ihres Vaters, erwartet sie einen tüchtigen Ehemann, ein Stadt- und ein Landhaus, das bitte schön von Dienern bewirtschaftet wird. Natürlich wissen wir als Zuschauer da schon längst, dass Johnny sich die falsche Schwester ausgesucht hat. Statt der eigenen prächtigen Verlobungsfeier beizuwohnen, flüchten er und seine beiden besten Freunde zu Linda ins Spielzimmer, wo Grant und Hepburn eine akrobatische Duonummer vollführen – mit Doppelsalto, für den Hepburn von Grants Schultern springt. Wer so harmoniert, gehört zusammen.
Die Antwort auf die große Frage, ob Johnny lieber Geld oder Freiheit wählen sollte, liefert der geschichtliche Kontext. Die Handlung von „Holiday“ spielt im Jahr 1928. Die Aktien steigen und steigen. Wenn der Börsenmakler auf seine Intuition hört und dem Spekulationsgeschäft nun den Rücken kehrt, kommt er mit dem Leben davon. Schon ein Jahr später sollte die Blase am Schwarzen Freitag platzen und alle Aussichten auf Glück und Freiheit begraben. Grants und Hepburns Talent lässt diese Mahnung in jedem Moment der Komödie durchscheinen.
Source: faz.net