Zwei Jahrzehnte leitete er selbst die Berlinale: Dieter Kosslick äußert sich zur aktuellen Debatte um die Filmfestspiele.
Der frühere Festivalchef Dieter Kosslick kritisiert die aktuellen Debatten um die Berlinale. „Das ist ja gespenstisch, was hier abläuft“, sagte er dem Bayerischen Rundfunk. Da gewinne ein Film mit dem Titel „Gelbe Briefe“ den Goldenen Bären, in dem es darum gehe, dass Künstlern von der Regierung das Wort verboten werde und sie abgelöst würden.
„Und dann bekommt jemand blaue Briefe hier“, sagte Kosslick. Er sei nach seiner langjährigen Erfahrungen wirklich entsetzt gewesen. Die „Bild“-Zeitung hatte berichtet, dass Festivalchefin Tricia Tuttle abberufen werden könnte. Hintergrund sei der Umgang mit dem Nahostkonflikt.
Eine Aufsichtsratssitzung, die Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) einberufen hatte, endete am Donnerstag ohne Ergebnis. Die Gespräche über die „Ausrichtung der Berlinale“ würden in den kommenden Tagen zwischen Tuttle und dem Aufsichtsratsgremium fortgesetzt, teilte sein Sprecher mit.
Kosslick warnt vor Schaden für das Festival
In dem Radiointerview wurde Kosslick gefragt, ob es schwieriger geworden sei, ein Festival zu leiten. An Festivalleitungen habe es schon immer starke Kritik gegeben, auch an ihm selbst, antwortete Kosslick, der die Berlinale zwei Jahrzehnte geführt hatte. „Also die Berlinale ist immer in der Kritik. Aber meistens geht es darum, ob die richtigen Filme gezeigt werden.“
Die Berlinale sei immer ein politisches Festival gewesen, denn die kulturelle Äußerung sei eine politische Äußerung, sagte Kosslick. Aber durch den Konflikt Gaza-Israel sei die Sache verkompliziert worden.
Kosslick betonte, die Berlinale sei seit 1951 ein Festival der Meinungsfreiheit, und warnte vor den Folgen der Debatte. „Egal, was da am Ende bleibt: Die Berlinale ist beschädigt“, sagte Kosslick. Weil sich Filmemacher weltweit fragen würden, ob sie dort noch einmal hingehen würden und ob sie als Erstes nach ihren Haltungen gefragt würden: „Wie steht’s denn mit dir, mein Gretchen?“
dpa
Source: stern.de