Film „Souleymans Geschichte“: Lügen, um anrücken zu die Erlaubnis haben

Die Regler sind fast durchweg auf Anschlag. Wenn Souleyman mit seinem Fahrrad durch den Pariser Verkehr rast, hört man alles überdeutlich: hupende Autos, radelnde Kollegen oder solche, die es ­werden wollen und ihn um sein Fahrrad beneiden. Es geht von Restaurant oder ­Imbissbude zu hungrigen Kunden und zurück, während der junge Mann aus Guinea quasi mit seinem Handy verwachsen ist, im Ohr immer Kopfhörer, auf dem Display die Liefer-App geöffnet.

Wenn die App seine Identität abfragt, muss er schnell fürs Selfie zu Emmanuel, dessen Account er mangels Papiere für viel Geld „geliehen“ hat. „Du musst arbeiten. Wir sind nicht zum Spielen in Europa“, sagt Emmanuel, einer der vielen Ausbeuter in dem perversen Hamsterrad, in dem Souleyman, wie viele illegale Migranten, versucht, die Mittel für den Asylantrag zu organisieren.

Dokumentarische Unmittelbarkeit

Abends hetzt er via Bahn und Bus zurück zur in den Außenbezirken gelegenen Obdachlosenunterkunft, in der er am liebsten neben dem Bett eines Freundes schläft. Auch hier kaum Ruhe, überall Stimmen und Gewusel, die Dusche gewährt nur für Sekunden Entspannung, bevor es nervös an der Tür klopft.

Was Boris Lojkine in „Souleymans Geschichte“ mit dokumentarischer Unmittelbarkeit abfackelt, fühlt sich an, als hätten die für ihren nervösen Stil bekannten ­Safdie-Brüder einen Stoff der sozialrealistisch-humanistisch veranlagten Gebrüder Dardenne verfilmt. Der französische Regisseur Lojkine inszeniert nach einem gemeinsam mit Delphine Agut geschriebenen Drehbuch einen filmischen Dampfkochtopf: Als Drama mit Thriller-Vibes kondensiert und verhandelt er die Ausbeutungsmechanismen der Gig Economy und die perversen Seiten der Migrationspolitik.

Letzteres manifestierte sich in den vergangenen Jahren vor allem in Filmen über die Flucht selbst. Agnieszka Holland erzählte in „Greenborder“ (2023) multiper­spektivisch aus Sicht einer syrischen Familie, eines polnischen Grenzschützers und einiger Aktivisten von den verheerenden Pushbacks in den Białowieża-Wäldern an der polnisch-belarussischen Grenze. Matteo Garrone wiederum inszenierte in „Io Capitano“ (2023) die Flucht zweier Freunde aus Senegal nach Europa als ambivalentes Abenteuer.

Abou Sangaré wurde als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet

„Souleymans Geschichte“ setzt mit seiner Perspektive und seinem Modus eigene Akzente. Zur Premiere in der Reihe „Un Certain Regard“ in Cannes wurde der Film gefeiert. Abou Sangaré, der wie die von ihm gespielte Hauptfigur Souleyman aus Guinea stammt, wurde in Cannes und beim Europäischen Filmpreis als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet. Völlig zu Recht, denn das energetische, zwischen Hoffnung und Verzweiflung changierende Spiel des Laiendarstellers in seiner ersten Rolle überhaupt ist phänomenal.

Die Kamera klebt quasi an Sangarés Gesicht und folgt ihm zwei Tage und zwei Nächte auf Schritt und Tritt durch die gesichtslose Pariser Urbanität, um das Geld für die notwendigen Papiere für den Termin im Amt für Migration zusammenzubekommen. Daneben versucht er Kontakt zu seiner kranken Mutter in der Heimat und seiner Freundin zu halten, der ein Heiratsantrag von einem Ingenieur gemacht wurde. Wie damit umgehen?

Lojkine zeichnet ein humanistisches, komplexes Bild. Einerseits ist Sangaré dem perversen System ausgeliefert, das von Landsleuten und „aufgestiegenen“ Migranten ebenso wie von staatlichen In­stitutionen am Laufen gehalten wird. Er darf nicht arbeiten, braucht aber Geld. Sein gehetzter Joballtag ist gezeichnet von Rassismus und Hierarchien. „Schreien Sie mich nicht an, wir sind keine Sklaven!“, sagt er zu einem Restaurantbesitzer, der ihn verächtlich behandelt und unnötig lange aufhält, ihn, für den jede Sekunde zählt.

„Souleymans Geschichte“ verurteilt nichts eindimensional

Zugleich erfährt der Guineer auch Momente zarter Solidarität, etwa, als die Bedienung eines koreanischen Restaurants ihm fast schon niedlich verspielt ein Erdbeerbonbon anbietet oder ein alleinlebender, überforderter älterer Herr ihm offen und verständnisvoll begegnet.

Und so ehrlich und nett er selbst auch gezeichnet wird: Sangaré ist, wenn der nach Hilfe für die Fahrradbeschaffung gefragt wird, gegenüber den Neuangekommenen und damit potentiellen Konkurrenten höflich abweisend. „Souleymans Geschichte“ verurteilt nichts eindimensional, sondern zeigt vielmehr die Paradoxien eines alltäglichen Ausnahmezustands auf.

Neben der rastlosen, fast schon parabelhaften Dringlichkeit ist der Film ungekünstelt doppelbödig. Während wir Souleyman folgen, lernt der Mann via Kopfhörer eine erfundene Biographie auswendig, die ihm laut dem Vermittler der Papiere zum Asyl verhelfen soll – ein schwieriges Unterfangen für jemanden, der nichts fürs Lügen übrighat.

Dass der Film darüber hinaus die realen Fluchterfahrungen seines Darstellers aufgreift, der als Teenager Guinea verließ, um genug Geld für die medizinische Versorgung seiner an Epilepsie leidenden Mutter zu verdienen, gibt ihm einen weiteren existenziellen Drall.

„Souleymans Geschichte“ ist damit auch ein Film über das Verhältnis von Erzählung und Wahrheit, und zwar im doppelten Sinne. Hier geht es um jemanden, der in seiner misslichen Realität in einem alles andere als offenen Europa eine noch schlimmere Geschichte erfindet, um ankommen zu dürfen. Und spätestens, wenn sich in einem Finale, das man so schnell nicht wird vergessen können, die außerfilmische Realität mit aller emotionaler Unfassbarkeit in den Film hineinschreibt, wird klar, mit was für einem vielschichtigen Wirklichkeitssplitter man es hier zu tun hat.

Source: faz.net