Einer der Vorteile des Ortsnamens Hollywood ist, dass man ihn leicht abwandeln kann: Bollywood (in Mumbai), Nollywood (in Nigeria), und es gibt noch einige mehr. Schon etwas weiter hergeholt ist es, wenn ein Funktionär in Gaza auch von einer Filmindustrie in dem von Israel seit 2005 nominell nicht mehr besetzten, aber immer noch dominierten Streifen an der Mittelmeerküste träumt.
Gazawood, das klingt fast noch besser als Riviera und weckt Hoffnungen auf lokale Actionhelden und Blockbuster mit Happy End für Palästina. In der alltäglichen Wirklichkeit der Zwanzigerjahre gibt es zu einem Gazawood allenfalls Ansätze, und die muss man in Jordanien suchen, wo die Brüder Tarzan und Arab Nasser ihre Operationsbasis haben. Sie halten mehr oder weniger im Alleingang ein Kino aus Gaza am Leben, das es vor Ort schon vor dem 7. Oktober 2023 nur rudimentär gab. Denn die Hamas, die lokale Exekutivgewalt, hat auch einen sehr rigiden Kulturbegriff. Sie will nichts wissen vom leidenschaftlichen, heimlichen Seelenleben eines Fischers, von dem die Nasser-Brüder in „Gaza mon amour“ erzählten, mit dem sie vor fünf Jahren bekannt wurden.
Die Hamas will Geschichten über Märtyrer, und mit diesem Wunsch wird sie in dem aktuellen Film von Tarzan und Arab Nasser beim Wort genommen: „Once Upon a Time in Gaza“ steht ganz im Zeichen eines Todeskults, der allerdings satirisch überzeichnet und unterlaufen wird. Im Mittelpunkt stehen zwei Männer unterschiedlichen Temperaments: Osama, ein viriler Draufgänger, betreibt gemeinsam mit dem stilleren Yahya einen Falafelladen. Das Geschäft läuft zufriedenstellend, allerdings sind die frittierten Kichererbsenbälle nur eine Nebensache. Denn Osama dealt in großem Stil mit Tabletten, und er riskiert damit, auch höheren Kreisen im Geschäftsleben in die Quere zu kommen. In der kleinen Welt von Gaza ist wenig Spielraum für große Manöver, und auch ein Mafiaepos muss in die Hinterzimmer der winzigen Läden passen, mit denen sich viele über Wasser halten. Osama bekommt es mit einem Polizisten namens Abou Sami zu tun, der Drogenhandel vor allem dann unterbindet, wenn er mit seinen eigenen geschäftlichen Interessen kollidiert.
Standoff: Mann gegen Mann
Die Formel „Once Upon a Time“, ursprünglich die englische Übersetzung des „Es war einmal“ so vieler Märchenanfänge, hat im Kino einen eigenen Klang. Vor allem durch zwei Epen von Sergio Leone assoziiert man damit große Mythologie: „Spiel mir das Lied vom Tod“ heißt auf Italienisch „C’era una volta il West“ („Es war einmal der Westen“, gemeint ist: der Wilde Westen des Kinos), und „Once Upon a Time in America“ schrieb eine Saga der jüdischen Lower East Side als eines illegitimen, aber authentischen Ursprungsorts des amerikanischen Traums. Wenn die Nasser-Brüder nun mit dieser großen Formel spielen, dann vollständig in dem Bewusstsein, dass Gaza in jeder Hinsicht die Voraussetzungen für eine Mythologie entsprechenden Formats fehlen. Bis auf den Umstand, dass auch dort hinreichend viele Vorgänge informellen Charakter haben, sodass sie schließlich nicht vor Gericht oder anderen Instanzen gelöst werden, sondern in einem Standoff: Mann gegen Mann.
In einem solchen Standoff zieht Osama den Kürzeren, und Yahya ist nun auf sich selbst gestellt. Die Erzählung, die im Jahr 2008 begonnen hatte, springt zwei Jahre weiter und hält für den nun langhaarigen Yahya eine Überraschung bereit. In einem Café wird er von einem Regisseur angesprochen, der „für das Kulturministerium“ einen Film mit dem Titel „Der Rebell“ vorbereitet. Im Mittelpunkt soll ein Held stehen, der sich gegen die „zionistischen Besatzer“ stellt und dafür zum Blutzeugen wird. Die Szene, in der Yahya bei einem Casting einen Produzenten überzeugen soll, ist ein komischer Höhepunkt und verrät viel über das Kino der Nasser-Brüder. Denn dieses tut einerseits hochprofessionell, würde also am liebsten in der Preisklasse von Tom Cruise einsetzen.
Andererseits muss das Medium in Gaza mehr oder weniger von null an den Menschen erst nahegebracht werden: Als ein Schauspieler in der Rolle eines israelischen Soldaten einen Jungen zu Boden wirft, greift der Vater empört ein – er versteht nicht gleich, dass man es bei Dreharbeiten mit einer andern Kategorie von Handlungen zu tun hat. Aus dieser Alphabetisierung schlagen die Nasser-Brüder viele Pointen, bis hin zu der härtesten, die daraus entsteht, dass mangels Budget am Set zu „Der Rebell“ mit echten Patronen geschossen wird – für Platzpatronen, den einfachsten aller Spezialeffekte, fehlt schlicht das Geld. Für Yahya erweist sich dieser Umstand schließlich als entscheidend.
Wenn in einer lokalen Welt das Kino gleichsam neu erfunden wird, wird es auch zu einem Spiegel der entsprechenden Verhältnisse: Wo steht Gaza im Vergleich zu Amerika oder zu den reichen Ländern Europas? Im Fall von „Once Upon a Time in Gaza“ ist es ein gebrochener Spiegel, denn die Regisseure sind aufgrund ihrer Leidenschaft halb im Exil – sie unterhalten Verbindungen zu Filmförderungen in aller Welt, auch in Deutschland, sie sind in Cannes und auf anderen Festivals präsent und versuchen zugleich, von Jordanien aus nachzuempfinden, wie man es sich vorstellen könnte, in Gaza, in dieser schon vor 2023 abgeriegelten Zone, Anschluss an das Weltkino zu finden. Bei ihrem neuen Film ist nicht immer leicht auszumachen, in welchem Ausmaß das Amateurhafte daran ein (selbst)ironisches Spiel ist oder Produktionsumständen entspringt, die eben von den Bedingungen vor Ort nicht so weit entfernt sind. Und ähnlich verhält es sich mit den Nuancen der kulturellen und politischen Positionierung. Denn man kann unterstellen, dass auch die Nasser-Brüder die im Film geäußerte Parole von einem Kino als „Form des Widerstands“ (gegen Israel in erster Linie) für sich ernst nehmen. Zugleich träumen sie aber von Formen des Ausdrucks, die von einer hegemonialen Kulturindustrie geprägt wurden. In diesem Widerspruch bewegt sich „Once Upon a Time“ mit der tapsigen Präzision einer Komik, die zum Ungeschick gerade genug Abstand hält, um sich nicht lächerlich zu machen.
Source: faz.net