Falsche Freiheit ist entsetzlich. Deshalb packt den ausgezehrten Zottelbart Ryland Grace das Grauen, als ihm ein Blick aus dem Fenster verrät, wo er sich befindet: nahe beim Stern Tau Ceti, unfreiwillig befreit von den Zwängen irdischer Natur (im Raumschiff regnet’s nicht) und menschlicher Gesellschaft (Verbote, Befehle). Er sucht sofort nach anderen Leuten. Eine Maschine fragt ihn, was zwei plus zwei ergibt. Es interessiert ihn nicht. Maschinen sind keine Menschen; er hat seine Welt verloren und sein Gedächtnis.
Die allerfalscheste Freiheit nennen wir Menschen „Einsamkeit“. Ihr Gegenteil ist weder bloße Gemeinschaft (eine naturwüchsig entstandene Menge) noch Gesellschaft (eine Sozialordnung, die man trainieren kann, bis hin zum Staat), sondern Solidarität (absichtliches Füreinanderdasein, wenn nötig über Speziesgrenzen hinweg). Davon (und von kniffligsten wissenschaftlich-technischen Problemen) handelt der kluge, in der Mitte ein bisschen längliche, insgesamt aber sehr schöne und stellenweise superlustige Science-Fiction-Film „Der Astronaut – Project Hail Mary“ von Phil Lord und Christopher Miller nach einem Roman von Andy Weir (der auch „Der Marsianer“ verfasst hat, 2015 verfilmt von Ridley Scott). Den Astronauten Grace spielt Ryan Gosling, die Chefin des Projekts, das ihn ins All geschmissen hat, heißt Eva Stratt und ist Sandra Hüller.
Grace tauft ihn „Rocky“
Beider Hauptsorge im Film ist ein Infrarotbogen zwischen Sonne und Venus, der aus winzigen exotischen Lebewesen besteht, den „Astrophagen“ (also: Sternfressern), die unseren Stern benagen, was den Energiehaushalt des irdischen Ökosystems versaut, wodurch gigantische Nahrungsmittelverluste drohen. Massensterben steht bevor, wenn niemand etwas unternimmt. Der Nachthimmel verrät, dass viele Sterne ähnlich leiden, aber einer nicht: Tau Ceti. So schicken die Menschen eine Forschungsmission dorthin, um herauszufinden, was die Plage bannt. Das Schiff hat zunächst drei Personen an Bord, im langen künstlichen Koma, aber nur eine wacht auf, eben Ryland Grace. Am Zielort begegnet ihm ein nichtmenschliches Schiff und der ebenfalls einzige Überlebende von dessen Besatzung; auch er ist hier, um seinen Stern zu retten, nämlich 40 Eridani.
Der Kollege sieht aus wie aus Steinen zusammengebastelt; Grace tauft ihn folgerichtig „Rocky“. Die Triller-, Glucks-, Knack- und Brummgeräusche, in denen Rocky sich äußert, werden im Laufe wechselseitiger und computergestützter linguistischer Annäherung zu für Grace verständlicher Sprache. Der Vorgang ist im Buch ausgezeichnet didaktisch aufbereitet und im Film hochunterhaltsam; einmal hören wir den kleinen Kerl, weil Grace verschiedene Optionen ausprobiert, mit der Stimme von Meryl Streep reden, denn „die kann alles“ (Grace).
Gemeinsam lernen, was Solidarität ist
Der Film gibt uns immer wieder auch Text zu lesen; was 2012 in Henry-Alex Rubins „Disconnect“ noch ein extremes Kino-Risiko war, ist inzwischen Textnachrichtengewohnheit genug, fürs Filmerzählen zu taugen. Sprache und Schrift sind in „Project Hail Mary“ oftmals graziös durch allerlei Musik hindurchgeflochten, vom schmiegsamen Soundtrack über melancholisch singende Figuren bis zu den berühmten fünf Tönen aus Steven Spielbergs „Close Encounters of the Third Kind“ (1977), die an einer Stelle erklingen, die das fragile Kunststück fertigbringt, medienhistorische Cleverness mit tiefhumaner Komik zu vermählen. Den kalten kosmischen Schauplatz belebt das Drehbuch von Drew Goddard fortwährend mit emotionaler Wärme, manchmal auch mit ein bisschen zu viel Süße, aber in den ernsten Passagen ausnahmslos anrührend plausibel.
Einmal scheint Grace, der mit Rocky gemeinsam lernt, was Solidarität ist, an seiner Aufgabe dann doch zu zerbrechen; da ist er im teilnahmsvollen, aber nicht distanzlosen Blick der Kamera tatsächlich der zweitbeste weinende Weltraumreisende aller Zeiten, direkt nach Matthew McConaughey in Christopher Nolans „Interstellar“ (2014).
Humanismus? In Weirs Roman ist ausdrücklich vermerkt, dass das Rettungsschiff bei der Menschenversorgung keine KI, das heißt: kein künstliches neuronales Netz einsetzt. (Man braucht das also nicht, um die Welt zu retten. Vielleicht braucht man es aber, um die Welt zu verderben. Fragen Sie Palantir.)
Goddard hat dem Urtext ein paar Scherze zugeschossen, dafür einige wissenschaftliche Prozesse verkürzt und verflacht (diejenigen, die übrig geblieben sind, werden aber mit liebevoller Schulfernseh-Ausführlichkeit durcherzählt; Grace ist ja eigentlich Lehrer, nicht Raumfahrer). Noch mehr gescheit genutzte Wissenschaft steckt in der Regie, vor allem in den Montagen zwischen Gegenwartsplot und Rückblenden, die allmählich das Gedächtnis der Grace-Figur rekonstruieren: Er dreht sich in der Zentrifugalschwerkraft (Gegenwart), er dreht sich im Drehstuhl (Erinnerung) – ein smartes Spiel mit Inertialsystemen, schöner Relativitätshintergrund.
Jemand, für den man tapfer sein kann
Schade, dass jene Romanszenen fehlen, in denen Rocky seine tollsten spekulativen Ideen ausspricht; die Freaks, die den harten Kern des Publikums solcher Filme bilden, hätten dafür sicher gern auf ein paar (allerdings cool choreographierte) Stunt-Szenen verzichtet. Aber so was ist halt ein Geben und Nehmen – genau wie bei Solidarität, für die es unter Extrembedingungen außerdem Tapferkeit braucht.
Das „Gen für Tapferkeit“ fehle ihm, sagt Gosling im Film zu einem chinesischen Astronauten (die Story nimmt ihren Zusammenarbeitsgedanken so ernst, dass auch die Volksrepublik China und Russland mithelfen). Der Chinese erwidert, das sei kein Gen; alles, was man brauche, sei jemand, für den man tapfer sein könne. Zu Gemeinschaft und Gesellschaft steht Solidarität in komplizierten Verhältnissen. Sie muss nicht immer ausgehandelt sein (auch wenn das Jürgen Habermas lieber gewesen wäre); sie verträgt sich sogar mit Autorität (wenn die der Effizienz dient sowie abberufbar und kritisierbar ist).
Was uns zu Sandra Hüller als Eva Stratt bringt, die diese Autorität im Film darstellt. Im Buch ist Stratt amoralisch strikt, im Film mildert das berühmte Hüllerlächeln die Strenge – gleichzeitig genervt und voll Empathie. Als sie sich einmal, der Gruppendynamik wegen, von ihrer menschlichen Seite zeigt, auf einer Miniparty (absoluter Höhepunkt des Films), signalisiert sie zum Schluss, dass das jetzt aber auch reichen müsse. Denn sie weigert sich, nach dem schlimmsten modischen Leitungsgrundsatz zu handeln: mit dem Fußvolk endlos plaudern, aber beim Entscheiden zaudern. Wie lustig sie ist, in diesem bitteren Stoff! Einmal muss sie mit Grace, der es eilig hat, Schritt halten und schafft es, ihre hurtige Bewegung zu so etwas wie mildem Spott für seine Kopflosigkeit zu veredeln. Und man denkt: Wow, Sandra Hüller war also das fehlende Element bei Monty Python, wir wussten gar nicht, dass da was fehlte. Wie kann man bloß so gut sein? Es ist zum Quietschen.
Die leider dumme und moralisch angeschimmelte Weltgesellschaft, die wir verstrahlten Äffchen auf Erden mithilfe von Handelseinrichtungen und etwas Internet hergestellt haben, hat wahrlich keinen Anspruch auf die glitzernde Herzensintelligenz dieser großen Schauspielerin. Sie schenkt uns das Zeug trotzdem. Danke, Chefin.
Source: faz.net