Wer zur Hölle findet denn heute in Großstädten eine bezahlbare Wohnung?
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Viele Linke richten ihren Blick lieber auf ferne Ideale, statt auf das Elend direkt vor der Haustür. Armut, Wohnungskrise und Alltagssorgen der Menschen geraten dabei aus dem Blick
Vielleicht ist die Linke in weiten Teilen gar nicht antisemitisch, wie überall zu lesen und zu hören ist. Nur mal so als Gedanke, womöglich ist das Problem ein dezidiert anderes: die „Fernstenliebe“ – ein Wort, das eigentlich auf Nietzsche zurückgeht und nicht mit Solidarität verwechselt werden sollte.
Wird doch bei vielen Linken seit jeher die utopische Sehnsucht auf eine ferne Welt projiziert, sei es nun Stalins Sowjetunion oder das Kuba Fidel Castros. Unter welchen Bedingungen die Menschen dort tatsächlich leben oder gelebt haben, wollte und will niemand wissen. Ähnliches gilt für Gaza. Die islamistische Diktatur der Hamas nach dem Abzug der Israelis 2005 interessiert hiesige Kufiya-Träger nicht die Bohne.
Vom Ausmaß linker Fernstenliebe konnte man sich unlängst im Künstlerhaus in Nürnberg ein Bild machen, auf der Linken Literaturmesse. An den Verlagsständen lagen Marx und Bakunin aus; hier und da wurden auch Stalin-Werke feilgeboten. Irgendeine Gruppe warb sogar für Nordkorea. Offenbar muss sich jemand für die Schmöker interessieren. Und vielleicht waren all die Flyer gegen die AfD schnell vergriffen, ebenso Bücher über Obdachlosigkeit und Pflegenotstand, die der Autor vergeblich suchte. Oder auch nur irgendeine Broschüre zur Schmutzkampagne der Regierung gegen vermeintliche Arbeitsverweigerer.
Zur Erinnerung: Derzeit leben in Deutschland einige Hunderttausend Menschen in existenzieller Angst, weil sich die sozialstaatliche Regelung zur Übernahme der Wohnkosten verschärfen wird; die Betroffenen sollen sich billigen Wohnraum suchen. Nur, wer zur Hölle findet denn heute in Großstädten eine bezahlbare Wohnung? Nicht einmal die Gutverdiener, jedenfalls nicht zur Miete. Viele Leistungsempfänger werden von der ohnehin geringen Stütze noch einen großen Teil für die Miete berappen müssen. Und wer dann auch noch jeden Tag essen will, hat sich bei den Tafeln anzustellen.
Linke ohne Barmherzigkeit
Nach Aussage der Diakonie sind hierzulande 2,8 Millionen Kinder von Armut betroffen. Eine Armut, die aber von der Mehrheitsgesellschaft als ästhetisches Problem wahrgenommen wird. Wie schon Oscar Wilde lästerte: „Wären die Armen nur nicht so hässlich, dann wäre das Problem der Armut leicht gelöst.“ In diesem Land haben gefühlt noch nie so viele Menschen auf der Straße gelebt und ihren Lebensunterhalt vom Flaschensammeln, Betteln und Klauen bestritten. Doch wen interessiert’s? Beim letzten Solid-Bundeskongress in Berlin kaum jemanden.
Ein gänzlich anderes Thema beherrschte die Debatte: Die linke Parteijugend sieht laut Beschluss „die Befreiung Palästinas als Teil einer breiteren demokratischen und sozialistischen Revolution (…), die den Imperialismus und Kapitalismus aus der Region herauswirft“. Empathie mit den 1.200 Opfern des 7. Oktober 2023, des mörderischen Überfalls der Hamas auf Israel? Fehlanzeige.
Vor langer Zeit wollte die gesellschaftliche Linke einmal die Antwort geben auf die Frage, was nach dem Christentum kommt. Heute tritt sie zunehmend selbst als Religion auf, mit Heilserwartung und starren Vorschriften – aber ohne Barmherzigkeit.
Früher wollten Linke noch die Gesellschaft zum Besseren verändern. Linkssein hieß, dafür einzutreten, dass möglichst viele arme Schlucker ein besseres Leben führen. (Auch prekär lebende Regenbogenfamilien freuen sich über mehr Leistungen des Sozialstaats.) Und natürlich waren die sozialen Kämpfe mühsam und von Rückschlägen begleitet.
Die Genoss*innen heute wollen sich vor allem wohlfühlen in der eigenen akademischen Blase. Und in die Ferne schauen. Wer in Berlin gerade die Folgen solcher Fernstenliebe erleben will, sollte ein paar Stationen mit der U8 fahren, mit der Kippa auf dem Kopf Richtung Neukölln.