Ferien mit großen Kindern sind teurer – und schlimmstenfalls zwei Paar Schuhe stressig denn mit kleinen

Früher verreisten junge Erwachsene ab 18 mit Rucksack und bestem Kumpel – aber unbedingt ohne Eltern. Ein Schritt ins Erwachsenwerden. Heute fahren viele auch mit über 20 noch mit der Familie in die Ferien. Ein Problem? Unsere Autorin sieht das anders.

„Nee, sorry“, schrieb eine Freundin neulich, als ich vorschlug, unsere Söhne mit in den Urlaub zu nehmen. Sie habe genug Testosteron zu Hause und brauche dringend Erholung.

Verstehe ich gut. Ferien mit großen Kindern sind teurer – und höchstens anders stressig als mit kleinen. Man überwindet Hindernisse bei strahlendem Sonnenschein, die bei sorgfältiger Planung gar nicht erst entstanden wären. Abends diskutiert man bei lokalen Alkoholika, wer die Challenge des Tages am glorreichsten gemeistert hat. Zuletzt war es Ben in Barcelona, der die Sache mit dem Pannenservice geklärt hat, nachdem ich im Halteverbot auf einer Bierflasche geparkt hatte. Mit einem Wagen, den ich ohne ihn nie gemietet hätte.

Urlaube mit Kindern verlaufen selten ohne Zwischenfälle. Aus kleinen Pannen werden im Rückblick große Abenteuer, die wir irgendwann unseren Enkeln erzählen. Und auch die harmonischen Momente bleiben: als wir mit Freunden, kühlen Drinks in der Hand, kurz sorgenfrei im warmen Meer standen – während unsere Teenager am Strand von Pollença im nachmittäglichen Sonnenlicht Fußball spielten. Nicht mehr am Rockzipfel, aber bitte in Sichtweite. So hätte unser Leben für immer bleiben können, fanden wir.

Doch kurz darauf wurde Caspar 18.

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Aber nur, weil sie plötzlich bei Rewe Schnaps kaufen, sich von Lehrern siezen lassen und ohne elterliche Zustimmung verreisen dürfen, sind sie ja noch nicht erwachsen. Wenn Eltern solche Reisen verbieten, sitzen sie ohnehin nicht am längeren Hebel. Und natürlich verheißen gerade Verbote die coolsten Abenteuer – jenseits von Mama oder Papa.

Weiß wie eine Leinwand trat mein Sohn aus dem Flughafengebäude in die Abendhitze Nordafrikas. Ich erwartete ihn zum Antritt der Mama-Ferien. Hinter ihm lagen zehn Tage Kreta: sein erster Trip mit Kumpels, ohne Eltern. Als er näher kam, sah ich die frische Platzwunde zwischen den feuchten, an der Stirn klebenden Locken. Und wusste: nachts Party, inklusive Köpper in den Pool. Tagsüber hatten die jungen Männer weder Sonne noch Meer gesehen – sie mussten ja schlafen.

Direkt nach der Abreise der Oberstufenschüler bildete sich ein Mütter-Chat. „Und, hat deiner schon Bilder geschickt?“, fragte eine. Eine andere schrieb: „Wir dürfen die Jungs jetzt nicht stalken, sie müssen ihre eigenen Erfahrungen machen.“ – „Jaha“, schrieb ich. Aber wenn wir schon zahlen, können wir nicht wenigstens kurz sehen, wie sie wohnen?

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Sie treiben leider nicht ein Leben lang in aufblasbaren Gummitieren im Babybecken, während wir am Rand sitzen, schrieb eine andere. Es folgten Tränenlachsmiley, Heulsmiley, Sonnenbrillensmiley mit drei Ausrufezeichen. Übersetzung: Cool bleiben, Moms. Sie werden es überleben.

Caspars kleine Narbe prangt bis heute über seinem linken Auge. Wie ein Tapferkeitsabzeichen für Mut und Männlichkeit – wie man es sonst nur in schlagenden Verbindungen erwirbt. Wobei sich die Frage stellt, was bitte sinnloser ist als Mensuren, bei denen junge Männer sich beim Fechten absichtlich im Gesicht verletzen.

Man muss reisen, um zu lernen – ob allein oder mit Eltern

In unseren gemeinsamen Urlauben hatte mein Sohn durchaus Privatsphäre, wenn er abends mit Jungs aus dem Hotel um die Häuser zog. Trotzdem schliefen wir zu dritt in einem Zimmer und hörten ihn, wenn er im Morgengrauen ins Bett schlich.

Einmal fragte mich beim Frühstück der hoteleigene Aqua-Trainer, ob Caspar noch lebe – und verlangte 70 Euro. Mein Sohn habe nachts im Club eine Runde geschmissen …

Meine Reisegruppe fand das unverschämt. Wir nahmen ab sofort nicht mehr an der Pool-Gymnastik teil. Mein Sohn erzählte später als er an der Strandbar aufschlug eine andere Version der Geschichte.

Vermutlich hat der Sommer, in dem er 18 wurde, sein Erwachsenwerden beschleunigt.

Man müsse reisen, um zu lernen, wusste schon Mark Twain. Und auch Émile Zola schrieb, nichts schule den Intellekt intensiver als das Reisen. Eine gute Reise ist eine, in der man etwas begreift: über die Welt, die Menschen oder im Zweifel über sich selbst.

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Dabei ist es egal, ob man mit 18 den Rucksack schultert und mit 100 Euro die Welt bereist – oder gemeinsam mit den Eltern im Camper ans andere Ende Europas fährt, um etwa familiäre Wurzeln zu (be-)suchen.

Fast alle Freunde meiner Söhne machen Urlaub mit ihren Eltern, auch mit über 20, als Studierende oder Auszubildende. Für manche sind die Sommerferien die einzige Gelegenheit, im Ausland lebende Familie zu sehen – in Südfrankreich, Nordafrika oder wo auch immer Verwandte leben. Wenn sie davon erzählen, klingt es ein wenig wie im Film „Maria, ihm schmeckt’s nicht“: Familienkomödien, in denen Kulturen aufeinanderprallen und Bande gesprengt, gepflegt oder neu geordnet werden.

Fast alle kehren mit neuen Erkenntnissen zurück – gerade über sich selbst und über die eigenen Kinder.

Zuletzt erfuhr ich auf einer Luftmatratze und bei einer Rast auf einer Sandbank vor Sitges mehr als in einem Jahr Hamburger Küche. Über Bens Mitschüler, die ich sonst nur beim Einkaufen sehe: Wer Hausarrest hat, wer inzwischen die größten Muskeln aufgebaut hat, in welches Mädchen alle verknallt sind – oder welcher Lehrer Disziplinarkonferenzen einberuft, sobald jemand seinen schmutzigen Teller in der Schulkantine stehen lässt. Also: die ganze Bandbreite im Leben eines 16-Jährigen.

Journalistin Andrea Müller versucht oft vergeblich, ihre beiden Söhne, 16 und 21 Jahre alt, zu Feministen zu erziehen. Die Folge: eine unbeugsame männliche Macker-Opposition. Caspar und Ben heißen in Wirklichkeit anders und dienen an dieser Stelle lediglich als Inspiration für die journalistische Form der Glosse.

Source: welt.de

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