Feminist*medial | Nie wieder „Male Stare“: Diese fünf Feminist*medial sollten Sie kennenlernen

Anita Ghai: Wenn Männer starren

Anita Ghai (1958–2024) wollte nie die „Mutige“ sein, die „Ausnahme“, und erst recht kein Token. 1958 in Indien geboren, erkrankte sie zweijährig an Polio und konnte sich an kein Leben ohne Behinderung erinnern. Sie wurde Professorin für Psychologie und Vorsitzende der Indian Association of Women’s Studies.

Als Aktivistin und Theoretikerin krempelte sie die Perspektive auf Behinderung und Gender komplett um: Der „male gaze“ wurde bei ihr zum „male stare“ – wo andere Feministinnen die Objektifizierung weiblicher Körper durch den männlichen Blick kritisierten, wies sie auf die Eskalationsstufe des männlichen Starrens hin, das behinderte Frauen auf asexuelle Objekte der Abscheu reduziert.

Trotzdem war sie von Konferenzen genervt, auf die nur „Konvertierte“ eingeladen waren: Menschen, die selbst mit Behinderungen lebten und denen die Wichtigkeit von Inklusion bereits klar war. Sie wollte keine Selbstgespräche, sondern sie wollte alle erreichen. Alle davon überzeugen, dass es keinen Sinn macht, im Feminismus Bereiche fein säuberlich voneinander zu trennen – hier die, die sich mit Carearbeit befassen, dort die Queers, und da drüben die, die das indische Kastensystem kritisieren –, sondern sie wollte alle und alles zusammendenken.

Für Ghai war Feminismus eine Denkschule, die uns Interdependenz lehrt, da wir alle nur „temporary able“ sind. Nicht die im Feminismus oft fetischisierte Autonomie war für sie das Fundament für eine gerechtere Welt, sondern das Anerkennen von Abhängigkeit und der daraus folgenden Solidarität.

Betty Belen: Drei Fäuste gegen Chevron

Immer wieder wird das Leben von Betty Belen bedroht – aber die philippinische Aktivistin gibt nicht auf. Als Mitglied von Innabuyog, einer Vereinigung indigener Frauenorganisationen in den Kordilleren, hat sie sich die Verteidigung ihres anzestralen Landes zur Aufgabe gemacht. 2012 führte sie einen Protest gegen ein von Chevron geplantes Geothermiekraftwerk an, das indigenes Land in gigantischem Ausmaß kontaminieren würde.

Sie wurde immer wieder von der Polizei eingeschüchtert und 2020 sogar mithilfe gefälschter Beweise inhaftiert. „Wenn diese Unternehmen zu uns kommen, tragen wir Frauen die dreifache Last“, sagt sie in einem Videostatement. „Wir werden vom Militär sexuell angegriffen. Wir, die wir keine formale Bildung haben, verlieren unsere Lebensgrundlage und unsere Arbeit. Wir werden vertrieben und verlieren unsere Gemeinschaft.“ Aber, so Belen, es sind genau diese Wälder und Flüsse, die sie das Kämpfen gelehrt haben – und die sie weiterhin ihre Fäuste erheben lassen.

Marquis Bey: Das „Cistem“ abschaffen

Für Marquis Bey, Black-Studies- und Gender-Prof an der Northwestern University, ist Schwarzer Trans Feminismus „ein Liebesbrief, eine Schachtel Schokolade, eine warme Umarmung, ein Schlafplatz nach einem heißen Essen“.

Aber Black Trans Feminism, wie Beys wegweisendes Werk aus dem Jahr 2022 betitelt ist, ist für them nicht nur ein schützender Ort für all jene, die oft nur als mehrfach marginalisierte Opfer von Gewalt, Sexismus und Armut wahrgenommen werden. Sondern auch ein Weg zu radikaler Freiheit, die die gesamte Gesellschaft umkrempeln, ja, in ihrer existierenden Form abschaffen muss.

Denn Bey, der*die keinen Bock auf irgendwelche Pronomen hat und demnächst ein autotheoretisches Buch mit dem Titel Nonbinary Life veröffentlichen wird, ist nicht nur von queeren, antirassistischen und anarchistischen Theorien beeinflusst, sondern auch maßgeblich von Denker*innen des Abolitionismus: Erst wenn wir das „Cistem“ mit all seinen strafenden Institutionen abschaffen, können wir alle frei sein.

Ana Isla: Ökosozialismus ohne Räucherstäbchen

Lange Zeit hatte der Ökofeminismus einen schlechten Ruf, rief Bilder von betulicher Räucherstäbchen-Innerlichkeit hervor. Erst seit Kurzem geht vor allem jüngeren Feministinnen wieder auf, wie revolutionär das Zusammendenken von Geschlecht, Natur und Ausbeutung war und bis heute ist. Ana Isla, peruanische Soziologie-Professorin, steht für eine materialistische, ökosozialistische Perspektive auf Feminismus.

In zahlreichen Untersuchungen hat sie gezeigt, wie der kapitalistische Raubbau an Ressourcen vor allem Frauen negativ betrifft. Wie in Costa Rica Frauen angesichts hochgiftiger kanadischer Metallextraktionen um sauberes Wasser und ihr Überleben kämpfen müssen. Wie indigene Frauen in ihrer Heimat Peru zwangssterilisiert wurden, um ihre funktionierende Subsistenzwirtschaft zu zerstören.

Isla plädiert dafür, uns die Rolle von Frauen in Geschenkökonomien, die in indigenen Communitys fortleben, genauer anzusehen – und dadurch einen radikalen gesellschaftlichen Wandel anzustoßen.

Pia Arke: Von wegen „Arktische Hysterie“

Bis heute findet sich auf Wikipedia ein Eintrag zu „Piblokto“, der sogenannten arktischen Hysterie. Sie wird dort als „kulturspezifisches Syndrom“ beschrieben, als eine „Verhaltensstörung“, die „möglicherweise im Zusammenhang mit der Verdrängung der Persönlichkeit von Inuit-Frauen“ stehe. Diese vermeintliche „Arctic Hysteria“ machte die Künstlerin Pia Arke (1958–2007), die in Uunarteq als Tochter einer grönländischen Mutter und eines dänischen Vaters geboren wurde, zum Mittelpunkt ihres künstlerischen Schaffens.

Ihre oft monochrom grauen Fotos, Gemälde und Installationen kreisen um die Frage, wie die koloniale Eroberung ihrer Heimat auch eine Eroberung weiblicher Körper und Identitäten war – und welche Traumata sie ausgelöst hat. Erst nach ihrem frühen Tod wurde Arke als eine der wichtigsten Kritikerinnen der dänischen Expansionspolitik anerkannt und ihr Werk weltweit in großen Einzelausstellungen gezeigt, 2024 auch im KW Institute for Contemporary Art in Berlin.

ArbeitarmutArtAusbeutungBerlinBildungBuchChevronCostaCosta RicaDreiEssenfeinFeminismusFlüsseFrauenFreiFreiheitGesellschaftGewaltIndienInklusionKennenlernenKonferenzenlebenMännerMilitärNaturPeruPiaPolioPolizeiProtestPsychologieRechtSSchokoladeSchwarzerSelbstSexismusSinnSoziologieTodTraumataUnternehmenVerteidigungWälderWasserWELTZeit
Comments (0)
Add Comment