Feminismus | Klagechor statt Aufschrei: Lina Muzur sammelt Frauenprobleme

33 Nachrichten, 33 Frauenprobleme. Ein Chor, der die Probleme von Frauen in den mittleren Jahren adressiert: Der Frust mit den Kindern, die Suche nach Sinn, die Lust auf mehr, die Erschöpfung und die Traurigkeit. Lina Muzur, Verlagsleiterin bei Hanser Berlin, hat diese Stimmen zusammengetragen. Es handelt sich um Sprachnachrichten, die ihr Freundinnen geschickt haben. Die Ausgangsfrage lautet: Wo stehst du gerade im Leben? Manche der Sprecherinnen antworten mit einer Katastrophenerzählung. Die meisten sind Suchende. All die Stimmen zusammen, so beschreibt es Lina Muzur, würden einen Aufschrei ergeben. Ehrlicherweise muss man sagen: Sie ergeben eher einen Klagechor.

Natürlich spielt bereits der Titel mit dieser Ebene des Frauseins: Frauenprobleme, das meint ja wahlweise unangenehme Körpervorgänge, Gedöns oder eben „Lamento“. Aber das ist okay, wir dürfen uns beklagen. So funktionieren die Sprachnachrichten im Grunde wie eine Psychoanalyse: Man erzählt, was einem so in den Sinn kommt. Es gibt kein Ziel, keine Struktur, aber gerade darin offenbart sich das wahre Thema, das Symptom.

Es ist jene Art von Buch, das ein interessiertes Befremden auslöst. Ein Befremden darüber, wie sehr das, was doch als Problem des eigenen Geschlechts verhandelt wird, bisweilen gar nicht anschlussfähig ist. Das ist eine gute Erkenntnis: Wenn wir uns als Feministinnen schon ernst nehmen wollen und „die Frau“ dekonstruieren, dann müssen wir eben zugeben: Es gibt „die Frauenprobleme“ nicht.

Ständig fühlt sich eine Mutter schuldig – und erschöpft

Jedenfalls wird gleich in der ersten Sprachnachricht ungeheuer deutlich, dass die verhandelten Frauenprobleme sehr viel mit Alterskohorte und Herkunft zu tun haben. Es ist eine Geschichte, die ein bisschen Puls macht. Noch mal: Das ist nichts Schlechtes. Denn aus dem Widerspruch wächst die Debatte.

In der ersten Nachricht erzählt Franka, 50, Mutter zweier Kinder, von der ständigen Überforderung der arbeitenden (westdeutschen) Mutter. Ständig fühlt sie sich schuldig – und erschöpft. Sie wundert sich darüber, was sie alles für ihre Kinder tut, obwohl es nicht nötig ist: Sie backt Kuchen, pflanzt Ostergras. Mehr noch als diese „unnötige Arbeit“ wurmt sie, dass ihr Mann keine der mentalen Lasten trägt. Einmal, als sie verreist ist, stehen die (Teenager-)Kinder vor verschlossener Tür, weil der Mann nicht rechtzeitig vom Büro zurückgekehrt ist. Sie müssen hungern, weil kein Essen gekocht wurde. Man ist als Ostfrau vor den Kopf gestoßen: Haben die Kinder keinen Schlüssel? Können sie keine Mikrowelle bedienen?

Viel interessanter aber scheint es, dass der Text mit einer Ungeheuerlichkeit beginnt, derer er sich gar nicht bewusst ist: Die Schwiegermutter Frankas ist nämlich eine ganz klassische Hausfrau. „Ihre ganze Person, ihre ganze innere Haltung … ist eine Ohrfeige für die Sache der Frau.“ Womit Franka meint: Die Schwiegermutter geht in der Sorge für die Enkel auf. Das möchte man toll finden als Leserin, aber das sei es, so erklärt es uns Franka, eben nicht. Denn der „Sache der Frau“ ist anscheinend nur dann geholfen, wenn man unglücklich ist in der Rolle der gestressten Frau, die sich die Haare rauft, weil sie Ostergras pflanzt.

Frauenprobleme sind nicht nur mit Mutterschaft verknüpft

Eigentlich wartet man auf eine Läuterung: Dass die gescholtene Schwiegermutter, die sich so rührend kümmert und die Vielfachbelastung der Schwiegertochter anerkennt, ihrerseits Anerkennung erfährt. Dass sie unterbleibt, ist vielleicht mit den mentalen Lasten der Sprecherin zu erklären.

Auch Friederike, 46, erzählt über Mutterschaft, über das Loch, in das sie nach der Geburt ihrer Kinder fiel. Im Grunde erzählt sie von einem Burn-out, nicht nur verursacht von den Kindern, sondern von Social Media, Kaufangeboten und Nachrichtenberieselung. Dann folgt die nur scheinbar triviale Erkenntnis, dass sie als Mutter weniger Diskurs und mehr Trost gebraucht hätte.

Frauenprobleme sind aber nicht nur mit Mutterschaft verknüpft. Louise, 43, widmet sich der Frage des weiblichen Begehrens. Sie zeigt sich ratlos darüber, was das speziell weibliche Begehren sein könnte, weil es stets vom männlichen, heteronormativen Begehren überschrieben ist; aber sie wirft die spannende Frage auf, warum die ungeheure Permissivität, die wir heute in Fragen der Sexualität erleben, bei der jüngeren Generation anscheinend zu einer Stillstellung des Begehrens geführt hat. Den anderen zum Objekt der Begierde zu machen, sei bei Gen Z verpönt – aber wie kann dann Begehren funktionieren?

„Ich bin ziemlich lost mit Mitte vierzig, in der Mitte meines Lebens“

Das Glück als Zustand, als verfehltes Gefühl, kommt in vielen der Nachrichten vor. Beinahe am Ende des Bändchens befindet sich ein Text von Johanna, 40, die einfach glücklich ist. Was sehr viel mit Selbstbestimmung zu tun hat – und ja, auch mit dem mittleren Alter. Denn das ist ja eine der großen Pointen des Frauenlebens: Immerzu macht man uns Angst vor dem Alter (und vor allem den Zeichen des Alterns an unseren Körpern), dabei ermöglicht das Alter oft einen zärtlichen Umgang mit dem Selbst.

Diesen Gedanken greift auch Mosch, 47, auf. Das Altern ist kein Raum des Grauens, sondern der Entwicklung. Es befreie von der Eitelkeit. Sie findet ein Bild für den Übergang in die zweite Lebenshälfte: Sie habe ihre alte Haut abgestreift; verwundbar sei der Mensch darunter, aber bereit, weiter zu wachsen. „Ich bin ziemlich lost mit Mitte vierzig, in der Mitte meines Lebens, in der ich gerade in eine neue Person reinwachse, aber gar nicht sagen kann, wer die so ist.“

Vielleicht lautet das Motto all der Nachrichten: Die Frauen sind auf der Suche, weil sie sich an einem wichtigen Wendepunkt befinden. Nach der Hälfte der Lebenszeit ergibt sich nicht nur die Frage, ob man seine Ziele erreicht, sein Begehren eingelöst hat. Wir können noch einmal eine andere werden, wenn wir uns die Vulnerabilität, die dieser Prozess mit sich bringt, erlauben können. Eigentlich möchte man die Sprecherinnen trösten: Es geht euch gar nicht so schlecht, wie ihr denkt. Aber vielleicht erkennt man das erst in der Rückschau.

Frauenprobleme. 33 neue Nachrichten Lina Muzur (Hg.) Hanser 2026, 224 S., 22 €

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