Als wäre es ein einziger Atemzug, rauscht Laura Freudenthalers neuer Roman – mit geweiteter Lunge und rasendem Puls – an uns vorüber. Ein Atemzug also, der sich auf dreizehn abgeschlossene Sätze erstreckt, die wiederum die Kapitel gliedern, sodass man als Leser:in in einen regelrechten Sog hineingerät, worin man – einzig durch Kommata abgetrennt – von einem Ort an den anderen und wieder zurück purzelt, um schließlich ganz zu vergessen, dass man jetzt und hier, ja wirklich an dieser Stelle, einmal Luft holen muss. Brainfuck aus, Punkt, Pause. Lange darf man sich der Muße allerdings nicht hingeben.
Denn die titelgebende Protagonistin aus Iris zieht es, kaum irgendwo angekommen, schon in eine andere Stadt. Als Schriftstellerin tingelt sie über den Globus, macht beispielsweise Halt in Minnesota, Rom, Tirana, Breslau, Palermo oder Belgrad. So rasch die Szenerien wechseln, so unverhofft schlittert man ebenso zwischen den Perspektiven. Beschreibt in einem Moment noch ein neutraler Erzähler die Handlung, so durchbricht schon im nächsten eine nicht gekennzeichnete wörtliche Rede den Fluss. „Iris betrachtet die Fotografien auf dem Tisch, schmerzt es dich manchmal, dass du in allem, was du anschaust, sofort die Struktur vor Augen hast?“ – eine Frage, die uns beiläufig auch darauf hinweist: Diesem Text geht es vor allem um die Form, um ein fulminantes Experiment.
Zweifelsohne will die Autorin Grenzen sprengen, insbesondere jene zwischen den Zeiten. Dies macht sich schon am Hauptprojekt der Protagonistin deutlich, erforscht sie doch intensiv die Hexenverfolgung. Blitzen die Passagen über diese Gräuel immer wieder im Fließtext auf, so erscheinen sie wie ein ironischer Kommentar auf Iris’ Gegenwart. Anders als die im Mittelalter Hingerichteten lässt sie sich im Bett von Anton freiwillig unterwerfen. SM-Praktiken aus Schlägen, Würgen und Fesseln nutzen hier die Gewalt als Spiel.
Gemessen am Leid der Gefolterten früherer Zeiten erweisen sich die erotischen Interludien als eine Verharmlosung. Ohne offensiv zu moralisieren, stellt Laura Freudenthaler in ihren Satzkaskaden dezent Zusammenhänge her. Die eine Epoche fließt in die andere, die Schicksale der Frauen überlagern sich, allerdings mit besagtem, groteskem Widerspruch zu Iris, die das Sklavinsein schon verinnerlicht hat. Wird die Repression des weiblichen Geschlechts somit heutzutage nur rituell und sprachlich beschönigt? „Die schlimmste Falle“, betont eine Freundin der Heldin, „die man uns Frauen je gestellt hat, ist die romantische Liebe.“
Ob als Objekt der Begierde oder als angebetete Geliebte – das Frausein entspringt im Roman stets der männlichen Projektion. Auch eine wiederum nur kursorisch vorbeiziehende Passage über indische Fischerinnen stützt diese Interpretation. Mit einem Korb stehen diese bis zur Hüfte im Fluss, um mit den bloßen Händen die Wassertiere zu fangen. Als würde es sich bei dieser Praxis um ein Privileg handeln, heißt es, sie sei allein ihnen „vorbehalten“. Kaum hat Anton diese Praxis geschildert, kommen Iris Krokodile in den Sinn: „ob sie die Frauen nicht angreifen würden?, nicht dass er wisse, meinte er, schien darüber noch nie nachgedacht zu haben, und mir fielen Geschichten ein von Gemeinschaften, in denen alte Frauen traditionellerweise lebensgefährliche Tätigkeiten ausübten, weil sie der Gesellschaft sonst nichts mehr wert waren.“ Die bedrohliche Wirklichkeit wird verklärt, wodurch die faktische Ungleichheit zwischen den Geschlechtern aus dem Blick gerät.
Während andere Autor:innen unserer Tage (man denke etwa an Mareike Fallwickl und Eva Reisinger mit ihrem Pen!smuseum) rebellisch zum Angriff auf das Patriarchat aufrufen, funktioniert Freudenthalers Text subtiler. Statt den Leser:innen die Botschaft einzutrichtern, versetzt sie die Autorin in eine aktive Rolle, indem sie selbst die mal offensichtlichen, mal eher angedeuteten Verbindungen zwischen den Themen des Textes aufdecken müssen. Zudem geht Freudenthalers feministische Schreibweise mit einer überzeugenden Avantgarde-Ästhetik einher. Man will nicht gleich eine Nähe zur marxistisch gesinnten Elfriede Jelinek überbetonen, deren Suaden auch allerlei Diskurse vermischen und dadurch etwa Parallelen von Sexismus, Rassismus und Faschismus aufdecken. Gleichwohl lässt der Roman der 1984 in Salzburg geborenen Schriftstellerin eine kaum zu leugnende Ähnlichkeit mit dem Verfahren der Literaturnobelpreisträgerin erkennen.
Was bei alledem erschüttert: die weitestgehende Passivität ihrer Heldin. Sie treibt durch eine im Chaos versinkende Gegenwart. An ihr zischen die Coronakrise und Kriege vorüber. Gewiss überlegt sie kurz, ob ihre Arbeit nun überhaupt noch von Bedeutung sei, wenn Putins Truppen in der Ukraine einmarschieren. Doch schon nach dem nächsten Komma schenkt sie sich Wein ein, „nobel geht die Welt zugrunde“, lesen wir, ein billiger Spruch für eine komplexe Gemengelage. Nur vereinzelt kommt Besorgnis auf, ohne weitere Konsequenz, denn „zu allen Zeiten ist Krieg, sagt Iris, jeden Tag erzählen mir Nachrichtensprecher von einem Konflikt, der schwelt, aufflammt, nicht mehr eingefroren wird, an dieser Grenze und an jener, zwischen Volksgruppen, Religionsgemeinschaften oder Dörfern, die immer schon oder bisher noch nicht verfeindet waren, ich komme gar nicht nach, so rasch springt hier und da und dort der Teufel aus Feuer und Rauch und lacht und lacht“.
Laura Freudenthaler, die 2020 beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet wurde und zahlreiche weitere Prämierungen, darunter der Droste-Preis oder der Anton-Wildgans-Preis, erhielt, trifft mit ihrem aktuellen Roman vollends den Nerv der Zeit. Er rührt von drängenden gesellschaftlichen Fragen her, ohne ins Seichte und Populäre abzudriften. Im Gegenteil, seine anspruchsvolle Dynamik, die den Leser:innen keine einzige Abschweifung erlaubt, zeugt von Mut. Er fordert bis zur letzten Silbe Wachsamkeit ein – und belohnt durch eine unvergleichliche, erhellende Lektüreerfahrung.
Laura Freudenthalers Schreibweise lässt an Elfriede Jelinek denken
Iris Laura Freudenthaler Jung und Jung 2026, 176 S., 24 €