„Feind welcher Menschheit“: Was hinter Francesca Albaneses Israel-Kritik steckt

Francesca Albanese, die Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für die besetzten Gebiete Palästinas, hat mit einer kurzen Rede, die sie auf einem „Forum“ von Al-Jazeera hielt, Rücktrittsforderungen auf sich gezogen. Sie beklagte, dass Israel nicht „gestoppt“ worden sei, und folgerte daraus: „Wenn das Völkerrecht einen Messerstich ins Herz erhalten hat, ist gleichzeitig wahr, dass die globale Gemeinschaft noch nie so klar die Herausforderungen gesehen hat, vor denen wir alle stehen. Wir die wir keine großen Mengen an Finanzkapital, Algorithmen und Waffen kontrollieren, sehen jetzt, dass wir als eine Menschheit einen gemeinsamen Feind haben, einen Feind.“

Albanese beteuert, sie habe nicht Israel zum Feind der Menschheit erklärt, sondern das „System“, das den Genozid in Palästina ermögliche. Ein tendenziöser Zusammenschnitt habe einen falschen Eindruck erzeugt. Dass dies eine nachträgliche Schönfärbung ihrer Aussage ist, ist in der F.A.Z. dargelegt worden: Wenn das System der westlichen Welt mit seinen Medien und seinem Finanzkapital, seinen Algorithmen und seinen Waffen Israels „apartheitsfreundliche Erzählung des Genozids“ unterstützt, steht doch Israel dahinter. Auch Albaneses voller Wortlaut richtet sich gegen Israel und ist im Kern antisemitisch.

Die Vernichtungsdrohung im Buch Esther

Wenn sie von dem „gemeinsamen Feind der Menschheit“ spricht, greift Albanese das älteste antisemitische Klischee auf, das wir kennen. Erstmals in der griechischen Übersetzung des biblischen Estherbuchs, die genau in der Epoche des Übergangs von der persischen zur hellenistischen Zeit des Vorderen Orients entstand (um 300 vor Christus), heißt es vom Volk der Juden, dass es sich „gegen alle Menschen ohne Ausnahme feindselig verhält, nach absonderlichen und befremdlichen Gesetzen lebt […] und schlimme Verbrechen begeht“. Deswegen sollen alle Juden „samt ihren Frauen und Kindern ohne Gnade und Erbarmen durch das Schwert ihrer Feinde radikal ausgerottet werden“.

Die Menschenfeindschaft der Juden kann nur mit ihrer radikalen Vernichtung bestraft werden. Genau zu dieser Zeit erwähnt der Historiker und Geograph Hekataios von Abdera erstmals eine ägyptische Gegenerzählung zum biblischen Exodus, wonach die Juden während einer Pest aus Ägypten vertrieben wurden und in Judäa eine Kolonie gründeten, in der sie nach ihrer eigenen „asozialen“ (apanthrōpon) und „fremdenfeindlichen“ (misoxenon) Lebensweise leben konnten.

Der persische König Ahasveros erließ, so erzählt es das Buch Esther der hebräischen Bibel, aufgrund der bösen Einflüsterungen seines Großwesirs Haman ein Edikt gegen die Juden. Die Zeichnung schuf ein flämischer Künstler in der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts.The Metropolitan Museum of Art

Vom ptolemäischen Ägypten wanderten diese Traditionen im zweiten Jahrhundert vor Christus in das seleukidische Syrien-Palästina und wurden weiter angereichert. Der Vorwurf der grundsätzlichen Menschenfeindlichkeit (misanthrōpia) wird jetzt dem seleukidischen König Antiochus IV. Epiphanes in den Mund gelegt, der, „geschockt von dem Hass (der Juden) gegenüber allen Menschen, beschloss, ihre traditionellen Gesetze aufzuheben“. Als König Antiochus VII. Sidetes 135/34 vor Christus Jerusalem belagerte, empfahlen ihm seine Ratgeber, „die Stadt im Sturm zu nehmen und das Geschlecht der Juden gänzlich auszulöschen, denn unter allen Völkern vermischten allein die Juden sich mit keinem anderen Volk und betrachteten alle als (ihre) Feinde“. Aus Ägypten vertrieben hätten sie Jerusalem besetzt, „das Volk der Juden gegründet und den Hass gegen die Menschen an ihre Nachkommen vererbt“

Auf die Christen übertragen

Im lateinischen Westen fasst der römische Historiker Tacitus diese griechische Tradition in seinem einflussreichen Exkurs über die Juden in den „Historien“ ürägnant zusammen: Während sie untereinander immer loyal und zu Mitgefühl geneigt sind, bringen die Juden „allen anderen gegenüber feindseligen Hass (hostile odium) entgegen“. Obgleich Tacitus dieses vernichtende Urteil in seinen „Annales“ als „odium humani generis“ („Hass auf das Menschengeschlecht“) auf die Christen überträgt, lebt es im „kulturellen“ Gedächtnis des Westens allein als antisemitisches Stereotyp weiter und findet seine bisher letzte Steigerung im Mythos von der jüdischen Weltverschwörung.

Genau diese beschwört Francesca Albanese, wenn sie sagt: „Wir (die globale Gemeinschaft) die wir keine großen Mengen an Finanzkapital, Algorithmen und Waffen kontrollieren, sehen jetzt, dass wir als eine Menschheit einen gemeinsamen Feind haben“. Sie selbst ist es, die mit ihren Insinuationen dem Völkerrecht einen „Messerstich ins Herz“ versetzt.

Peter Schäfer ist emeritierter Professor für Judaistik der Universität Princeton und war von 2014 bis 2019 Direktor des Jüdischen Museums Berlin. 2020 erschien seine „Kurze Geschichte des Antisemitismus“.

Source: faz.net