In Zürich, wie dpa jetzt vermeldet, ist überraschend der Abituraufsatz von Max Frisch (1911 bis 1991) aufgetaucht. In dem Text des Neunzehnjährigen, „Licht- und Schattenseiten der modernen Technik“, nimmt der neben Friedrich Dürrenmatt bedeutendste Schweizer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts schon ein wiederkehrendes Thema seines literarischen Werks vorweg, den Einfluss der Technik auf das menschliche Bewusstsein. Der Literaturwissenschaftler und Präsident der Max Frisch-Stiftung Thomas Strässle spricht gar von einer „literarischen Sensation“. Ob man so weit gehen muss, wird sich zeigen, wenn der Aufsatz gedruckt vorliegt. In jedem Fall sei Technikkritik, so Strässle, „eines der großen Themen des späteren Max Frisch“.
Frisch, so heißt es, stelle die Urmenschen, die sich ums Überleben kümmern müssen, modernen Erdbewohnern gegenüber. Die Technik nehme den Menschen viel ab und gebe ihnen mehr Zeit, die sie jedoch auf problematische Weise füllten: mit Denken. „Je klarer und logischer wir aber denken, desto rascher erkennen wir die bodenlose Stumpfsinnigkeit unseres Daseins“, schrieb Frisch in dem Aufsatz, der seine Schulzeit abschloss. Sein Fazit: „Vom Standpunkt des Glücks aus beurteilt ist die Technik abzulehnen“. Thomas Strässle nennt die Gegenüberstellung von Urmensch und dem problemgetriebenen Zivilisationsmenschen im Text des jungen Frisch zwar „naiv und plakativ“, hält aber fest: „Hier schreibt einer, der hoch hinaus will und es kaum erwarten kann.“
Im Abstand liegt das Teuflische
Frischs Helden riskieren immer wieder Blicke in den Abgrund der Technik, und das Flugzeug spielt dabei eine entscheidende Rolle. Im „Tagebuch 1946-1949“ spielt der Autor durch, auf welche Weise der Blick von der Maschine aus auf die Miniaturwelt weit unter ihm sein moralisches Empfinden verändern könnte. Einerseits sei es „herrlich“, sich von menschlichen Maßstäben zu befreien. „Aber etwas bleibt luziferisch.“ Gemeint ist der enorme Abstand zwischen dem Beobachter weit über den Wolken und seinen Mitmenschen am Boden. Sein Messer ziehen und ein unschuldiges Kind angreifen, so Frisch, das könne er nie. Doch eine Bombe aus großer Höhe auf viele Menschen zu werfen, die als Individualität nicht zu erkennen seien – da sei er sich nicht so sicher.
In „Homo Faber“ (1957) schildert Frisch dann das Leben eines technikgläubigen Menschen, dem das Schicksal seine Berechnungen zerschlägt, so dass er in persönliche Schuld stürzt. „Ich glaube nicht an Fügung und Schicksal“, verkündet der selbstgewisse Faber früh im Roman, „als Techniker bin ich gewohnt, mit den Formeln der Wahrscheinlichkeit zu rechnen.“ Eben diese Gewohnheit reicht nicht mehr aus, um dem Verhängnis zu begegnen.
Bemerkenswert ist, wie der Textfund zustande kam. Ein späterer Schüler an der Schule von Frisch in Zürich ließ die Arbeit in den Fünfzigerjahren aus einem Archivschrank mitgehen. Seinerzeit hatte Frisch durch sein „Tagebuch 1946-1949“, das 1950 bei Suhrkamp erschien, schon für Aufsehen gesorgt. Er habe den Aufsatz für die Nachwelt erhalten wollen, schrieb der Mann 2024, als er ihn an das Max Frisch-Archiv schickte. Jetzt erscheint der Aufsatz in der Festausgabe zum 175. Jubiläum des Lehrmittelverlags in Zürich (LMVZ). Weitere Texte stammen von Prominenten, die der Herausgeber gebeten hatte, Schulerinnerungen beizutragen.
Source: faz.net