Familie heißt Tarnen und Täuschen, Verstecken und Verbergen

Charlotte Rampling, Tom Waits, Cate Blanchett und Adam Driver: In „Father Mother Sister Brother“ erzählt Jim Jarmusch mit großer Starbesetzung drei Geschichten von ganz unterschiedlichen Familien. Aber etwas haben alle gemeinsam.

Bevor Sohn und Tochter zu Besuch kommen, räumt der Vater noch einmal auf. Nein, er räumt herum, breitet eine abgewetzte Decke über das Designer-Sofa, stellt irgendwelchen Krempel und alte Bücher auf die Schränke. So entspricht er dem Bild, das seine Kinder Jeff (Adam Driver) und Emily (Mayim Bialik) sich von ihm machen und im geschwisterlichen Talk noch ein wenig tatteriger ausmalen, während sie auf dem Weg in die abgelegene Idylle im ländlichen Teil New Jerseys sind.

Dabei stellt sich heraus, dass Jeff, ein korrekt-biederer Karrieremensch, dem Alten schon öfter finanziell ausgeholfen hat: wegen der reparaturbedürftigen Wasserleitungen am Haus, und der maroden Rückwand, die einzustürzen drohte. Emily hält diese Großzügigkeit offenbar für eine Charakterschwäche; und den Vater für einen hoffnungslosen Fall. Vor der Tür seines Häuschens am See parkt passenderweise ein Auto, das auch schon bessere, rostfreie Zeiten gesehen hat.

Die Begrüßung ist verklemmt, geheuchelt herzlich. Zu sagen hat man sich nichts mehr. Betretenes Schweigen, Verlegenheit, deplatzierte Bemerkungen. Der Vater serviert Leitungswasser – ja, das funktioniere wieder, bestens. Später kocht die Tochter Tee, womit „auf die Familienbeziehungen“ angestoßen wird.

Jeff, ganz der brave, beflissener Sohn mit schlechtem Gewissen, hat eine Art Carepaket mitgebracht, als sei er zu Besuch in einem Krisengebiet. Darin unter anderem Nudeln, Olivenöl, Hochprozentiges und eine Pastafertigsoße, in der „der Käse schon mit drin ist“. Der Vater gibt sich überrascht, als hätte er von solchen neumodischen Dingen noch nie gehört. Doch Emily bemerkt an seinem Handgelenk eine Rolex, die der ertappte Vater als billiges Imitat abtut.

Tom Waits spielt den Alten, der wiederum seinen Kindern mit zuvor bereitgestellten Requisiten eine Rolle vorspielt – mit großartigem, hintergründigem Witz. Ein harmlos-verpeilter Alt-Boomer, der die Qualität von purem Wasser preist und im Regal Wilhelm Reich stehen hat, und heimlich hinterm Haus, wo die angeblich kaputte Wand gewesen sein soll, einen schicken Sportwagen geparkt hat. Von dem Geld, dass Jeff ihm beim Abschied aufgedrängt hat, lädt er seine Freundin später zum Dinner ein – „am üblichen Ort“, wo wahrscheinlich die Soße nicht fertig aus dem Glas kommt, mit dem „Käse schon mit drin“.

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Jim Jarmuschs neuer Kinofilm „Father Mother Sister Brother“ besteht aus drei eigenständigen Teilen mit verschiedenen Settings, Geschichten und Figuren, die durch Themen und Leitmotive verbunden sind. Das reicht von sich wiederholenden beiläufigen Details – in allen drei Storys wird über die Qualität von (Leitungs-)Wasser diskutiert, Tee oder Kaffee getrunken oder tauchen alte Autos auf – bis zur großen Frage, wie gut sich Familienmitglieder wirklich kennen. Ist Familie mehr als ein zufällig identischer Geschmack bei der Farbauswahl der Kleidung?

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In der in Dublin spielenden „Mother“-Geschichte sind es die beiden erwachsenen Töchter, die ihrer allein lebenden Mutter (Charlotte Rampling) – einer erfolgreichen Schmöker-Autorin – beim rituellen jährlichen Nachmittagstee eine heile, konventionelle Welt vorgaukeln. Timothea (Cate Blanchett) gibt die erfolgreiche Kuratorin, die ihr Leben im Griff hat, tatsächlich aber all ihre Kraft sammeln muss, bevor sie der strengen Mutter unter die Augen tritt. Die freigeistige Schwester Lilith (Vicky Krieps) erfindet einen männlichen Verehrer, um ihre lesbische Beziehung nicht offenbaren zu müssen.

Doch auch die Mutter erzählt lieber von der Herkunft ihrer exquisiten Törtchen als von ihrem Psychotherapeuten. Man kann sich vorstellen, wie eine Kindheit unter der Herrschaft dieser Zwangsneurotikerin ausgesehen haben mag. So wird auch die Frage, wer den Tee einschenkt, zum subtilen Machtkampf: „Soll ich die Mutter sein?“ – „Irgendwann solltest du damit anfangen.“

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Im dritten Teil „Sister Brother“ trifft sich ein Zwillingspaar in Paris, nachdem die Eltern beim Absturz ihres Privatfliegers ums Leben gekommen sind. Hier sind der Twist und die Atmosphäre eine andere: Zwar wussten auch Skye (Indyra Moore) und Billy (Luka Sabbat) von ihren Eltern zu deren Lebzeiten vieles nicht, allerdings nähern sich die beiden einander beim Betrachten alter Fotos und beim letzten Besuch in der schon leer geräumten Altbauwohnung ihrer Kindheit wieder an. Und plötzlich entstehen intime und zärtliche Momente geschwisterlicher Nähe, die man sich bei ihren Pendants in den ersten beiden Teilen kaum vorstellen kann, wo die Entfremdung von den Eltern auch die Verbindung zwischen den Kindern untereinander hat erodieren lassen.

„Father Mother Sister Brother“ wurde, wohl auch zu Jarmuschs eigener Überraschung, mit dem Goldenen Löwen des Filmfestivals Venedig ausgezeichnet, eine durchaus umstrittene Wahl. Die naheliegende Kritik lautet, der Altmeister des Independent-Kinos erzähle drei banale, ja beliebige Storys und klebe diese lediglich mittels handwerklicher-formaler Tricks (wie die gleiche Kameraperspektive von oben auf das familiäre Teekränzchen) und bedeutungsschwerer Zeichen oberflächlich zusammen. In allen drei Teilen rollen jugendliche Skateboarder in Zeitlupe durch die Szenerie wie Unheil verkündende Schicksalsboten.

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Würde man sich das auch ohne diese außergewöhnliche Starbesetzung im Kino anschauen? Unterlaufen wird die Erwartung, es gebe hier einen intellektuell raffinierten Überplot. Dass die Rätsel der einzelnen Geschichten nicht aufgelöst werden, erzeugt aber gerade die besondere Langzeitwirkung dieses Films, der die Zuschauer auch noch Tage später zum Nachdenken bringt: Woran starb wohl Jeffs und Emilys Mutter, und wie hängt ihr Tod mit dem mysteriösen Doppelleben des Vaters zusammen? Warum ist im vornehmen Dubliner Haus nie von einem Erzeuger die Rede? Und schieden die Eltern von Skye und Billy freiwillig aus dem Leben und wenn ja, warum?

Der Betrachter weiß wesentlich mehr als die Figuren und doch nicht genug. So muss er die Geschichte selbst zu Ende denken. Das sticht heraus, weil in Filmen und erst recht in Serien sonst doch alles immer bis ins letzte Plotdetail auserzählt wird. Ein auffälliges Thema ist neben dem ach so klaren Wasser ausgerechnet der Drogenkonsum. Als Erstes besorgt sich etwa Billy in Paris halluzinogene Pilze bei seinem Stammdealer und diskutiert mit seiner Schwester die Vorzüge des allmorgendlichen Microdosing. Sind die Jungs auf den Skateboards vielleicht auch einfach nur Kleinkriminelle auf dem Weg zum nächsten Käufer?

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Verräterisch ist die großartige Szene, in der Tom Waits als Vater auf die fürsorglich gemeinte Frage seiner Tochter, ob er noch etwas „einnehme“, mit großer Geste verneint und dabei alle möglichen Drogen aufzählt, die er nicht konsumiere, einschließlich „Pferdebetäubungsmittel“, was so klingt, als würde er seine komplette Produktpalette vor einem Kunden ausbreiten. Die naheliegende Antwort für den von ihm aufwendig versteckten Reichtum ist, dass er eine nicht unerhebliche Rolle im lokalen Drogenhandel spielt.

Jarmusch malt in kleinen zeitgenössischen Sittenbildern das Panorama einer Gesellschaft von isolierten Einzelnen, in der selbst die engsten Verwandten täuschen und tarnen, verstecken und verbergen. Ein Triptychon ergibt das nicht, schon weil hier nicht das Mittelstück herausgehobene Bedeutung hat. Wenn überhaupt, so ist der abschließende Geschwisterfilm eine Art utopisches Gegenbild zu den beiden kaputten Dreier-Konstellationen zuvor, in denen Familie reine Fassade und schlechte Gewohnheit ist. Der großartige Soundtrack unterstreicht die Botschaft: Nur wenn innere Freiheit im Spiel ist, hat dieses klapprige Gerüst namens Familie eine Zukunft.

Source: welt.de

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