Falten? Lassen Sie sich helfen! Beim Gyn gibt es neben Krebsvorsorge jetzt gleichwohl Hyaluron


So von der Krebsvorsorge bei der Gynäkologin kommen

Foto: Peastock / Science Photo Library / picture alliance


Frauen spüren andauernd Druck, ihr Äußeres zu optimieren. Auch beim Frauenarzt gibt es jetzt Hyaluron-Behandlungen gegen Falten. Aber was passiert, wenn ästhetische Optimierung und medizinische Vorsorge im gleichen Raum angeboten werden?

Da sitze ich nun und warte, bis ich aufgerufen werde, um mir auf dem Stuhl in mein Inneres schauen zu lassen: die gynäkologische Vorsorgeuntersuchung. Ein Besuch, der keineswegs entspannter wird, wenn man sich nach dem Umzug in eine andere Stadt eine neue Gynäkologin suchen muss. Im Wartezimmer gehe ich akribisch durch, was ich der Ärztin gleich erzählen muss, während der Anamnesebogen auf meinem Schoß darauf wartet, ausgefüllt zu werden.

Zumindest die Wartezimmereinrichtung wirkt vertraut: bunte Gemälde eines unbekannten Künstlers, ein Stapel Gala– und Bunte-Magazine und ein alles überragender Pappaufsteller. Moment! Auf der blauen Pappoberfläche ist eine Frau mit strahlendem und makellosem Gesicht abgebildet. Rechts von ihr eine Spritze, direkt auf sie gerichtet.

Doch die Frau nimmt es nicht erschrocken auf, eher verspricht ihr Gesicht, man könne mithilfe der Spritze eine Art Erlösung erfahren. Der Grund erschließt sich aus der Aufschrift: „Falten? Lassen Sie sich helfen! – Ästhetische Behandlungen mit Hyaluron hier in Ihrer Praxis“. Wie soll ich mir das vorstellen? Kurz den Krebsabstrich und dann noch auf demselben Stuhl schnell eine Tube „Falten-Adé“ unter die Haut gespritzt?

Die Angst, mit dem eigenen Körper stimme etwas nicht, wird genutzt

Klar, mit Schönheitseingriffen lässt sich viel Geld verdienen und eine erweiterte Ausbildung dazu kann jede fachärztliche Richtung machen, dafür muss man nicht Hautarzt oder ästhetischer Chirurg sein. Was aber passiert, wenn die Grenze zwischen Gesundheitsvorsorge und ästhetischer Optimierung so durchlässig wird? Kaum ein anderer Arzttermin verlangt so viel körperliche Offenheit und die Bereitschaft, die eigene Intimität einer fremden Person anzuvertrauen, wie der Besuch einer gynäkologischen Praxis.

Nicht selten sind die Untersuchungen von Unbehagen und Scham geprägt sowie der Angst, mit dem eigenen Körper stimme etwas nicht. Der Pappaufsteller im Wartezimmer suggeriert nicht nur, Falten und Alterung seien unerwünscht, sondern dass sie ein Problem sind, das behoben werden muss.

Dazu passt, dass in der geglätteten Social-Media-Welt aus Perfektion und Filtern nicht mehr von Eingriffen gesprochen wird, sondern von Prävention. Falten sollen behandelt werden, bevor sie überhaupt entstehen. Hinzu kommen KI-generierte Models, für die „Makel“ ohnehin ein Fremdwort ist. Und nicht zuletzt die Schönheitsindustrie in Hollywood, die Filler, Facelifts und Ozempic als Eintrittskarte fordert.

Die Gesundheit von Frauen allein reicht nicht aus

Wenn es ästhetische Eingriffe jetzt auch zur Routineuntersuchung beim Arzt dazugibt, macht sie das so zugänglich wie noch nie, gleichzeitig verstärkt das den Druck, sich ein makelloses und kostspieliges Ich zu kreieren. Damit werden nicht nur ältere Frauen konfrontiert, sondern auch jüngere, die bei der ersten Falte auf der Stirn denken: Baby-Botox!

Älterwerden, der natürlichste Prozess des Menschen, wird zur Anomalie umgedeutet – vornehmlich bei Frauen. Das Wartezimmer wird zum Raum, in dem Gesundheit mit Schönheitsidealen verflochten wird. Dort, wo Frauen, ihrem Körper vertrauen sollen, wird ihnen zugleich signalisiert, dass er verbessert werden muss.

Dabei ist nicht die einzelne Entscheidung zur Faltenbehandlung das Problem, sondern dass sie im selben Atemzug wie Vorsorge angeboten wird. Der gynäkologische Stuhl wird damit zum Übergangsort zwischen medizinischer Fürsorge und ästhetischer Erwartung. Gesundheit reicht anscheinend nicht mehr aus, sie muss makellos aussehen.

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