Falsche Gerüchte via den Tod Netanjahus


faktenfinder

Stand: 19.03.2026 • 17:44 Uhr

In den sozialen Netzwerken verbreitet sich das Gerücht, Israels Regierungschef sei tot. Aktuelle Videos von Netanjahu seien KI-generiert. KI-Experten haben das Material analysiert.

Von Carla Reveland, ARD-faktenfinder, Kathrin Wesolowski, Deutsche Welle

„RIP Netanjahu“, „Netanjahu, seine Frau und sein Verteidigungsminister sind bei iranischen Luftangriffen ums Leben gekommen“ oder: „Das sieht für mich echt aus. Der Iran könnte ihn getroffen haben.“ Seit Tagen wird weltweit in diversen Sprachen mit Postings wie diesen in sämtlichen sozialen Netzwerken behauptet, der israelische Ministerpräsident sei bei einem iranischen Raketenangriff getötet oder schwer verletzt worden. Selbst einzelne Posts erreichen oft Millionen Aufrufe. Auch iranische Staatsmedien befeuern die Gerüchte aktiv.

Um dies zu dementieren, hat Benjamin Netanjahu seit Sonntag mehrere Videos auf seinen Social-Media-Kanälen veröffentlicht, die beweisen sollen, dass er noch lebt. Ein Video zeigt ihn mit einem Kaffee in einem Café, ein anderes auf der Terrasse vor dem Café und ein weiteres gemeinsam mit Mike Huckabee, dem US-Botschafter in Israel. Dazu wurden eine Pressekonferenz und mehrere Videoansprachen Netanjahus vor einem Bürohintergrund veröffentlicht.

Doch statt für Klarheit zu sorgen, lösten die Videos weitere Spekulationen dazu aus, dass künstliche Intelligenz im Einsatz sei und so Netanjahus angeblicher Tod verschleiert werde.

Keinerlei Hinweis auf Tod von Netanjahu

Es gibt jedoch keinerlei Hinweise darauf, dass Netanjahu ums Leben gekommen sein könnte oder verwundet wurde. Weder internationale Nachrichtenagenturen noch etablierte Medien berichten darüber. Auch offizielle israelische Stellen haben keine entsprechende Mitteilung veröffentlicht. Im Gegenteil: Das Büro des Ministerpräsidenten dokumentiert weiterhin öffentliche Aktivitäten und hat besagte Videos hochgeladen, in denen Netanjahu auf aktuelle Geschehnisse sowie die Gerüchte um seinen Tod eingeht. Dennoch halten die Spekulationen im Netz an.

Der israelische Journalist Oren Persico des unabhängigen Mediums „The Seventh Eye“ hält es für ausgeschlossen, dass die israelische Regierung den Tod Netanjahus vertuschen könnte. „Ich sehe keine Möglichkeit für die Familie Netanjahu oder die Likud-Partei, den Tod des Ministerpräsidenten zu vertuschen“, sagt er auf Anfrage.

Spekulationen um vermeintlichen sechsten Finger

Ausgelöst wurden die Spekulationen durch eine Rede Netanjahus am 12. März, die der israelische Ministerpräsident online verbreitete. Diese war Teil der ersten Pressekonferenz Netanjahus seit Beginn des Iran-Kriegs, die per Videoschalte abgehalten wurde.

Auf X und TikTok ging schnell die Behauptung viral, dass Netanjahu auf dem Video sechs Finger habe, was ein Beweis dafür sei, dass das Video KI-generiert sei. So schreibt ein Nutzer: „Soweit ich weiß, haben Menschen normalerweise keine sechs Finger… KI schon. Gibt es Netanjahu etwa nicht mehr?“ Auch Grok, der KI-Chatbot von X, gibt fälschlicherweise an, dass das Video mit „ziemlicher Sicherheit“ KI-generiert sei.

Doch schaut man sich das Originalvideo in hochauflösender Qualität genauer an, wird sichtbar, dass nur fünf Finger zu sehen sind. Das, was Nutzer für einen sechsten Finger halten, ist der Schatten der Hautfalte, die beim Gestikulieren entsteht. Vor und nach dieser Bewegung sind, ebenso wie im übrigen Verlauf des Videos, eindeutig jeweils fünf Finger pro Hand zu erkennen.

Auch wenn man sich die Pressekonferenz in voller Länge anschaut, sind keine Anzeichen von KI-Manipulation zu erkennen. Außerdem sind die Stimmen von mindestens drei Journalisten zu hören, die Fragen stellten.

Oren Etzioni, KI-Experte und Gründer des KI-Detektionstools Truemedia, betont, dass bei aktuellen KI-generierten Videos Fehler, wie sechs Finger und Ähnliches, nicht mehr vorkommen. „Es wäre doppelt überraschend, wenn das Video gefälscht wäre und sechs Finger zu sehen wären, denn das würde bedeuten, dass dort sehr veraltete Technologie zum Einsatz kommt – veraltet im Sinne von vor einem Jahr.“

Reaktionsvideos entfachen neue Gerüchte

Als Reaktion auf die Spekulationen im Netz, postet Netanjahu am 15. März ein Video, das ihn mit einem Becher in einem Café zeigt. Er nimmt direkt Bezug auf die Behauptungen und sagt auf Hebräisch: „Ich sterbe vor Verlangen nach Kaffee.“ Daraufhin hält er die Finger beider Hände in die Kamera, um zu zeigen, dass er jeweils fünf Finger hat und trinkt einen Schluck aus dem Kaffeebecher.

Dass der randvolle Kaffee beim Trinken nicht überschwappt oder sich die Jackentasche angeblich unnatürlich bewegen soll, sind einige von vielen weiteren Behauptungen, die im Netz aufgestellt werden, um auch die Echtheit dieses Videos anzuzweifeln. Zudem soll auf dem Bildschirm der Café-Kasse angeblich ein Datumsstempel aus dem Jahr 2024 zu sehen sein. Tatsächlich ist dort jedoch „15/03/2026“ zu lesen, wie die Faktencheckseite „Leadstories“ herausgefunden hat.

Auch die anderen Behauptungen lassen sich durch die genaue Überprüfung des Materials durch den ARD-faktenfinder, DW Fact check und angefragte KI-Experten nicht bestätigen. Allerdings wird ein starker Filter genutzt, der häufig im Portraitmodus von Smartphones Verwendung findet. „Bei Aufnahmen mit einem Smartphone können KI-Filter Artefakte in der Tiefenschärfe produzieren“, sagt Tobias Wirth vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz. Das könne zu optischen Fehlern oder Ungenauigkeiten führen.

Keine hundertprozentige Sicherheit

Diese sorgen auch in einem weiteren hochgeladenen Video für zahlreiche Spekulationen. Es zeigt Netanjahu auf der Terrasse des Cafés, wie er mit verschiedenen Personen spricht und Fotos macht. An einer Stelle des Videos sieht es so aus, als verschwinde der Ring auf einmal von Netanjahus Finger.

Bei diesem Video haben tatsächlich einige der vom ARD-faktenfinder kontaktierten KI-Experten Unstimmigkeiten festgestellt und können nicht ausschließen, dass KI verwendet worden ist. Einige KI-Detektionstools haben bei dem Video angegeben, dass es sich um KI handeln könnte. „Die Zuverlässigkeit von KI-Erkennungswerkzeugen hängt davon ab, welches Werkzeug verwendet wird. Alle können Fehler machen und können Fehlalarme auslösen“, sagt Etzioni.

Trotz dieser Unsicherheiten bewerten die meisten der KI-Experten das Video als authentisch. Am wahrscheinlichsten sei es, dass ein starker filmischer Filter verwendet wurde. Netanjahu und die Menschen um ihn herum wirken die meiste Zeit sehr scharf, während der Hintergrund und einige andere Teile im Vordergrund sehr unscharf sind. „Dies ist ein typisches Merkmal einer sehr verbreiteten Art der Videokomprimierung“, erläutert Etzioni. „Wenn sich eine Hand bewegt und ein kleines glänzendes Objekt zu sehen ist, kann dies vom Algorithmus fälschlicherweise als Unschärfe interpretiert werden. Genau das sehen wir hier“, so der KI-Experte.

Auf den Kontext achten

Weitere Indizien für die Authentizität der Videos liefert der Kontext. Eine Geolocation-Recherche zeigt: Das Café liegt am Stadtrand Jerusalems. Der Ort passt zudem zum Außenbereich des Cafés, und das Wetter entspricht den Bedingungen, die an diesem Tag in Jerusalem herrschten: teilweise bewölkt und sonnig.

Auf Archivbildern des Cafés ist zu sehen, dass dessen Inneneinrichtung mit der im Video gezeigten übereinstimmt, ebenso verhält es sich mit den Terrassenmöbeln und der Aussicht.

Ein weiterer Hinweis auf die Echtheit der Videos liefert das Café selbst, denn es hat eigene Fotos von Netanjahus Besuch auf seinem Instagram-Account gepostet.

Äußerungen zur Tötung des iranischen Sicherheitschefs

Um die Zweifel wohl endgültig auszuräumen, veröffentlichte das Büro von Netanjahu noch weiteres aktuelles Videomaterial, das den israelischen Ministerpräsidenten zeigt. In einem auf seinem X-Account veröffentlichten Video ist er gemeinsam mit US-Botschafter Huckabee zu sehen. Huckabee sagt lachend, US-Präsident Donald Trump habe ihn gebeten nachzusehen, ob es Netanjahu gut gehe. „Ja, Mike, ja, ich lebe“, antwortet Netanjahu mit einem Lächeln. Er gebe Trump einen Handschlag – mit fünf Fingern an jeder Hand.

Außerdem zeigt sich Netanjahu mit dem israelischen Verteidigungsminister Israel Katz auf einer Pressekonferenz, in der er Stellung zur Tötung des iranischen Sicherheitschefs Ali Laridschani und des Kommandeurs der Basidsch-Miliz, Gholamresa Soleimani, nimmt.

Keines der Videos weist Hinweise auf KI auf.

Gesteuerte Kampagne aus Iran?

Die Gerüchte um den Tod Netanjahus wurden unter anderem dadurch befeuert, dass dieser seit Beginn des Iran-Kriegs nur selten zu sehen war und keine unabhängigen Medien bei seinen Terminen anwesend waren. Das sei jedoch nicht ungewöhnlich und Teil seiner Medienstrategie, sagt Persico.

„Seine Medienstrategie besteht darin, jede Redaktion, die ihn kritisieren könnte, anzugreifen und zu delegitimieren, weshalb er keine Interviews gibt und keine Fragen beantwortet. Nur in sehr seltenen Fällen gewährt er Interviews in Israel und im Ausland“, so Persico.

Israelische Medien sehen in den Spekulationen um Netanjahus Tod eine Kampagne aus Iran, und auch eine Auswertung von NewsGuard deutet darauf hin. Iranische Staatsmedien haben die Gerüchte gestreut und befeuert. So schrieb etwa die iranische Nachrichtenagentur Tasnim am 9. März auf ihrem englischsprachigen X-Account, dass unbestätigte Berichte kursierten, wonach Iran das Haus Netanjahus bombardiert habe. In einem weiteren Posting heißt es: „Eliminiert?“ Es werde spekuliert, dass Netanjahu verletzt oder getötet worden sei, da er kurzfristig einen geplanten Termin mit Trumps Gesandten abgesagt habe.

Zudem veröffentlichte die Nachrichtenagentur einen Artikel mit der Überschrift „Neues Video von Netanjahu erweist sich als Fälschung“. Auch weitere iranische Staatsmedien oder pro-iranische Accounts berichten zahlreich über den vermeintlichen Tod Netanjahus.

Ob es sich tatsächlich um eine orchestrierte Kampagne aus Iran handelt, lässt sich jedoch nicht abschließend feststellen.

Hinweis: Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Kooperation der ARD Faktenchecker von ARD-faktenfinder und DW Fact check.

Source: tagesschau.de