Seit das US-Justizministerium Ende Januar rund drei Millionen Ermittlungsakten zum Fall Jeffrey Epstein veröffentlicht hat, kann jeder mit einem Internetzugang sich durch E-Mails, Bilder und Videos des verurteilten Sexualstraftäters klicken. Die Dokumente zeigen, wie groß das Netzwerk des 2019 im Gefängnis verstorbenen Investors war; wie viele von seiner sexuellen Ausbeutung Minderjähriger gewusst haben müssen.
Man kann die Dokumente freilich auch aus dem Kontext lösen und so umdeuten, dass sie in ein vorgefertigtes Weltbild passen. Die Initiative Democ – ein Zusammenschluss von Journalisten, Wissenschaftlern und Medienschaffenden – hat untersucht, ob und wie die Akten genutzt werden, um auf Social Media antisemitische Stereotype zu verbreiten.
Kurz nach der Veröffentlichung fiel den Forschern auf, wie viele entsprechende Inhalte ihr privater Instagram-Feed plötzlich anbot. Sie beschlossen, die Entwicklung systematisch zu dokumentieren. Über zehn Tage hinweg scrollten sie durch die „For-You“-Page auf Instagram – eine Ansicht, in der die Plattform automatisch Videos vorschlägt. Sie prüften die Inhalte anhand von Kriterien, die auf der Arbeitsdefinition von Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) beruhen – etwa Holocaust-Relativierung oder Aufrufe zur Gewalt gegen Juden – und sammelten so 55 Reels von 43 Nutzern.
Alle Videos beziehen sich auf Epsteins Religionszugehörigkeit, er wuchs als Kind jüdischer Einwanderer in New York auf. Die Logik ist oft diese: Ein minimaler jüdischer Bezug in den Akten reicht aus, um eine Verschwörungserzählung zu konstruieren. Kontakte zu Israelis gelten als Beweis dafür, dass Epstein Agent des Mossad gewesen sei, die Verwendung des hebräisch-jiddischen Begriffs „goyim“ für Nichtjuden weise angeblich auf Epsteins Verachtung für diese hin, und ein Bankkonto namens „Baal“ – benannt nach einer kanaanitischen Gottheit – reicht, um ihn und alle Juden weltweit mit Satanismus in Verbindung zu bringen. Zudem gibt es NS-Symbolik und Zitate aus Hitlers „Mein Kampf“. Einer der meistgelikten Kommentare spielt auf Hitler als „österreichischen Maler“ an und behauptet sinngemäß, die Epstein-Akten gäbe es nicht, hätte Hitler damals „gewonnen“. Kurzum: Jüdinnen und Juden werden pauschal für Epsteins Taten verantwortlich gemacht.
114,4 Millionen Views und 82.120 Kommentare
Zusammen erreichen die 55 Reels 114,4 Millionen Views, 6,7 Millionen Likes und 82.102 Kommentare. Die Democ-Autoren werten das als Hinweis darauf, dass schon relativ wenige Posts in kurzer Zeit eine große Reichweite erzielen. Eine zentrale Rolle spielen dabei rechte Influencer, die Inhalte aus den Akten in antisemitische Narrative übersetzen und an das Publikum weitertragen. Als Beispiel nennen die Forscher die US-Verschwörungstheoretikerin Candace Owens: Schnipsel aus ihrem Youtube-Stream über Epstein und eine angebliche jüdische Weltverschwörung finden sich plattformübergreifend in neuen Beiträgen wieder. Algorithmen verstärken vermutlich die Verbreitung. Je mehr Leute mit den Postings interagieren, desto mehr werden sie anderen angezeigt.
Umso kritischer sehen die Forscher die Moderationspraxis von Meta, dem Konzern, zu dem Instagram gehört. Inhalte mit Hitler-Verherrlichung und NS-Bezügen seien im Beobachtungszeitraum weitgehend online geblieben. Mindestens ein Beitrag stamme von einem KI-generierten Account – ein Indiz dafür, dass antisemitische Inhalte zunehmend automatisiert produziert würden, während die Moderation schon bei menschlich erstellten Postings Lücken zeige.
Die Untersuchung von Democ ist nicht repräsentativ und nur eingeschränkt von anderen wiederholbar. Sie zeigt nur einen Ausschnitt des tatsächlichen Ausmaßes, vermittelt aber einen Eindruck von der Dimension der antisemitischen Narrative auf Social Media. Sie sind nicht neu. Doch der Fall Epstein gibt ihnen neuen Auftrieb.
Source: faz.net