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Das Thema Tanken sorgt gerade für viel Unsicherheit. Autofahrer behaupten auf Social Media, dass ihr Sprit gestreckt worden sei. Andere warnen vor einer kommenden Tank-Obergrenze. Für beides gibt es keine Belege.
Nicht nur die gestiegenen Kraftstoffpreise sorgen in den vergangenen Tagen online für Ärger: Einige Kraftfahrer berichten auch, dass der Sprit, den sie tanken, nicht mehr dieselbe Qualität habe wie früher.
In Posts auf TikTok, X und Reddit berichten Menschen von geringeren Reichweiten und möglichen Motorschäden. Ihr Verdacht: Der Sprit in Deutschland wird gestreckt.
Warnung vor hohem Verbrauch und Motorschäden
„Leute, fahrt kein Auto mehr, die panschen den Sprit“, warnt ein Nutzer in einem TikTok-Video, in dem er die Verbrauchsanzeige seines Autos zeigt. Demnach hat er auf den letzten 100 Kilometern einen Durchschnittsverbrauch von 15,9 Litern Benzin. Es sei auch egal, was oder wo man tanke, heißt es in dem Video. Er sei bei mehreren Tankstellen gewesen und „die Verbräuche gehen hoch.“
„Unabhängige Messungen belegen messbare Qualitätsunterschiede zwischen Anbietern“, heißt es in einem anderen Video auf TikTok. Im Zusammenhang mit diesen mutmaßlichen Qualitätsunterschieden wird vor möglichen Motorschäden gewarnt, die „teure Reparaturen nach sich ziehen können.“
Keine Auffälligkeiten bei Kontrollen
Dem ADAC sind keine Verdachtsfälle bekannt, in denen gestreckter Treibstoff vertrieben worden sein soll, berichtet der Automobilclub auf Nachfrage des ARD-faktenfinders.
Für die Überprüfung der Kraftstoffqualität zuständig sind die Länder. Eine Sprecherin des Bayerischen Landesamts für Umwelt erklärte, im Rahmen der Überwachung seien für das Jahr 2026 insgesamt mehr als 200 Untersuchungen vorgesehen, die über vier Kampagnen verteilt durchgeführt würden.“ Die letzte Kampagne fand im Februar 2026 statt, dabei wurden keine Auffälligkeiten festgestellt.“
Das Thüringer Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz gab ebenfalls an, dass „die stichprobenartige Überprüfung der Winterware keine Abweichungen“ ergab. Auch der Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft in Hamburg und dem Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr NRW liegen keine entsprechenden Berichte vor.
Strecken mit bestimmten Stoffen möglich
Grundsätzlich sei es zwar möglich, Kraftstoff zu strecken, sagt Adrian Christoph, Projektleiter für KFZ-Betriebsstoffe von der Prüfgesellschaft DEKRA, die unter anderem Kraftstoffanalysen in ihrem Labor in Stuttgart durchführen. Aber einfach Wasser dazuzumischen, funktioniere chemisch nicht, ohne Fahrzeugschäden zu verursachen. „Bei Schäden am Fahrzeug nach dem Tankvorgang würden reihenweise Leute mit den Tankbelegen an die Tankstellen herantreten und sich beschweren.“
Am einfachsten wäre ihm zufolge ein Strecken von Benzin mit Ethanol oder von Diesel mit Biodiesel – zwei Substanzen, die Kraftstoff ohnehin bereits beigemischt sind. Beides sei aber in den letzten Wochen bei den Analysen nicht aufgefallen. Außerdem sei etwa Biodiesel oder Ethanol „nur bedingt günstiger und der logistische Aufwand für das Strecken würde mehr Arbeit und Kosten verursachen, als er Nutzen bringt“, so Christoph.
Verlässlicher Test der Reichweite nur durch Profis
Veränderungen in der Farbe von Kraftstoff, wie sie manche Nutzer in den sozialen Medien beschreiben, sei völlig normal und kein Indikator für mangelnde Qualität. Die Farbe von Diesel und Benzin könne Christoph zufolge je nach Rohstoff und Herstellungsprozess leicht variieren, was jedoch keinen Einfluss auf die analytischen Eigenschaften habe.
Auch die Beobachtung von Kunden, ihre Reichweite sei geringer, sieht er nicht als Beleg. „Kraftstoffverbrauch kann bei geringen Mengen nur auf einem Prüfstand korrekt nachgewiesen werden.“ Bei der DEKRA würden dafür etwa spezielle Messeinrichtungen benötigt. Selbst, wenn Bordcomputer heute schon recht genau seien, könne ein Laie nur schwer beurteilen, „ob ein geringer Mehr- oder Minderverbrauch vorliegt.“
TikTok-Posts warnen vor Tank-Limitierung
Andere Posts auf der Plattform TikTok warnen dagegen nicht vor mangelnder Qualität von Kraftstoff, sondern vor einer geplanten Obergrenze. „Nach den Plänen würde jeder Bürger monatlich nur noch 30 Liter Kraftstoff erhalten“, heißt es in den Videos, die mit dramatischer Musik hinterlegt sind.
„Friedrich Merz erklärt dazu, dass Tanken kein Grundrecht sei“, wird weiter berichtet. Wer mehr Kraftstoff brauche, müsse deutlich höhere Preise von bis zu 5,99 Euro pro Liter zusätzlich zahlen. Das Tanken soll außerdem nur noch mithilfe einer App und einem persönlichen Freigabecode möglich sein.
Keine Belege für Behauptung
In keinem der Videos werden Belege für die Aussage genannt. Weder zitieren die Beiträge aus einer offiziellen Mitteilung der Regierung noch werden entsprechende Dokumente mit der angeblichen Regelung gezeigt. Auch der ARD-faktenfinder konnte keine Angaben der Regierung oder des Wirtschaftsministeriums zu dieser Behauptung finden.
Auffällig ist auch, dass sich die Videos nicht einig sind, ab wann diese Maßnahme gelten solle. Manche behaupten, sie gelte erst ab Juli 2026, andere hingegen geben an, sie gelte ab April, wäre damit also schon in Kraft getreten.
Dazu kommt, dass der Text bei vielen Videos grammatikalische Fehler enthält, den Namen des Kanzlers Merz etwa mit „Ä“ schreibt. Auch die falsche Aussprache einzelner Wörter durch den Sprecher lässt darauf schließen, dass die Beiträge mithilfe von KI erstellt wurden.
Behauptung bereits 2025 als Fake entlarvt
Bereits im August 2025 wurden Videos mit beinahe identischem Inhalt verbreitet, die ebenfalls vor einer Beschränkung des Kraftstoffs auf 30 Liter pro Person warnten – allerdings schon ab Oktober 2025.
Unter anderem die Nachrichtenagentur dpa und die Faktencheckwebseite Mimikama untersuchten die Videos und kamen zu dem Ergebnis, dass es sich um Falschinformationen handelt.
Bundesregierung plant Entlastung für Autofahrer
Angesichts der hohen Spritpreise hat die schwarz-rote Koalition am 13. April eine Entlastung für Autofahrer angekündigt. Konkret soll die Energiesteuer bei Diesel und Benzin um jeweils rund 17 Cent brutto pro Liter begrenzt auf zwei Monate gesenkt werden, wie CDU, CSU und SPD mitteilten.
Bundeskanzler Friedrich Merz sagte, die Bundesregierung erwarte, dass die Mineralölbranche die Entlastung weitergebe. Nach Angaben von Arbeitsministerin Bärbel Bas sollen Verbraucher und Wirtschaft bei den Kraftstoffpreisen insgesamt um rund 1,6 Milliarden Euro entlastet werden.
Source: tagesschau.de