Fachkräftemangel: Personalnot verkürzt Leben

Die deutschen Kliniken und Krankenhäuser finden kaum Pflegepersonal. Die Arbeitszeiten sind lang, die Aufstiegschancen gering – der Beruf ist für viele schlicht nicht attraktiv. Hinzu kommt, dass gerade aus den Ländern Osteuropas immer weniger Menschen kommen, um hier in der Pflege zu arbeiten. Man findet schwerlich Berufe, in denen der Mangel an Fachkräften größer wäre. Das bestätigt die Bundesagentur für Arbeit regelmäßig in ihrer „Engpassanalyse“. Und das Ganze wird sich zuspitzen, Stichwort: demographischer Wandel. Eine alternde Gesellschaft braucht viel Pflege.

Welche Folgen diese Personalnot für Patienten haben kann, zeigt eine neue Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und des Ifo-Instituts. Die Quintessenz: Wenn den Krankenhäusern Pflegekräfte fehlen, dann sterben auch mehr Menschen – und zwar messbar. Besonders betroffen seien Notfälle und ältere Patienten. Um das zu belegen, hat Studienautor Oliver Schlenker Daten von Krankenhäusern in der Grenzregion zur Schweiz ausgewertet. Dort wanderte im Herbst 2011 plötzlich in großem Stil Personal ins Nachbarland ab. Einige Häuser verloren in kurzer Zeit rund zwölf Prozent ihrer Pfleger.

Die Situation sei „eine seltene Gelegenheit“, die Wirkung von Personalnot auf die Krankenhäuser „kausal“ zu erforschen, schreibt Schlenker in einem Fachaufsatz. Bei einem starken Franken und stagnierenden Löhnen in Deutschland hätten viele Mitarbeiter kurzfristig die Gelegenheit beim Schopf gepackt und eine Stelle im Nachbarland angenommen. Infolgedessen stieg die Wahrscheinlichkeit, in einem Krankenhaus der Region zu versterben, um fast fünf Prozent, heißt es in der Studie. In der Notfallversorgung habe die Personalnot besonders durchgeschlagen: Die Sterbewahrscheinlichkeit von Herzinfarktpatienten sei um fast 18 Prozent gestiegen.

Die Pflegeintensität sinkt

Obwohl den Krankenhäusern weniger Mitarbeiter zur Verfügung standen, habe sich die Zahl der stationären Fälle in der Zeit nicht verändert. Auch bei Alter und Diagnosen der Patienten habe es keine Unterschiede gegeben. „Das bedeutet“, schließt Schlenker in seinem Aufsatz, „Krankenhäuser behandelten gleich viele und vergleichbare Fälle, verfügten jedoch über deutlich weniger Pflegekräfte.“ Die Pflegeintensität pro Patient sei um rund zehn Prozent gesunken, die Arbeitsbelastung hingegen gestiegen. Die Situation habe auch die medizinischen Entscheidungen der Krankenhäuser beeinflusst. Da man nicht allen Fällen wie gewohnt gerecht werden konnte, musste priorisiert werden. Besonders planbare Operationen wurden tendenziell öfter verschoben, aber auch bei „dringlich zu behandelnden Diagnosen“ sei weniger operiert worden als vorher.

Da sich die Aussichten durch die akute Personalnot besonders für ältere Menschen und Notfälle verschlechtert hätten, mache die Studie auch eines deutlich: Der Pflegekräftemangel verstärkt bestehende gesundheitliche Ungleichheiten. Das gilt bei der konkreten Behandlung einzelner Patienten, aber mit Blick auf die Mobilität von Fachpersonal über nationale Grenzen hinweg auch für die Gesundheitsversorgung im Allgemeinen. Denn, auch das zeigen Schlenkers Ergebnisse, wandern Mitarbeiter von einer Region in eine andere ab, kann das zwar Probleme in den Zielländern lösen. In den Herkunftsländern aber sind die Konsequenzen mitunter drastisch. Dort spürt die Bevölkerung die medizinischen Folgen. Auch das sollte in der aktuellen Debatte um eine Anwerbung ausländischer Pflegekräfte berücksichtigt werden, schreibt Schlenker.

Die Analyse stützt sich auf umfangreiches Datenmaterial der Statistischen Bundesämter Deutschlands und der Schweiz sowie auf regionale Daten. Sie umfassen einen Zeitraum von insgesamt zwölf Jahren, von 2006 bis 2017. Um den Effekt von Personalmangel zu untersuchen, verglich die Studie die betroffenen Kreise in der Grenzregion mit statistisch ähnlichen im Landesinnern.

Das Problem des Fachkräftemangels in der Pflege ist seit Langem offenkundig. Zuletzt zeigte eine Untersuchung des RWI, dass Pflegeberufe auch zu jenen gehören, denen Mitarbeiter besonders häufig den Rücken kehren. Viele wechseln nach einigen Jahren in ganz andere Jobs, was den bestehenden Mangel weiter verschärft. Als Grund sehen die Wissenschaftler vor allem schlechte Arbeitsbedingungen.

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