Es sei keine sinnvolle Strategie, anzunehmen, dass die Leser dumm seien und deswegen stets die falschen Bücher kauften, so F.A.Z-Herausgeber Jürgen Kaube zu Beginn seines Gesprächs mit Sebastian Fitzek. Wenn Fitzek also mehr Bücher verkaufe als jeder andere Autor in Deutschland – 20 Millionen in nur 20 Jahren –, müsse sich jeder literaturinteressierte Mensch fragen, woran das liege: Was macht Fitzek anders und besser als andere?
Vor der Gefahr, Bestseller am Reißbrett zu konzipieren, sei er früh gefeit gewesen, erzählte Fitzek. Denn während die meisten Autoren nach einem ersten erfolgreichen Buch angestrengt darüber nachdächten, wie der Erfolg am ehesten zu wiederholen sei, habe er das zweite Buch schon fast fertig gehabt, als das erste gerade herausgekommen sei. So folgte er seinem Instinkt – einem Prinzip, dem er offenbar bis heute treu geblieben ist.
Telefonate, Familien, psychische Krankheiten: Jürgen Kaube hatte mehrere Motive ausgemacht, die in Fitzeks Thrillern immer wieder auftauchen. Sei es seine Strategie, Alltagssituationen möglichst unheimlich darzustellen, ja mit der Familie dasjenige in Gefahr zu bringen, was man am wenigsten zerstört sehen möchte? „Interessante Theorie“, meinte Fitzek dazu. Absicht aber sei das nicht gewesen.
In jedem Buch steht seine E-Mail-Adresse
Wie er Bedürfnisse seiner Leser bediene, nehme er vor allem durch Leserzuschriften wahr, zumal in jedem seiner Bücher seine E-Mail-Adresse abgedruckt sei. Häufig heiße es in Zuschriften, dass in seinen Thrillern die Sicherheit des Alltags gestört, schlussendlich aber wiederhergestellt werde – und dass die Leser das besonders interessant fänden.
Bei der Konzeption neuer Werke denke er dennoch in erster Linie an sich selbst, versuche sich das Gefühl beim Schreiben des ersten Buchs zu vergegenwärtigen anstatt Lesererwartungen zu bedienen: „Das Thema muss für dich als Autor relevant sein. Wenn du über etwas schreibst, weil du denkst, der Markt erfordert es, ist das der Anfang vom Ende.“
Wie Themen aus seiner Lebenswelt unbewusst den Weg in seine Bücher fänden, erläuterte Fitzek am Beispiel seines ersten Thrillers „Die Therapie“. Er habe einen alkoholkranken Freund gehabt („nennen wir ihn Paul“), der ihm immer von seiner Tochter und seiner Ex-Frau erzählt habe. Irgendwann habe sich dann herausgestellt, dass sein Freund niemals verheiratet gewesen sei und auch nie Kinder gehabt habe. Als er schließlich sein erstes Manuskript einem gemeinsamen Bekannten zum Lesen gegeben habe, habe der ihm gesagt: „Das ist doch genau das, was wir mit Paul erlebt haben.“ Da erst sei ihm aufgefallen, dass er das Erlebnis verarbeitet hatte.
Ein anderes Mal traf Fitzek eine Frau auf einer Party, die behauptete, in einem früheren Leben Johanna von Orléans gewesen zu sein. Warum stellen sich Menschen eigentlich immer vor, sie seien Helden gewesen, fragte sich Fitzek? Und was, wenn sie stattdessen dächten, sie seien Serienmörder gewesen und zurückgekommen, um ihre Mission zu vollenden? Schon hatte er das Szenario für einen neuen Roman.
Hat Fitzek einmal ein solches Szenario gefunden, beginnt er nach eigener Aussage gleich mit dem Schreiben. Nach 60 Seiten hätten seine Figuren dann so viel Eigenleben entwickelt, dass er sich bisweilen selbst über ihre Aussagen wundere – und dann Schwierigkeiten habe, das Ganze wieder zusammenzubinden.
Vielleicht liegt es auch an dieser inneren Freiheit, dass Fitzek Jahr für Jahr einen neuen Bestseller vorlegt, ohne sich oder seine Leser zu langweilen. Sein Erfolgsrezept? Nach diesem Nachmittag möchte man sagen: Nicht an den Erfolg denken!
Source: faz.net