F.A.Z. Exklusiv: „Tagesschau“ löscht Beitrag zu Studie verbleibend Diskriminierung

Es ist immer eine Herausforderung, tiefgehende wissenschaftliche Analysen so kompakt und vereinfacht in einem Kurzbeitrag der „Tagesschau“ zu präsentieren, dass die Studienergebnisse inhaltlich richtig dargestellt bleiben. In der 20-Uhr-„Tagesschau“ vom Dienstag, 10. März, glückte das nicht.

Der Salzburger Kommunikationswissenschaftler Stefan Weber wies in seinem Blog auf Ungereimtheiten hin, die die F.A.Z. in einer Anfrage an NDR und SWR noch um einige Kritikpunkte erweiterte: So war zur Studie „Wie Deutschland Diskriminierung erlebt“ berichtet worden, 44 Prozent der Betroffenen hätten die Möglichkeit genutzt, offiziell Beschwerde einzulegen. Die Zahl „44 Prozent“ wurde groß als Teil einer Grafik präsentiert. Tatsächlich aber hatten nur 8,1 Prozent offiziell Beschwerde eingelegt.

Die Repräsentativität darf man in Frage stellen

Diesen Fehler gesteht ARD-aktuell ein. Dementsprechend handelte der Sender und nahm den Beitrag aus dem Netz. Zu einer weiteren Kritik der F.A.Z. heißt es: „Zudem fehlte ein Hinweis zum Befragungszeitraum, der zwischen Mai 2021 und Januar 2023 lag, also zur Zeit der Corona-Pandemie.“ In dieser Zeit gab es erhebliche Beschränkungen im gesellschaftlichen Umgang. Die Repräsentativität der Zahlen darf man daher infrage stellen. Gegenüber der F.A.Z. erklärt ARD-aktuell: „Wir bedauern den Fehler und die fehlende Angabe. Wir haben den Beitrag offline gestellt, einen Transparenzhinweis ergänzt und einen Eintrag auf unserer Korrekturenseite vorgenommen.“ Dort heißt es nun: „Korrektur: Die Sendung wurde nachträglich bearbeitet.“

Überzeugt bleibt die ARD von ihrer Darstellung, „neun Millionen Menschen in Deutschland fühlten sich im Alltag diskriminiert“. Weber hatte die Formulierung kritisiert: „Diese Aussage ist nicht korrekt. Es fühlen sich nämlich nicht neun Millionen Menschen ‚im Alltag‘ diskriminiert, vielmehr haben neun Millionen Menschen in Deutschland laut Eigenangaben zumindest einmal im vergangenen Jahr eine Diskriminierungserfahrung in mindestens einem von zwölf abgefragten Bereichen gemacht. Das ist etwas völlig anderes.“

Auch hier stellt sich die Herausforderung, ein Studienergebnis aus Gründen der Verständlichkeit zu vereinfachen, ohne es zu verfälschen. Die zwölf abgefragten Bereiche wie Arbeitsplatz, Friseur oder Schule wird man wohl zulässigerweise als „Alltag“ klassifizieren dürfen. Aber man hätte womöglich sagen müssen, dass nicht „im Alltag“ abgefragt wurde (im Sinne von: ständig, wiederkehrend), wie es eine Betroffene zuvor im „Tagesschau“-Beitrag als Alltagserfahrung mit dem Begriff „überall“ beschreibt. Man hätte stattdessen konkretisieren können, es sei abgefragt worden, ob es eine oder mehrere Diskriminierungserfahrungen gab. Eine mögliche Formulierung hätte dann wie folgt gelautet: „Neun Millionen Menschen in Deutschland fühlten sich schon mindestens einmal im Alltag diskriminiert.“ Die ARD bleibt dagegen bei der Auffassung, die von ihr gewählte Formulierung sei zutreffend.

Die Korrektur der „Tagesschau“.ARD

Bei einem weiteren Punkt bleibt die ARD ebenfalls bei ihrer Berichterstattung. Der „Tagesschau“-Sprecher sagt zum Thema Diskriminierung: „Besonders hoch sind die Zahlen bei muslimischen Frauen, die Kopftuch tragen.“ Für muslimische Frauen, die ein Kopftuch tragen, beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass sie Diskriminierung berichtet haben, laut Studie, 38,5 Prozent. Der Unterschied zu muslimischen Männern oder muslimischen Frauen ohne Kopftuch ist jedoch laut Studie nicht signifikant. Es macht daher keinen Unterschied, ob ein Kopftuch getragen wird oder nicht, die Erfahrung ist gleich. Dass Diskriminierung besonders „muslimische Frauen mit Kopftuch“ betrifft, ist indes nicht falsch. So wird es auch in der Kurzfassung der Studie besonders hervorgehoben.

Allerdings ist dieses Merkmal nicht signifikant. Signifikant für Diskriminierung ist die Tatsache, dass eine Person Muslima ist. Zudem geht es laut Studie um eine Grundgesamtheit von gerade einmal 391 Frauen, die angaben, Kopftuch zu tragen. Bei dieser Datenbasis hätte es erst recht nahegelegen, nicht auf das Kopftuch abzustellen, sondern auf die Religionszugehörigkeit. Aber diese Darstellung ist kein Fehler der ARD, sondern war in der Anlage der Studie begründet. Keine Zweifel bestehen am Ergebnis der Studie, dass es in Deutschland viel Diskriminierung gibt. Die Werte der Studie sind diesbezüglich sogar noch geringer als in vergleichbaren Studien.

Source: faz.net