F.A.Z. Exklusiv: Kolbes geraubter Tänzerinnen-Brunnen wird versteigert

Georg Kolbes „Tänzerinnen-Brunnen“, dessen Restitution das Georg Kolbe Museum in Berlin nach Auseinandersetzung mit den Erben der jüdischen Voreigentümer im Februar zugesagt hat, kommt auf den Kunstmarkt. Im Wettbewerb der Auktionshäuser um das Wasserspiel der klassischen Moderne konnte sich das Berliner Versteigerungsunternehmen Grisebach durchsetzen. Es wird die Brunnenanlage, wie der F.A.Z. exklusiv vorab mitgeteilt wurde, am 4. Juni im Rahmen der Sommerauktionen in der Fasanenstraße anbieten. Die Vorabschätzung für die mehrteilige Komposition aus Bronze und Travertin liegt bei einer Million bis 1,5 Millionen Euro.

Gefertigt hat Georg Kolbe (1877 bis 1947) den Brunnen 1922 für Heinrich Stahl. Er griff dabei auf eine frühere, kleinere Version der lebensgroßen Zentralfigur einer tanzenden Frau zurück. Stahl war im Berliner Großbürgertum eine feste Größe. Er leitete die Victoria-Versicherung als Direktor, war von 1933 an außerdem Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und zudem im Interessenverband der „Reichsvertretung der Deutschen Juden“ aktiv. Mit dem „Tänzerinnen-Brunnen“ des renommierten Bildhauers Georg Kolbe schmückte er den Garten seiner Villa in Dahlem.

Enteignet und deportiert

Während der nationalsozialistischen Herrschaft gelang es Heinrich Stahl und seiner Ehefrau Jenny nach Zahlung der „Reichsfluchtsteuer“ im Jahr 1940 nicht, sich vor der antisemitischen Verfolgung des Regimes ins Ausland zu retten. 1941 musste das Paar sein Haus mitsamt Kolbe-Brunnen verkaufen; den Erlös beschlagnahmte der NS-Staat. Auf die Enteignung folgte die Deportation. Heinrich Stahl starb 1942 in Theresienstadt. Jenny Stahl überlebte das Konzentrationslager und wanderte 1950 aus Deutschland in die USA zu ihrem Sohn aus.

Nutznießer des verfolgungsbedingten Immobilienverkaufs während der NS-Diktatur war der bulgarische Konsul Theodor Dimanow. Er erwarb das Haus, das Grundstück und den Brunnen unter Marktwert. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielten die Überlebenden der Familie Stahl von Dimanow in einem Wiedergutmachungsverfahren 2000 Dollar und verzichteten auf die Rückgabe der Villa und des Grundstücks. Der „Tänzerinnen-Brunnen“ war nicht Teil des Vergleichs: Russische Soldaten, so ließ Dimanow erklären, hätten ihn fortgeschafft. Tatsächlich hatte Dimanow selbst, als er 1945 nach Spanien zog, die gut 1,70 Meter hohe Figur der Tänzerin mitgenommen, die als Akt im Stil des Ausdruckstanzes der Zwanzigerjahre den Brunnen krönte.

Leichtigkeit und Belastungen

In Berlin verblieben die unteren Teile: inmitten des runden Brunnenrands eine stilisierte steinerne Blüte als Sockel für die fehlende Tänzerin, die auf einer Gruppe hockender Afrikaner lastete. Die Leichtigkeit des Tanzes wird in Kolbes Brunnenensemble, wie das Georg Kolbe Museum später herausstellte, von kolonialen und rassistischen Elementen beschwert. In dem von einer Stiftung getragenen Museum fand das Ensemble 1978 wieder zusammen, als das Haus die Tänzerin von den Erben Dimanows kaufte und zudem die in Berlin-Zehlendorf aufgetauchten anderen Elemente der Anlage.

Die Provenienzgeschichte des „Tänzerinnen-Brunnens“ während der NS-Zeit wurde von dem Museum unter dessen Direktorin Kathleen Reinhardt in jüngster Zeit erforscht und dokumentiert. Dass Begriffe wie „NS-Raubkunst“ oder „NS-verfolgungsbedingter Vermögensentzug“ dabei vermieden wurden, weckte Zweifel an der Bereitschaft zu einer Rückgabe im Sinne der „Washingtoner Prinzipien“, die von den Erben von Heinrich und Jenny Stahl gefordert wurde. Inzwischen haben die Georg-Kolbe-Stiftung und die Erben eine gütliche Einigung erzielt.

Grisebach preist den „Tänzerinnen-Brunnen“ als „eines der eindrucksvollsten und zugleich bewegendsten Werke der klassischen Moderne auf dem internationalen Auktionsmarkt“. Es vereine „künstlerische Meisterschaft, ikonische Formensprache und eine tiefbewegende Geschichte“. Damit habe es das Potential, den gleichfalls bei dem Berliner Auktionshaus erzielten bisherigen Auktions-Rekordpreis für ein Werk Kolbes – den Zuschlag bei 1,12 Millionen Euro für eines von drei Exemplaren seiner Bronze „Stehende Frau“ von 1915/16 im November 2025 – noch zu übertreffen. Als Außenskulptur zeigt der „Tänzerinnen-Brunnen“ allerdings nicht die Makellosigkeit, die andere gesuchte Werke Kolbes auszeichnet. Beim Konkurrenten Ketterer in München haben lebensgroße Bronzen Kolbes zuletzt Preise im mittleren sechsstelligen Bereich erzielt.

Ein Werk wie der „Tänzerinnen-Brunnen“, in dem kunsthistorische und zeitgeschichtliche Bedeutung gleichermaßen sichtbar werden, wäre am besten in einer öffentlichen Einrichtung aufgehoben. Es im Georg Kolbe Museum zu halten, ist offenbar nicht gelungen. Der beste denkbare Ausgang der kommenden Auktion wäre ein erfolgreicher Bieter, der das Ensemble nach Erwerb als Leihgabe einem Museum zur Verfügung stellte.

Source: faz.net