F.A.Z. exklusiv: Deutschland steht vor neuer demographischer Schrumpfung

Mit den Bevölkerungsprognosen ist das so eine Sache. Jahrelang warnten Ökonomen schon in den 1990er und 2000er Jahren vor einer Schrumpfung der deutschen Bevölkerung und den damit verbundenen finanziellen Schwierigkeiten der Sozialkassen. Dann kam ein Jahrzehnt, in dem das demographische Paradigma sich unerwartet drehte. Die Freizügigkeit in der Europäischen Union für Arbeitnehmer aus den osteuropäischen Mitgliedstaaten, der Flüchtlingsschub in den Jahren 2015 und 2016 und der wirtschaftliche Aufschwung in dem Jahrzehnt führten dazu, dass die Bevölkerung in Deutschland seit den frühen 2010er Jahren zunahm, unterbrochen nur vom Pandemiejahr 2020.

Jetzt stehe Deutschland vor einem neuen Paradigmenwechsel, sagt Philipp Deschermeier vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln: „Die Zeichen stehen wieder auf Schrumpfung“. Im vergangenen Jahr sei die Bevölkerungszahl um 100.000 auf 83,5 Millionen gesunken. Die Zuwanderung von netto rund 250.000 Menschen habe den Überschuss der Sterbefälle über die Geburten von etwa 350.000 nicht mehr ausgeglichen. Diese Entwicklung werde auch die kommenden Jahrzehnte bestimmen.

Das Institut prognostiziert in einer noch unveröffentlichten Studie, die der F.A.Z. vorliegt, dass die Bevölkerung in Deutschland bis 2030 auf 82,7 Millionen und bis 2045 auf 81,1 Millionen Personen sinken wird. Das wäre ein Minus von fast einem Prozent in den kommenden vier Jahren und von 2,9 Prozent in den kommenden zwanzig Jahren.

Anders als die amtlichen Statistiker versucht das IW, aus der Vergangenheit, aus der Mortalität und aus der Zuwanderung die wahrscheinlichste Bevölkerungsentwicklung für die kommenden Jahre zu bestimmen. Dagegen arbeitet das Statistische Bundesamt in seinen Bevölkerungsberechnungen mit vielen Szenarien und vielen unterschiedlichen Annahmen. Auch die Statistiker kamen im Dezember zu einer drastischen Neueinschätzung der demographischen Aussichten. In der mittleren Variante ihrer Szenarien erwarten sie nun, dass die Bevölkerungszahl bis 2070 um rund zehn Prozent schrumpfen wird. Zuvor hatten sie bis Mitte der 2050er Jahre noch einen leichten Zuwachs und bis 2070 eine Konstanz der Bevölkerungszahl unterstellt.

Beide Analysen folgen damit der berühmten Liedzeile von Hildegard Knef: „Von nun an ging’s bergab“. Für den Arbeitsmarkt hat das drastische Folgen. Das Erwerbspersonenpotenzial – von Menschen von 15 bis 67 Jahren – werde bis 2045 um 8,3 Prozent auf 50,4 Millionen Menschen sinken, stärker noch als der Bevölkerungsrückgang, analysiert Deschermeier. Das liege entscheidend daran, dass in den kommenden Jahren das Gros der Babyboomer in Rente gehe. Seit 2019 erreichen die ersten Babyboomer-Jahrgänge das Rentenalter. Das belastet die Sozialkassen und lässt Deutschland insgesamt altern. Deschermeier berechnet die Zahl der Senioren von mindestens 67 Jahren im Jahr 2045 auf 20,4 Millionen, zwanzig Prozent mehr als noch im vergangenen Jahr.

Um die Anpassungslasten am Arbeitsmarkt und in den Sozialsystem zu lindern, empfiehlt der IW-Ökonom eine verstärkte Zuwanderung von hoch qualifizierten Menschen. „Für die volkswirtschaftliche Entwicklung wäre es enorm wichtig, wenn die demographische Schrumpfung durch Zuwanderung einigermaßen ausgeglichen würde“, sagt Deschermeier.

Der Unsicherheit über die künftige Bevölkerungsentwicklung kann aber auch das IW mit seiner Analyse nicht ausweichen. Die Schrumpfung auf 81,1 Millionen Einwohner bis 2045 hält Deschermeier für die wahrscheinlichste Variante, zugleich aber setzt er eine Obergrenze der erwarteten Entwicklung bei 84,8 Millionen und eine Untergrenze bei 77,6 Millionen. Das ist eine weite Spanne. Dabei ist noch nicht mal berücksichtigt, dass politische Ereignisse wie seit 2015 die Fluchtmigration aus Syrien oder aus der Ukraine die Vorausschau komplett drehen können. Mit den Bevölkerungsprognosen ist das eben so eine Sache.

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