Wie lange kann sich Deutschland seine gesetzliche Krankenversicherung (GKV) noch leisten? Ende März will die von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) eingesetzte Finanzkommission ihre Empfehlungen zur GKV-Stabilisierung vorlegen. Das ist nötig, da trotz steigender Beitragssätze die Ausgaben schneller wachsen als die Einnahmen. In dieser Debatte spielt die Bürgerversicherung eine Rolle: zum einen die Frage, ob nicht jedermann in die GKV einzahlen sollte. Damit würden die private Krankenversicherung (PKV) sowie die Beihilfe für Beamte zurückgedrängt oder abgeschafft. Zum anderen wird überlegt, ob man nicht auch höhere und zusätzliche Einnahmen der Beitragspflicht unterwerfen müsste.
Dazu kam kürzlich aus der SPD der Vorschlag, dass nicht nur auf Löhne, sondern auch auf Kapital- und Mieterträge Sozialbeiträge entrichtet werden sollten. Ähnliche Ideen haben die Grünen. Außerdem möchten beide Parteien die Beitragsbemessungsgrenze, bis zu der Arbeitseinkünfte krankenkassenpflichtig sind, weiter hochsetzen als ohnehin geplant. Dieser Schritt ginge mit einer höheren Versicherungspflichtgrenze einher, jener Verdienstschwelle, jenseits derer man sich privat versichern, also in die PKV „flüchten“ kann. Derzeit beträgt die Grenze 77.400 Euro im Jahr.
Als Vorbild für die neue Beitragsbemessung gelten die Renten- und Arbeitslosenversicherung. Orientiert man sich daran, müsste man den Deckel in der Kranken- und Pflegeversicherung von 69.750 auf 101.400 Euro im Jahr erhöhen. Die Partei Die Linke möchte die PKV ganz abschaffen und strebt eine Einheitsversicherung an. SPD und Grüne wollen die PKV zwar dem Papier nach beibehalten, aber stärker zur solidarischen Finanzierung heranziehen.
Widerstand gegen Einschnitte der PKV
Die PKV wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen, beschnitten zu werden. Eines ihrer wichtigsten Argumente lautet, dass sie die gesetzlich Versicherten jetzt schon quersubventioniere: Der PKV-Beitrag zum Gesundheitswesen sei viel höher als ihr Anteil an der Bevölkerung. Stutze man die privat Versicherten zurecht, litten auch die gesetzlichen. Dazu hat der PKV-Verband neue Zahlen ermittelt, die der F.A.Z. vorliegen. 2025 lebten rund 83,6 Millionen Personen in Deutschland, von denen mehr als 8,7 Millionen privat vollversichert gewesen seien, so die unveröffentlichte Studie. Das entsprach einem Anteil von 10,5 Prozent an der Bevölkerung. Der Rest war großteils gesetzlich versichert: 74,5 Millionen Einwohner oder 89 Prozent.
Den neuen Daten zufolge macht der PKV-Anteil an allen Leistungsausgaben aber nicht nur knapp elf, sondern fast 16 Prozent aus: Die GKV habe im Berichtsjahr 2024 rund 263 Milliarden Euro ausgegeben, die PKV fast 49 Milliarden, so das Wissenschaftliche PKV-Institut WIP in Köln. Besonders deutlich ist der überproportionale Beitrag den Angaben zufolge in den Arztpraxen: Fast 22 Prozent der Einnahmen der niedergelassenen Humanmediziner stammten von Privatpatienten. Bei den Zahnärzten seien es gar 23 Prozent – deutlich mehr als doppelt so viel, wie es dem Anteil an der Bevölkerung entspricht (siehe Grafik).
Das Papier untersucht den „Mehrumsatz“: Einnahmen, die wegfielen, wären Privatpatienten gesetzlich versichert. Er betrug 2024 rund 15,5 Milliarden Euro, ein Plus von sieben Prozent. Der Mehrumsatz je Arztpraxis wird mit 82.171 Euro angegeben, elf Prozent mehr als im Vorjahr, 28 Prozent mehr als 2022. „Dieses Geld ermöglicht eine bessere personelle und technische Ausstattung der Praxen“, sagt der PKV-Verbandsvorsitzende Thomas Brahm. „Das kommt allen Patienten zugute.“
Kritik an SPD und Grüne
Unklar sei noch, wie die GKV-Reform und die mögliche neue private Gebührenordnung GOÄ den Mehrumsatz beeinflussten. In der ambulanten Versorgung ist die PKV besonders stark, es ist ihr größter Ausgabenblock. Die GKV gibt dort nur viermal mehr Geld aus, ihr meistes Geld fließt in Kliniken.
Die Gedankenspiele von SPD und Grünen zur Sanierung der Kassen lehnt Brahm ab. „Eine außerordentliche Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenze oder eine Abgabe auf Kapitalerträge und Mieten käme einer Einführung der Bürgerversicherung gleich“, moniert Brahm. „Beide Umverteilungsinstrumente würden die Mittelschicht massiv belasten.“ Ohne Mehrumsätze litte das medizinische Versorgungsniveau stark. „Um dies zu verhindern, müssten gesetzlich Versicherte noch deutlich mehr bezahlen.“
Ärztekammerpräsident Klaus Reinhardt sagte: „Die aktuelle Mehrumsatzstudie zeigt die wichtige Rolle der PKV-Versicherten für die Finanzierung des Gesundheitswesens.“ Das sichere die flächendeckende Versorgung. „Das Nebeneinander von GKV und PKV stärkt das deutsche Gesundheitssystem als Ganzes und darf bei allen Überlegungen zu einer neuen Finanzierungssystematik der GKV nicht infrage gestellt werden“, so Reinhardt. Reformen seien aber dennoch nötig, aufseiten der PKV die GOÄ-Novelle.