Es ist eine Gleichung mit etlichen Variablen. Was kommt auf Deutschland zu, wenn Putin einen Angriff im Baltikum wagt? Ein Szenario, das Militärexperten schon in drei bis vier Jahren für denkbar halten. Deutschland würde zum Transitland für enorme Mengen an Waffen und Material sowie Hunderttausende Soldaten der Partnerstreitkräfte, die aus dem Westen Europas und aus den USA an die Ostflanke verlegt werden. Eine logistische Jahrhundertaufgabe, deren Anforderungen sich zudem ständig ändern würden.
Wie sie bewältigt werden soll, steht im sogenannten Operationsplan Deutschland, den die Bundeswehr entwickelt hat. Das Dokument mit rund 1000 Seiten ist streng vertraulich. Aber so viel ist klar: Ohne die Unterstützung der Unternehmen wird es nicht gehen. Und nun gibt es ein erstes umfassendes Konzept, wie die Privatwirtschaft eingebunden werden könnte. An der Studie hat unter anderem die Inhouse-Beratung der Bundeswehr BwConsulting mitgewirkt. Sie liegt der F.A.S. exklusiv vor. Neben BwConsulting haben die Unternehmensberatung MHP und das Zentrum Nachhaltige Transformation der Quadriga Hochschule Berlin das Konzept erarbeitet.
Es könnte helfen, einige der vielen Variablen zu berechnen, die im „OPLAN“, wie das Papier der Bundeswehr oft abgekürzt wird, berücksichtigt werden müssen. Denn die Zeiten, in denen die Bundeswehr mit großer Personalstärke und etlichen eigenen Fahrzeugen, Liegenschaften und technischem Personal für den Ernstfall gewappnet war, sind vorbei. In den Unternehmen hingegen sind nützliche Ressourcen vorhanden. Die Bundeswehr müsste nur wissen, welche das sind und welche sie brauchen könnte – und die Unternehmen ebenfalls.
„Lager bauen, Leute ausbilden und so weiter – all das funktioniert nicht auf Knopfdruck“, sagt Michael Rogasch, Leiter der Bundeswehrberatung. Der Anspruch sei hoch, die Größenordnung von Material und Truppen „kapital“. Die Frage sei: „Wie kriegt man diese Logistik geplant, gesteuert und umgesetzt?“ Auch die Bundeswehr tue sich mitunter schwer, die Komplexität zu erfassen. Hier setzt die Studie an.
Daten der Unternehmen auswerten
„Wir haben uns gefragt, was sich von den Unternehmen lernen ließe“, erklärt Henning Schulze von MHP. „Das Thema Logistik in Echtzeit ist für unsere Kunden Daily Business.“ So soll ein gängiges Prinzip aus großen Unternehmen auf die zivil-militärische Zusammenarbeit übertragen werden: die ständige datengestützte Überwachung der Lieferkette. „In die Systeme der Hersteller fließen Bestände und Knappheiten von Teilen ein, Lieferzeiten, geopolitische Entwicklungen und viele weitere Faktoren“, erklärt Schulze. Das ermöglicht, die Produktion flexibel und kostengünstig zu steuern und auf potentielle Störungen frühzeitig zu reagieren. Ein ähnliches Prinzip schlägt die Studie nun für die „Drehscheibe Deutschland“ vor.
„Grundlage wären Echtzeitdaten aus der deutschen Privatwirtschaft“, heißt es in der Studie. Ein „digitaler Zwilling“ soll verfügbare Infrastruktur, Material und Dienstleistungen der Privatwirtschaft sichtbar machen – etwa Diesel von einer Raffinerie, Transportflotten eines Spediteurs oder privatwirtschaftliche Betriebsgelände, die als temporäre Versorgungsstandorte infrage kommen.
Dabei wäre über eine technische Schnittstelle der Zugriff auf die Daten der Unternehmen möglich, ohne dass diese zentral gespeichert werden. Auch Informationen über Infrastruktur, etwa zum Zustand von Straßen, könnten einfließen. Dieses Lagebild würde mit den militärischen Bedarfen abgeglichen, um schließlich verschiedene Szenarien zu modellieren. Vereinfacht gesagt: Der Konvoi wird auf jene Route geschickt, auf der die Brücken tragfähig sind, die Soldaten eine Unterkunft haben und ausreichend Diesel getankt werden kann.
Auch zu Zeiten des Kalten Kriegs waren die deutschen Unternehmen eng eingebunden in die Planung des Ernstfalls. Wie groß die Lkw-Flotte des örtlichen Spediteurs ist, das wusste die Bundeswehr damals. Der Spediteur wusste wiederum, wie viele Fahrzeuge er bereithalten muss, die Bahn, wie sie ein Luftverteidigungssystem zu transportieren hat. Inzwischen ist nicht nur derlei Wissen längst verloren gegangen, sondern auch die Erfahrung in der Kooperation mit den Unternehmen. Insofern erfordert der Plan auch ein Umdenken in der Bundeswehr: Gesucht sind Partner, keine Auftragnehmer.
Betriebe wissen nicht, was auf sie zukommt
Das bedeutet allerdings nicht, dass es nicht auch Verbindlichkeit braucht. Hierfür schlagen die Autoren Verträge vor, mit denen sich die Unternehmen entlang wichtiger Transitrouten gegen Bezahlung verpflichten, bestimmte Dienstleistungen oder Produkte vorzuhalten. Einen solchen Vertrag über rund 260 Millionen Euro hat die Bundeswehr Anfang des Jahres mit Rheinmetall geschlossen. Darin geht es um Rast- und Sammelräume entlang von Marschrouten. Das Unternehmen wird etwa Unterkünfte sowie Sanitäranlagen und Verpflegungseinrichtungen bereitstellen. Mindestens dreimal jährlich muss die Bundeswehr im Übungsbetrieb Leistungen aus dem Rahmenvertrag abrufen.
Sollte Deutschland zur Drehscheibe eines NATO-Einsatzes werden, wird es allerdings auch auf Unternehmen ankommen, die bislang keine Berührungspunkte mit dem Militär haben. Und wissen die, was sie erwartet? „Da stehen wir noch weit am Anfang“, sagt MHP-Partner Schulze. Der Wille, sich einzubringen, sei aber vorhanden – schließlich kann die Landesverteidigung auch ein gutes Geschäft sein. Auch vom Industrieverband BDI ist zu hören, die Unternehmen wüssten derzeit nur begrenzt, was mit dem OPLAN auf sie zukomme. Damit sie logistische Kapazitäten und Personal vorhalten, bräuchten sie Klarheit, etwa planbare Abrufmechanismen, Bereitschaftsverträge und eindeutige Regelungen zu Vergütung und Haftung, sagt BDI-Sicherheitsexpertin Kerstin Petretto. „Gerade Transport- und Fahrerkapazitäten sind schon im Normalbetrieb knapp.“
Einem „digitalen Zwilling“ für die Planung würde die Industrie nicht im Wege stehen, gibt Petretto zu verstehen. Die Unternehmen seien zur Datenbereitstellung bereit, wenn dies einen „klaren sicherheitspolitischen Mehrwert“ habe. Sie macht zugleich klar: Hohe Datenschutzstandards, geregelte Zugriffsrechte und ein „fairer Ausgleich“ für den Aufwand der Unternehmen wären hierfür die Voraussetzungen.
Es ist nicht überraschend, dass die Unternehmen ihre Echtzeitdaten nicht leichtfertig teilen, schließlich könnte sich auch die Konkurrenz dafür interessieren, wie viele Lkw-Fahrer gerade nichts zu tun haben, wie viel Stellfläche der Autohersteller gerade nicht nutzt. Ebenso wie die Frachtraten und Handelsströme viel über den Zustand der Weltwirtschaft verraten, sagen derartige Informationen mitunter einiges über die Geschäftslage eines Betriebs aus. Unternehmen zum Mitmachen zu verpflichten, sieht die Studie daher erst mal nicht vor.
Bundeswehrberater Rogasch spricht von einem „Zwiebelring-Modell“, bei dem zunächst die kritischen Unternehmen angesprochen werden und Freiwilligkeit im Vordergrund steht. Das heißt aber auch: Im Verteidigungsfall können andere Regeln gelten.