interview
Die Schifffahrt in der Straße von Hormus ist zum Erliegen gekommen, mit gravierenden Folgen für die Weltwirtschaft. Experte Brake warnt vor großen Risiken durch Minen – und erklärt, wie eine Durchfahrt dennoch möglich wäre.
tagesschau24: Das Nadelöhr für den Öltransport ist gerade in aller Munde, die Straße von Hormus. US-Präsident Donald Trump sagt, die Durchfahrt sei sicher. Andere warnen davor. Wie schätzen Sie das ein?
Moritz Brake: Die Risiken sind eindeutig vorhanden und gravierend. Die Schifffahrt meidet die Passage nach wie vor. Die Verantwortung dafür liegt auch ganz klar bei den Reedereien, bei den Kapitänen: Letztlich muss der Schiffsführer die Entscheidung treffen, ob er seine Besatzung in Gefahr bringt und gravierende Umweltschäden in Kauf nimmt. Die Verantwortung, mit einem Tanker durch diese Kriegszone zu fahren, kann ihm auch kein amerikanischer Präsident zum jetzigen Zeitpunkt abnehmen.
Zur Person
Dr. Moritz Brake ist Senior Fellow am „Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies“ (CASSIS) der Universität Bonn und Reserveoffizier der Deutschen Marine. Er promovierte 2022 über die Deutsche Marine als Instrument der Außenpolitik am King’s College in London. Brake besitzt ein nautisches Patent und einen Ingenieursabschluss in Nautik von der Jade Hochschule in Elsfleth, Deutschland. Er ist Gründer des Unternehmens „NEXMARIS“, mit dem er Beratung zu maritimen Sicherheitsfragen anbietet.
tagesschau24: Eine Gefahr, von der gerade auch viel die Rede ist, sind die Seeminen. Wie funktionieren die?
Brake: Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Das Grundproblem ist, dass Minen sehr einfach auszubringen, aber nur sehr schwer und aufwendig wieder zu räumen sind. Technisch können diese Minen ganz simpel über eine Kontaktfunktion ausgelöst werden. Zum Beispiel eine Mine, die im Wasser irgendwo verankert ist oder sogar treibt und dann bei Berührung explodiert und Schiffe beschädigt oder zum Sinken bringen kann, je nach Größe der Mine und Art des Schiffes.
Aber dann gibt es auch andere Minen, die sehr viel smarter aufgestellt sind, technologisch fortschrittlicher und schwerer aufzufinden. Diese bestehen vielleicht nicht aus Metall und sind durch die magnetischen Signaturen von Schiffen, Geräuschen oder Ähnlichem aktivierbar
Es gibt die unterschiedlichsten Möglichkeiten, diese Minen vor Ort zu platzieren. Das kann im Vorfeld eines Konfliktes passieren, durch Verbringung aus der Luft oder durch ein Abwerfen von kleinen Booten wie Fischerbooten. Wie auch immer: Es braucht keine fortschrittliche Marine, um ein Seegebiet zu verminen.
tagesschau24: Wissen Sie, ob solche Seeminen in der Straße von Hormus schon ins Wasser gebracht wurden? Oder genügt vielleicht auch die Drohung, dass das passieren könnte?
Brake: Man muss davon ausgehen, dass Iran das macht, weil er dieses Ausbringen von Minen in der Vergangenheit angekündigt hat. Jetzt gerade kursieren dazu Nachrichten, ob das belegbar ist oder nicht. Aber dazu müsste entweder ein Minentreffer nachgewiesen sein oder jemand muss vor Ort anfangen, nach Minen zu suchen, und diese Informationen dann öffentlich verfügbar machen. Alleine diese Gerüchte und die Fähigkeit Irans, Minen auszubringen, sollten uns ganz klar davon ausgehen lassen, dass dort auch Minen sind.
tagesschau24: Wir sehen die Auswirkungen dieser Strategie Irans, die Ölinfrastruktur zu beschädigen und die Straße von Hormus einzuschränken. Wurde das vielleicht unterschätzt, auch mit Blick auf die Gefahr von Seeminen?
Brake: Es deutet einiges darauf hin, dass die Gefahren unterschätzt worden sind. Aber wir müssen uns klarmachen: Es geht hier nicht nur um einen regionalen Konflikt. Es geht tatsächlich um einen Iran, der seit Jahren Russland im Krieg gegen die Ukraine unterstützt, auch aktiv durch Lieferungen von Drohnen beispielsweise. Iran erfährt nun im Gegenzug auch aktive Unterstützung aus Russland. Auch China unterstützt Russland, wirtschaftlich, aber auch durch handfeste, handfeste technologische Unterstützung. Und China unterstützt Iran.
Wir haben es hier mit einer Situation zu tun, wo eben nicht nur Iran auf dem Spiel steht, sondern eine wirkliche Eskalation dieses globalen, machtpolitischen Wettbewerbs mit direkter Konsequenz auch für Europa. Über die Ölmärkte spüren wir natürlich die Effekte auf die Preise. Das wirkt sich auf unsere Wirtschaft aus, den Wohlfühlfaktor an der Tankstelle, die Kosten der täglichen Bedarfe der Bevölkerung.
Wenn wir in die Region gucken, ist natürlich der Zugang zum Welthandel blockiert. Das heißt, die Staaten in der Golfregion, die darauf angewiesen sind, dass sie wichtige kritische Versorgungsgüter auf dem Seeweg bekommen, erhalten diese im Moment gerade nicht. Die Effekte sind da noch mal drastischer als bei uns.
tagesschau24: Glauben Sie denn, dass einige Kapitäne es vielleicht trotzdem wagen würden, durch die Straße von Hormus zu fahren?
Brake: Es gibt ja bereits Berichte dazu, dass auch einige Reedereien, und damit auch einige Kapitäne, bereit sind, dieses Risiko einzugehen. Auch in der Vergangenheit, Ende der 1980er-Jahre im sogenannten Tankerkrieg, gab es durchaus Kapitäne und Reedereien, die das getan haben, denn das Ganze wird sehr gut bezahlt. Der gestiegene Ölpreis, mittlerweile fast doppelt so hoch wie vor der Krise, verlockt natürlich auch den einen oder anderen dazu, Risiken hinten anzustellen und die Passage trotzdem zu wagen. Damit ist viel Geld zu verdienen.
Man muss es aber ganz klar sagen: Diese Menschen riskieren nicht nur ihr Leben und das der Besatzungen, sondern auch gewaltige Umweltschäden. Das ist gar nicht mehr in einfachen Millionenbeträgen zu fassen, sondern hier reden wir über Milliarden und Auswirkungen über Generationen hinweg, sollte ein großer Tanker in der Straße von Hormus sinken und sich dort Öl ausbreiten.
tagesschau24: Könnte es helfen, die Öltanker mit Marineschiffen im Konvoi fahren zu lassen?
Brake: Ja, es gibt natürlich diese Möglichkeit, durch Konvois Schutz zu bieten. Hier geht es aber weniger um die Art und Weise, um Fragen wie: Wie reihe ich meine Schiffe auf? Wie führe ich sie da durch? Welche Rolle hat die Marine beim aktiven Schutz gegen Bedrohungen aus der Luft, auf dem Wasser, unter Wasser?
Sondern der Konvoi ist auch eine rechtliche Situation, in die sich Schiffe begeben. Wenn wir einen formalen Konvoi hätten, dann würde eine Marine eines Staates die Schiffe in die Pflicht nehmen, auf das Kommando der Marine zu hören und zum Beispiel durch so eine Kriegszone zu fahren. Dann geht auch die Verantwortung für alle Schäden und Folgen auf diesen Staat über.
In einer Kriegssituation ist das auch angebracht, denn wir alle hier in Europa, genauso wie die Staaten am Golf, sind kritisch darauf angewiesen, dass uns Versorgung über See erreicht. Erst recht im Krieg. Dann kann man Umweltschäden und auch Schäden an den Besatzungen und an den Schiffen in Kauf nehmen, um diese kritische Versorgung im schlimmsten Fall trotzdem aufrechtzuerhalten.
tagesschau24: Die Straße von Hormus wurde täglich von 30 bis 40 Schiffen passiert, bis zu diesem Krieg. Diese Zahl scheint mit Marineeskorten nur schwer abzusichern, oder?
Brake: Das ist tatsächlich das Problem. Denn selbst wenn wir Konvois hätten, kriegen wir dadurch keinen hundertprozentigen Schutz. Es geht letztlich darum, dass der Staat in die Verantwortung geht und sagt: Es ist so wichtig, das trotzdem weiter Schifffahrt stattfindet, dass wir als Gesellschaft diese Verluste und diese Risiken bewusst in Kauf nehmen. Denn die Folge, wenn man es nicht täte, wäre noch größer.
Ein Staat in der Golfregion, der beispielsweise echte Versorgungsengpässe für seine Bevölkerung absieht, kann zu dem Schluss kommen, dass er diese Gefahren für die Schifffahrt in Kauf nehmen möchte und dazu seine Marine einsetzt und Schiffe unter seiner Flagge und auch zivile Kapitäne anweist, trotzdem in dieses Risikogebiet zu fahren. Das sind Instrumente, die auch Deutschland hat, die auch die NATO hat, wenn wir selbst ähnlich betroffen wären.
Das Interview führte Jan Starkebaum für tagesschau24. Das Interview wurde für die schriftliche Fassung redigiert und teils gekürzt.
Source: tagesschau.de