Ab 1940/1941 gab es, so der sozialistische Schriftsteller und Journalist David Rousset, nur noch zwei Ausgänge aus Europa: Marseille und Auschwitz. Der Überfall der Wehrmacht auf Polen 1939 und der Krieg im Westen ab 1940 verschlechterten nicht nur die Lage der in die Nachbarländer Geflüchteten drastisch. Bald waren viele weitere Millionen Menschen der Gefahr, ermordet zu werden, ausgesetzt und bislang geläufige Fluchtrouten versperrt.
Vor der endgültigen Besetzung der „freie Zone“ Frankreichs erwarteten am Mittelmeerhafen Marseille Tausende Unerwünschte und Verfolgte, vor Spitzelei und Denunziation immer auf der Hut, ihre ungewisse Ausreise nach Übersee. Es gab dort Konsulate, Stützpunkte von Hilfsorganisationen, aber auch zwielichtige Gestalten, die ihre prekäre Lage auszunutzen wussten, sowie die latente und manifeste Bedrohung durch Behörden des Vichy-Regimes.
Jean Malaquais, geboren als Wladimir Malacki in Polen, setzte diesem Leben in Unsicherheit mit seinem Roman Planet ohne Visum (1947) ein grandioses literarisches Denkmal. Er schildert die riskanten Verstrickungen der Gestrandeten, denen die Zeit wegläuft. Er erzählt von Helferinnen und Helfern, die, ohnehin im Graubereich zwischen Legalität und Illegalität unterwegs, immer größere Risiken für sich und ihre Organisationen eingehen, um Menschen außer Landes zu bringen.
Susanne Heim schließt eine wichtige Leerstelle
Es ist ein Buch über Mut und Hoffnung, Verzweiflung und Menschlichkeit. Malaquais’ Romanfiguren sind historischen Vorbildern nachempfunden. Varian Fry, Lisa Fittko, Albert Hirschman und ihr Netzwerk verhalfen für das US-amerikanische Emergency Rescue Committee einigen tausend Menschen – darunter auch Malaquais – zur Flucht aus unmittelbarer Gefahr. Uwe Wittstock hat diese Episode in der Geschichte der Flucht vor dem Nationalsozialismus 2024 in Marseille 1940 eindrücklich beschrieben.
Was bislang aber fehlte, war die umfassende, systematische Darstellung der Vertreibung und Flucht aus (und vor) Nazideutschland und der Hilfe für die Geflüchteten. Diese Leerstelle hat Susanne Heim jetzt geschlossen. In ihrem Buch Die Abschottung der Welt zeichnet sie nach, wie von 1933 bis 1945 immer mehr Menschen immer existenzieller bedroht sind, während ihre Möglichkeiten, zu entkommen, immer spärlicher werden.
Besonders traf es jüdische Menschen. Kein Staat trat für sie ein, antisemitische Ressentiments gab es fast überall. Als entrechtete, beraubte Menschen waren sie eine Last und obendrein verdächtig. Flucht wurde endgültig zur Überlebensfrage, als die Deutschen 1940 ihr vernichtungsantisemitisches Mordprogramm ins Werk setzten. Susanne Heim entwickelt ihre Darstellung entlang der Geschichten von Fluchterfahrungen verfolgter Jüdinnen und Juden. Diese markieren in all ihrer Unterschiedlichkeit existenzielle Brüche im Leben.
Kaum ein Land will Geflüchtete aufnehmen
Viele Fliehende mussten unter großen Risiken Tausende Kilometer, etliche Landesgrenzen und ständig neue bürokratische Hürden überwinden. Sie waren nirgends gern gesehen und lebten, so ihnen die Flucht gelang, wo sie niemals sein wollten, oft unter schlimmen Verhältnissen. Das „Recht, Rechte zu haben“ (Hannah Arendt), blieb ihnen verwehrt.
Dieser Aspekt ist bedrückend, weil es stets auf denselben Fluchtpunkt zuläuft: Kaum ein Land will Geflüchtete aufnehmen. Auch in Demokratien unterlag der humanitäre Anspruch noch dann einer als nationales Interesse begriffenen Abwehr der mit dem Tod Bedrohten, als bereits alle Welt von Auschwitz wusste. Die internationalen Bemühungen jener Epoche mündeten zwar in erste Institutionen und normative konzeptionelle Ansätze, die nach 1945 die völkerrechtlichen Übereinkünfte zu Flucht und Asyl prägten.
Aber die Nationalstaatskonkurrenz und das Interesse, das „Problem“ von sich fernzuhalten, bremsten jede unmittelbare, koordinierte Hilfe. Dass Flucht überhaupt in nennenswertem Umfang möglich war, ist vor allem den Netzwerken von (jüdischen) Hilfsorganisationen und ihren Engagierten in Deutschland und den Zufluchtsländern zu verdanken. Sie halfen bei der Fluchtvorbereitung und bei der Ausreise, leisteten Beistand und materielle Unterstützung in den Aufnahmeländern.
Vor allem Frauen gingen große Risiken ein
Bei den internationalen Flüchtlingskonferenzen waren sie von den Beratungen ausgeschlossen, versuchten aber gegenüber ihren Regierungen Einfluss geltend zu machen. Letztlich erschlossen allein sie durch Akquise privater Spenden die enormen finanziellen Ressourcen, die allerorts dringend gebraucht wurden.
Und sie mussten den Balanceakt vollführen, den Geflüchteten zur Seite zu stehen und gleichzeitig zwischen ihnen und den Behörden der Zufluchtsländer zu vermitteln. Zudem waren Fluchtkapazitäten und finanzielle Mittel immer begrenzt. Menschen zu helfen, bedeutete deshalb nahezu immer, anderen die nötige Hilfe abschlagen zu müssen.
Dieser Arbeit und den damit verbundenen, mitunter unerträglichen Widersprüchen gilt in dem Buch große Aufmerksamkeit. Vor allem Frauen, zeigt Heim, gingen unter stets fragilen und schwierigen Bedingungen vor Ort große Risiken ein, um den geflüchteten Menschen zu helfen. In ihnen finden wir die Helden dieser Geschichte.
Die Parallelen zur „Migrationsabwehr“ sind augenfällig
Am Umgang mit Flüchtenden lässt sich ablesen, welche Welt wir anstreben, so der Historiker Andreas Kossert. Susanne Heim fragt am Ende der Einleitung: Wie werden Historikerinnen und Historiker künftiger Generationen über die heutige Migrationspolitik urteilen?
Gewiss, wir leben in anderen Zeiten. Man sollte meinen, das Bewusstsein für die nur gemeinsam zu lösenden Probleme einer globalen Gesellschaft, die die biophysikalischen Grenzen sicherer menschlicher Existenz auf unserem Planeten sprengt, sei heute größer als vor knapp einem Jahrhundert.
Dennoch sind die Parallelen in den Argumentationsmustern und Politiken zur „Migrationsabwehr“ augenfällig. Nein, wir streben heute keine gute Welt an. Allen, die eine bessere wollen, sei Heims fundiertes und spannendes Werk als Pflichtlektüre empfohlen.
Die Abschottung der Welt. Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen. 1933 – 1945 Susanne Heim C. H. Beck 2026, 384 S., 34 €