Politisch aktiv bin ich 2017 geworden.
Ich war in der Schülervertretung und habe in meinem damaligen Zuhause Unna im Ruhrgebiet bei einem Begegnungscafé mitgeholfen – alteingesessene Stadtbewohner trafen hier auf Geflüchtete. In diesem Café habe ich dann auch engagierte Grünen-Mitglieder kennengelernt.
Mit Freund*innen gründeten wir eine lokale Gruppe der Grünen Jugend. Ich hatte keine starke Bindung an die Partei. Unser Interesse lag darin, eine linke Jugendgruppe zu etablieren, und die Grünen boten uns dafür die Möglichkeit. Dabei war mir die Partei eigentlich fern. Ich bin in Armut aufgewachsen, bei meiner alleinerziehenden Mutter, die Hartz IV bezog. Wir haben kein Bio gekauft und sind Auto gefahren.
Zu Beginn meiner politischen Arbeit beschäftigte mich meine Armut zudem noch nicht direkt. Ich verstand damals nicht, dass wir nicht selbst schuld an unserer Situation waren. Mich trieben eher Themen um, die öffentlich sehr politisiert waren: Umweltthemen sowie der Umgang mit Geflüchteten und Antirassismus, auch durch meine eigenen Erfahrungen als schwarze Person. Ich habe mich als links verstanden und die Grünen für links gehalten. Die Grüne Jugend fühlte sich für mich zunehmend wie ein sinnvoller Ort an, um mit anderen jungen Menschen zusammenzukommen.
Die Hoffnung in den 2010ern war groß
Bald habe ich in regionalen und bundesweiten Gruppen mitgearbeitet. Ende der 2010er fühlte es sich an, als könnten wir gemeinsam die Welt bewegen. Ja, wir nahmen wahr, dass rechte Mobilisierungen stärker wurden, doch damals wirkte der Rechtsruck nicht annähernd so bedrohlich, wie jetzt. Ich denke, es liegt daran, dass rund um diese Zeit ebenso Protestbewegungen wie Fridays for Future entstanden. Die Große Koalition wirkte altbacken und die Hoffnung war groß, dass sich mit der Bundestagswahl 2021 wirklich was ändern könnte.
Und dann kam die Ampel – und wir konnten in Echtzeit beobachten, wie jegliche fortschrittliche Projekte abgeräumt wurden. Aus versprochenen Verbesserungen im Bürgergeld wurden verschärfte Sanktionen und Nullrunden, aus dem Vorhaben humaner Asylpolitik wurden Angriffe aufs Asylrecht. Irgendwann fühlte sich die Regierung schlimmer als die GroKo an.
Die Ampel hat mir den Glauben an ein rot-rot-grünes Regierungsprojekt genommen. Denn ich glaube nicht, dass es nur an der prozentualen Verteilung der Parteien lag, oder daran, dass die FDP mit in der Regierung war. Mir wurde bewusst, wie voraussetzungsvoll ein linkes Regierungsprojekt wäre. Veränderungen brauchen eine starke gesellschaftliche Basis. Eine Basis, die auch bereit ist, für Umverteilung und gemeinwohlorientiertes Eigentum zu kämpfen. Die Ampel wollte diese Konflikte umschiffen. Die Frage, wer den Klimaschutz bezahlen soll, wollten sie nicht beantworten. Und wir waren nicht stark genug, um daran etwas zu ändern.
Doch wenn Veränderung nicht einfach über Regierungswechsel zu erreichen ist, stellt sich die Frage, woher der Druck kommen soll.
Der politischen Linken fehlt die Verankerung in der Arbeiterklasse
Ich war in den ersten Jahren der Ampel Sprecherin der Grünen Jugend. Wir wollten Teil der außerparlamentarischen Opposition sein. Eine spannende, widersprüchliche Rolle für den Jugendverband einer Regierungspartei – aber hey, wir gaben unser Bestes, unsere Ressourcen zu nutzen, um den Aufbau von Gegenmacht zu unterstützen.
Was es dann wirklich war: appellative Aufrufe gegen die Regierung, Demos, auf denen immer wieder dieselben Menschen waren, Petitionen, die ins Nichts gingen.
Bei sozialen Themen kamen wir erst gar nicht so weit, eine große Demo zu organisieren. Als gesellschaftliche Linke hatten wir 2022 zwar versucht, Proteste gegen die Preissteigerungen zu organisieren. Extrem viele Menschen wussten nicht, wie sie sich die nächsten Monate leisten sollten, die Regierung zögerte mit Entlastungspaketen. Aus politischer Sicht eine Chance. Doch auf der Straße bemerkten wir, dass wir wieder nur unter uns waren.
Und wir stellten fest: Wir sind nicht in der Klasse verankert. Es müsste doch darum gehen, unsere Basis zu erweitern. Eine echte Verbindung mit den Menschen einzugehen, mit denen wir unsere sozialen Interessen teilen. Dafür bräuchte es wiederum durchgängige Organisierungsarbeit vor Ort – in Nachbarschaften, Betrieben, Wohnhäusern.
Diese Arbeit wäre mit den Grünen nur widersprüchlich zu leisten – sie trugen Mitverantwortung für Entscheidungen, die die Menschen verarmten. Ziel und Mittel passten nicht mehr zusammen.
Auf der Suche nach einer politischen Strategie
Wenn das Problem fehlende Verankerung ist, liegt die Frage nahe, wie eine Organisation aussehen müsste, die genau diese Verankerung wieder aufbaut. In Österreich feierte damals die KPÖ Erfolge. Ihr politischer Stil imponierte mir: Sie versuchte in erster Linie, Nichtwähler zu erreichen – nicht ohnehin schon linksorientierte. Nach besten Kräften wollten sie hilfreich sein, sei es durch Sozialsprechstunden oder gemeinsame Aktionen gegen dreiste Vermieter. Es fühlte sich an, als würde hier noch einmal ein neuer Versuch gestartet werden, eine sinnvolle linke Partei aufzubauen.
Die war auch nötig: Die SPD halte ich für eine entkernte Regierungspartei, die keine großen politischen Projekte mehr anstrebt, oder auch nur Ideen dafür hat.
Im Jahr vor dem Austritt aus den Grünen verbrachte ich eine Woche bei KPÖ-Mitgliedern in Österreich. Ich erinnere mich an einen sonnigen Tag in Salzburg. Wir haben den Stand vor dem Supermarkt aufgebaut, in einem Viertel, in dem Menschen gewohnt haben, die arm waren, so wie meine Mama und ich. Wir kamen mit ihnen ins Gespräch. Mehrere sagten mir: „Danke für eure Unterstützung, mein ganzer Wohnblock wählt euch sowieso“. Mein Herz schlug höher. Das Gefühl, politische Arbeit zu machen, die sich authentisch anfühlt, zog mich am Ende aus den Grünen raus. Im Herbst 2024 verließ ich mit vielen anderen endgültig die Partei.
So richtig klar war mir dann aber doch nicht, wo anzusetzen ist.
Neue Wege für linke Politik
In der Partei Die Linke kam derweil einiges ins Rollen. Inspiriert von der KPÖ und der Partei der Arbeit Belgiens richtete man sich auf Klassenpolitik aus: Sozialsprechstunden, Gehaltsdeckelung, soziale Forderungen im Fokus. Ich finde diesen Versuch interessant und bin gespannt, was daraus wird. Gleichzeitig frage ich mich, wie konsequent dieser Kurs vollzogen wird. Die Strategiedebatte ist bis heute nicht abgeschlossen. Will die Linke eine linkere SPD sein oder will sie ihre Macht aus der Klasse ziehen?
Und was passiert, wenn der Klassenkurs durchgezogen wird und man dann doch an die Regierung kommt? Wird man vereinnahmt? Bedeutet es, dass Partei-Aufbau und Klassenverankerung mit dem ersten Misserfolg sterben? Das alles ist mit einem hohen Risiko verbunden.
Ich merke, wie ich mich heute trotzdem freue, die nächste sympathische Nachricht über Zohran Mamdani, den Bürgermeister von New York, zu lesen. Aber eigentlich spricht die Geschichte von linken Regierungsprojekten eine andere Sprache. Rot-Grün hat die Agenda 2010 durchgeführt, Rot-Rot-Grün in Berlin den Volksentscheid „Deutsche Wohnen und Co. enteignen“ nicht umgesetzt. In den 2000ern hat der rot-rote Berliner Senat Zehntausende Wohnungen privatisiert. Sicher nicht böswillig, sondern weil sie keinen Weg sahen, sich den Zwängen des Kapitalismus zu entziehen.
Wenn Parteipolitik so viele Fallstricke hat – sollte die Basisarbeit nicht unabhängig sein? Aber ist es überhaupt möglich, Basisstrukturen langfristig ohne Partei im Hintergrund zu etablieren?
Ich erzählte einem älteren Genossen von meinen Gedanken. Er antwortete: „Das habe ich schon einmal gehört – vor zwanzig Jahren. Diese Leute sind dann in die Kieze gegangen, haben eine Basisorganisation aufgebaut und sind am Ende doch wieder in Parteien gelandet, weil sie an Grenzen gestoßen sind.“ Ich bin verwirrt.
Irgendwann dämmerte mir: Vielleicht hat mir die Geschichte nichts mehr zu sagen
Ich wollte eine Pause von politischer Daueraktivität und in Ruhe darüber nachdenken, was ich tun will. Dann stolperte ich jedoch in eine größere Glaubenskrise, als ich erwartet hätte. Ich warf daraufhin einen Blick in die alten Texte. In einem Marx-Lesekreis widmete ich mich der Theorie und Geschichte der Arbeiterbewegung. Ich wollte aus der Geschichte lernen.
Aber irgendwann dämmerte mir: Vielleicht hat mir die Geschichte nichts mehr zu sagen. Vielleicht war die Vorstellung einer großen Arbeiterbewegung, die den Kapitalismus stürzt und auf ihm eine kooperative Gesellschaft aufbaut, akkurat für die Zeit, in der sie aufkam. Vielleicht sind die Umstände jetzt andere.
Der Kapitalismus damals war frisch, heute hat er sich tief in die Gesellschaft gebrannt. Die Arbeiterbewegung war unglaublich groß, heute ist sie es in den westlichen Gesellschaften nicht mehr. Damals gab es noch Gewerkschaften, die existenzielle Kämpfe geführt haben – heute glücken oft nicht mal Inflationsausgleiche. Ohne den Streik als Druckmittel scheint generell wenig möglich.
…ich klinge wie ein oller Realo, so will ich nicht sein
War das Potenzial für Veränderung früher größer? Ist die Schwäche heute grundlegender? Wir sind aktuell in einer Phase der Defensive. Ich fühle mich, als wären wir in der Geschichte stecken geblieben.
Ich erschrecke mich vor diesen Gedanken – ich klinge wie ein oller Realo, der mir auf dem Parteitag sagt, dass ich meine Utopien mal stecken lassen soll. So will ich nicht sein. Aber ich will auch nicht die realen Kräfteverhältnisse ausblenden müssen, um Hoffnung zu schöpfen. Ich frage mich, wie viel Geduld ich aufbringen kann und muss.
Und wenn das große Ziel nicht zu erreichen ist, sollte man dann nicht zumindest versuchen, noch die eine oder andere Reform aus diesem System zu quetschen? Ich bin kein Trommler für Rot-Rot-Grün. Irgendwann tritt aber doch eine Rechnung ein: kleine Verbesserungen im Hier und Jetzt – oder der große Wunsch einer entfernten Zukunft.
Je weiter die Entfernung, desto stärker ein Gedanke: Wie viel Einsatz und Abstriche meines privaten Lebens bin ich noch bereit, für politische Arbeit herzugeben?
Werde ich jetzt zu einer der Radikalen, die dann doch irgendwann den Aktivismus an den Nagel hängen?
Ich arbeite jetzt gerade im Bundestag bei dem linken Abgeordneten Cem Ince und kann meine Fähigkeiten bei ihm einbringen, aber im Gegensatz zu den letzten Jahren mit Feierabend. Darüber hinaus bin ich politisch gerade nicht organisiert. Ich scheue mich davor. Bin ich nur ausgebrannt? Liegt es daran, dass das Verlangen, ein eigenes Leben zu haben, nach vielen Jahren Vollzeitaktivismus größer geworden ist? Ist es eine verdiente Pause oder weiß ich nicht, wie ich an politischer Veränderung arbeiten will?
Fragen privater Absicherung und beruflicher Zukunft werden größer. Ich will jederzeit in der Lage sein, mich, eventuelle Kinder und meine Familie zu versorgen. Ich spüre, wie schwer sich diese Sicherheit individuell organisieren lässt. Natürlich bekomme ich mit, wie rückschrittlich die derzeitige politische Entwicklung ist. Ich habe Angst vor der Zukunft. Und ich spüre eine enorme Dringlichkeit. Eigentlich muss sich alles ändern. Und gleichzeitig bemerke ich bei mir selbst die Zurückhaltung, meine Energie so zu nutzen, dass ich daran nicht ausbrenne.
Werde ich jetzt zu einer der Radikalen, die dann doch irgendwann den Aktivismus an den Nagel hängen? Hat es einen rationalen Kern, dass das so vielen passiert? Ich glaube, ich habe diese Menschen früher häufiger für ihren fehlenden Kampfgeist und ihre Inkonsequenz kritisiert. Ich habe nicht verstanden, wie sie angesichts des Schmerzes der Welt aufgeben konnten. Nun beginne ich, zu verstehen.
Ich schreibe das nicht, weil ich mich damit abgefunden habe. Es fühlt sich fast schon unanständig an, über die eigenen Zweifel Zeugnis abzulegen. Aber ich hoffe auch, dass eine bewusste Beschäftigung damit genau das sein kann, was am Ende dafür sorgt, dass ich neue Antworten finde: „Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz, wer es mit 40 immer noch ist, keinen Verstand“ – ich will nicht zu denen gehören, die solche Sätze sagen. Ich sehe meine aktuelle Lage als notwendige Zwischenstation. Ich will nicht aufhören zu kämpfen, wohl aber lernen, anders weiterzumachen.