In Deutschland spielt sie aktuell keine politische Rolle mehr. In den USA wurde Annalena Baerbock jetzt aber eine besondere Ehre zuteil: Die frühere Grünen-Chefin und einstige Außenministerin war am Montagabend bei einem der berühmtesten Late-Night-Talker des amerikanischen Fernsehens eingeladen.
Jon Stewart ist einer der einflussreichsten Politik-Satiriker der USA, seine „Daily Show“ hat ganze Generationen geprägt und ist für viele jüngere Menschen Hauptbezugsquelle ihrer politischen Informationen. Stewart nimmt sich in der Sendung vor allem tages- und wochenaktuelle Ereignisse mit starkem Fokus auf Amerika vor.
Der Komiker Jon Stewart (63) moderierte die populäre „Daily Show“ von 1999 bis 2015 allein, stieg dann aus. Seit 2024 ist er immer montags der Gastgeber. © Amy Katz / Imago Images
Deutsche sind in der Show deshalb eher selten zu Gast: Der in den USA sehr populäre deutsche Regisseur Werner Herzog war schon einmal da, Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg, der Schauspieler Daniel Brühl, der inzwischen verstorbene Ex-Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble sowie Joschka Fischer – wie Baerbock einst Außenminister und Grüner.
Warum die Einladung besonders ist
Die Einladung von Annalena Baerbock ist aber auch in anderer Hinsicht bemerkenswert. Als Präsidentin der Generalversammlung der Vereinten Nationen hat sie eine Position inne, von deren Existenz viele zuvor noch nie gehört haben dürften. Zudem repräsentiert sie eine Institution, die in den vergangenen Jahren zunehmend als politisch schwach und somit nur begrenzt interessant galt.
Der 45-Jährigen scheint dies sehr bewusst gewesen zu sein, als sie am Montagabend im Studio bei Stewart saß: Sie hatte ihren Auftritt erkennbar sorgfältig vorbereitet.
Noch locker beantwortete sie die Einstiegsfrage von Stewart, wie er sie denn ansprechen solle – als „Madame Präsident“, „Ihre Exzellenz“, „Botschafterin“? „Wie auch immer Sie wollen“, sagte Baerbock und fügte schnell hinzu: „Oder Annalena, aber das ist schwierig. LENA, nicht LIENA.“
Auch die zweite Frage von Stewart („Viele Menschen wissen gar nicht, dass die Vereinten Nationen eine Präsidentin haben – was sind Ihre Aufgaben?“) ist für Baerbock noch leicht zu beantworten. Man müsse 193 Nationen an einen Tisch bringen, sagt sie. Darunter auch solche, die eine Atombombe hätten oder sich in einem Konflikt befänden.
Das sei nicht so leicht, wie es klinge. „Stellen Sie sich vor, Sie bringen Ihre Familie an Thanksgiving (einem der wichtigsten Feste in den USA, Anmerkung der Redaktion) zusammen – den griesgrämigen Onkel, die Hippie-Mutter – und die sollen dann aus demselben Liederbuch singen.“
Die Vereinten Nationen – auch nur eine zerstrittene Familie
Wer genau denn die Person mit der Atombombe sei, der Griesgram-Onkel oder die Hippie-Mutter, wollte Jon Stewart daraufhin natürlich wissen. Eine Steilvorlage für Baerbock. „Offen gesagt: In der Geschichte waren es selten die Frauen, die die Atombombe hatten“, gab sie zurück. Und nutzte die Gelegenheit, um auf die am heutigen Dienstag beginnenden Vorstellungsgespräche für das wichtigste Amt in den Vereinten Nationen aufmerksam zu machen: den Posten des UN-Generalsekretärs.
Der heißt derzeit noch António Guterres, aber nur noch bis zum 31. Dezember. Dann tritt der Portugiese nach zehn Jahren im Amt ab. Ihm nachfolgen soll nach Ansicht vieler endlich einmal eine Frau. So sieht es auch Annalena Baerbock. Es habe einen Aufruf an alle Mitgliedstaaten gegeben, eine Frau zu nominieren, erzählte sie in der „Daily Show“. 80 Jahre nach der Gründung der Vereinten Nationen zu erklären, „dass du keine Frau finden konntest, obwohl du vier Milliarden potenzielle Kandidaten hast – denn es gibt vier Milliarden Mädchen und Frauen weltweit –, das ist wirklich schwer zu erklären.“
Gewirkt hat es nur begrenzt: Unter den vier Kandidaten, die sich präsentieren, sind nur zwei Frauen – Michelle Bachelet aus Chile und Rebeca Grynspan aus Costa Rica.
Baerbock hatte Glück, dass Jon Stewart nicht nachfragte, wie sie denn selbst an ihren Job gekommen sei. Denn die Ex-Außenministerin stach eine bereits für die Position gesetzte Karriere-Diplomatin aus, nachdem klar wurde, dass es für sie mit dem Scheitern der Grünen bei der Bundestagswahl mit der Regierung im Allgemeinen und dem Auswärtigen Amt im Besonderen nicht weitergehen würde.
So schlug sich Baerbock auf Englisch
Aber Stewart, der immer wieder versuchte, Baerbock in einen witzigen Schlagabtausch hineinzuziehen, wollte nur wissen, ob er sich bewerben könne und der Job mit einem Tag pro Woche machbar sei. „Nein, das ist ein 24-Stunden-Job“, erwiderte Baerbock streng. Immer wieder geriet die Ex-Politikerin bei ihren Antworten ins langatmige Polit-Dozieren, mit dem spontanen Witz tat sie sich schwer.
Am Ende konnte sie trotzdem zufrieden mit dem rund 18-minütigen Auftritt sein. Trotz einiger kleinerer Fehler schlug sie sich gut auf Englisch – und konnte nebenbei auch noch kräftig für die Vereinten Nationen werben. Für sie sei „glasklar“, dass die Charta der Vereinten Nationen eine „Lebensversicherung für jeden“ sei, sagte sie.
Dafür gab es viel Applaus beim Studiopublikum. Und auch Jon Stewart schien vom Gast aus Deutschland angetan. Er verabschiedete sie ehrfurchtsvoll mit „Madam President“.
Source: stern.de