Vielleicht hält sich das uralte Klischee, wahre Kunst
entstehe nur aus tiefem persönlichen Leid, auch deshalb so hartnäckig, weil es
bisweilen zu stimmen scheint. Dass der vermeintlich durch Melancholie und Gram
inspirierte, gleichwohl geniale Geist in dieser Erzählung fast immer ein
männlicher war, ist nur ein Problem am Mythos des leidenden Künstlers. Dass
existenzielle Erfahrungen zu einer tiefgründigeren Auseinandersetzung mit sich
selbst und den Dingen des Lebens führen können, ist aber dennoch offensichtlich.
Womit man bei Florence Welch ist: Im August 2023 musste sich
die britische Sängerin einer Notoperation unterziehen, nachdem eine
Eileiterschwangerschaft bei ihr zu einer lebensbedrohlichen inneren Blutung
geführt hatte, wie Welch zuerst dem Guardian erzählte. In Interviews zu ihrem
vorangegangenen Album Dance Fever (2022) hatte Welch noch von der Schwierigkeit
gesprochen, sich als weiblicher Popstar, da noch Mitte dreißig, mit Familienplanung zu
befassen. Es gebe in der Musikindustrie keine Elternzeit, und der übliche Zyklus
aus Album und folgender Tournee dauere fünf Jahre – was Mutterschaft für
Musikerinnen automatisch zu einem Karriererisiko mache. Angesichts dessen
wirken die Geschehnisse danach umso schrecklicher.