Eine gewisse Spannung zwischen dem Austragungsort und den Gegenständen des Festivals ist bei den Eventi Letterari auf dem Monte Verità schon öfter entstanden. Ascona, wo vor etwas mehr als hundert Jahren Reformer, Künstler und Spinner ganz neue Lebensweisen ausprobierten, ist heute ein Ziel für gehobenen Tourismus und solchen der Luxusklasse.
Oben auf dem Berg steht, neben teils museal ausgestellten Hütten der damaligen „Licht- und Luftesser“, eines der schönsten Tagungszentren, die man sich denken kann. Wenn hier im Tessiner Vorfrühling Schriftsteller und Publikum aus aller Welt zusammenkommen, geschieht das meist unter großen Oberthemen, die so ziemlich alles erlauben, also etwa „Utopie“, „Odyssee“ oder „Psychogeographie“. Dieses Mal war das Thema die Liebe – genauer gesagt, mit einem Liedtitel des 2016 gestorbenen Sängers Leonard Cohen: „Dance Me To The End Of Love“.
Ein ziemlich witziger Coup
Zu einem solchen Motto ausgerechnet Michel Houllebecq als Headliner einzuladen, dessen literarisches Werk sich, soviel haben wohl auch Nichtleser in den letzten Jahren mitbekommen, oft um degenerierte Formen der Liebe dreht, ist per se schon ein ziemlich witziger Coup. Wenn der notorisch unberechenbare Sonderling dann auch wirklich auftritt (woran manche bis zuletzt zweifelten), ist das ein weiterer.
Er kommt tatsächlich. Plötzlich steht er auf der Terrasse neben blühenden Magnolien und dem Wahnsinnspanorama aus Lago Maggiore und Bergwelt, das einem schon mal die Sprache verschlagen kann. Der literarische Prophet des spätmodernen Niedergangs ist aber ohnehin ein stiller Typ, er trägt wie offenbar immer einen Kapuzenmantel (schläft er wohl auch in diesem?), den er auf der Bühne erst nach etwa einer Stunde umständlichst ausziehen wird, und wirkt in sich gekehrt, hat Tunnelblick.
Und das soll ein literarischer Popstar sein? Für die Gen Z vielleicht schwer vorstellbar, und singen kann er auch nicht, aber trotzdem hat er nach seinem womöglich letzten Roman „Vernichten“ nun wieder ein Musikalbum gemacht, zum zweiten Mal seit „Présence Humaine“ aus dem Jahr 2000. Das neue Werk ist abermals grundiert von flächigem Synth-Pop mit romantischen Harmonien, aber die Musik ist hier eigentlich Nebensache, sie dient nur dazu, seine Sprechstimme gut in Szene zu setzen. Demnächst wird das auch bei Konzerten in Paris geschehen.
Der Mensch, eine ferne Erinnerung?
Aber auch in Ascona erklingen aus den Lautsprechern jetzt Takte davon: „Souvenez-vous de l‘homme“, und wenn es die Leute auch nicht zum Kreischen bringt, dann vielleicht zum Weinen. Denn dass diese Stimme, mit ihrer Wärme und dem ganz leichten Lispeln, etwas sehr Besonderes und Anrührendes hat, ist wohl selbst für Houellebecq-Verächter schwer zu bestreiten. Die neuen Songs beruhen teils auf alten Gedichten, auch sie sind oft Abgesänge. Es geht um Maschinenwelt, um Bürgerkrieg, um das Verschwinden des Menschen, der im Titelstück nur noch eine ferne Erinnerung zu sein scheint.
Tanzen könne er gar nicht, sagt Houellebecq dann im Gespräch mit dem Festivalkurator Stefan Zweifel, er habe sich, wenn überhaupt, früher nur zu den ganz langsamen Liedern bewegt. Auf Fragen zu Leonard Cohen ist er auch nicht vorbereitet, das gibt er unumwunden zu. Und sagt dann aber noch über Cohen, er freue sich, wenn er mal von Menschen höre, die noch pessimistischer seien als er selbst.
Große Fragen lässt er lässig abtropfen
Er habe zugesagt zu kommen, so Houellebecq, als er erfahren habe, dass auf dem Monte Verità einst freie Liebe geübt wurde. Aber wie zum Beweis seines Pessimismus liest er dann auf Französisch zwei Passagen aus seinem frühen Roman „Ausweitung der Kampfzone“ vor, die angesichts der traurigen Figur des Ko-Protagonisten Tisserand belegen, dass der gar nicht die Möglichkeit zur freien Liebe hat, weil alle, denen er sich annähert, die Flucht ergreifen.
Fragen nach größeren literarischen und philosophischen Zusammenhängen lässt Houellebecq zumeist lässig abtropfen: Er habe darauf keine Antwort, sagt er öfter, wenn Stefan Zweifel etwas mit Bataille, Huysmans oder Perec in Verbindung bringen will. Zweifel, der am Nachmittag bei einer anderen Veranstaltung eine halbe Stunde am Stück frei über das Leben Nietzsches assoziiert hat, sieht offenbar die gesamte Kulturgeschichte als Spielwiese dionysischer Kräfte und Wesen, beißt sich aber mit dieser Ansicht an Houellebecq die Zähne aus. Auch das entbehrt nicht einer gewissen Komik, vielleicht war es ja sogar so geplant. „Glauben Sie ernsthaft, dass ich darauf eine Antwort habe?“, fragt Houellebecq einmal zurück, als es darum geht, dass der Mensch vielleicht nicht optimal geschaffen sei.
Um die heikleren Houellebecq-Themen, die sich oft aus einer fragwürdigen identifikatorischen Lektüre seiner Romane ergeben, teils aber auch aus törichten öffentlichen Äußerungen von ihm und zuletzt aus seiner Beteiligung an einem Pornofilm, geht es an diesem Abend weniger. Zumindest indirekt aber berührt der Autor einiger sexuell sehr expliziter Bücher, die zugleich eine tiefe Sehnsucht nach romantischer Liebe ausdrücken, ein ganz zentrales davon: „Scham sollte man beim Schreiben nicht empfinden.“
Was das Ende betrifft, sagt Houllebecq dann noch, er habe sich immer gewünscht, einen Roman mit Happy End zu schreiben – aber es sei ihm bislang leider nicht gelungen.
Source: faz.net