Europa steht vor gigantischen Rüstungsausgaben – und drei großen Problemen

Bis zum Jahr 2030 werden die europäischen Nato-Staaten ihre Rüstungsausgaben auf rund 800 Milliarden Euro pro Jahr erhöhen, 300 Milliarden mehr als aktuell. Zu diesem Ergebnis kommt eine McKinsey-Studie. Sie benennt drei große Herausforderungen für die Europäer.

Die europäischen Nato-Staaten stehen vor dem größten Zuwachs ihrer Rüstungsausgaben seit dem Kalten Krieg. Bis zum Jahr 2030 werden die Verteidigungsausgaben auf rund 800 Milliarden Euro pro Jahr steigen, heißt es in einer Studie der Beratungsgesellschaft McKinsey & Company, die WELT vorab vorlag. Das wären 300 Milliarden Euro mehr als derzeit. Treiber für den Anstieg ist die Einigung der Verbündeten auf den neuen Richtwert von mindestens 3,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes für die Kernausgaben im Verteidigungsbereich und weitere 1,5 Prozent für umfassende Sicherheit bis 2035.

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Die größte Herausforderung ist der Studie zufolge jetzt, diese Investitionen schnell in wirksame Abschreckungsmaßnahmen umzusetzen. Der Schwerpunkt müsse darauf liegen, die industrielle und technologische Basis schnell genug auszubauen, um Fähigkeiten, Einsatzbereitschaft und Widerstandsfähigkeit zu gewährleisten.

Europa stehe vor einer „Eine-Billion-Euro-Herausforderung“ bei der Flexibilisierung und Größe der Verteidigungsstruktur, heißt es. Bis 2030 müsse Europa weit über eine Billion Euro für die Beschaffung von Verteidigungsgütern mobilisieren, um die Einsatzbereitschaft der Streitkräfte wiederherzustellen, Fähigkeiten zu modernisieren und Lagerbestände aufzufüllen. Die Studie umfasst die europäischen 29 Nato-Staaten ohne die Türkei.

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Die derzeitigen europäischen Beschaffungssysteme im Verteidigungsbereich seien angesichts der unsicheren geopolitischen Lage nicht mehr effektiv, lautet ein Fazit der Studie. „Es bedarf grundlegender Reformen, um schnelle Entscheidungen, einen raschen Einsatz und eine nachhaltige Skalierbarkeit zu ermöglichen.“

Der Chef der Airbus-Rüstungssparte, Michael Schöllhorn, nennt in einem Interview in der Studie die Fragmentierung als Kern der Herausforderung in Europa. Es sei bekannt, dass Europa im Durchschnitt fünfmal so viele große Systeme – wie Düsenflugzeuge, Transportflugzeuge, Panzer oder Schiffe – habe wie die Vereinigten Staaten. Dabei werde noch nicht einmal berücksichtigt, dass ein Großteil des europäischen Budgets weiterhin in die Vereinigten Staaten fließt. „Es ist ein positiver Kreislauf für die US-Rüstungsindustrie, der uns in Europa benachteiligt“, erklärt der Airbus-Manager.

Die Berater von McKinsey fordern eine gezielte Konsolidierung der Rüstungsbranche, besonders auf der Zulieferseite. Damit könnten jedes Jahr neun Milliarden Euro eingespart werden.

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Als Beleg für die Fragmentierung werden die zahlreichen Waffenversionen in den europäischen Nato-Staaten im Vergleich zu den USA aufgeführt. So gibt es in Europa 14 schwere Kampfpanzertypen – aber nur ein US-Modell. Bei den großen Artilleriesystemen sind 22 Modelle in Europa vertreten und zwei Typen in den USA. Bei taktischen Kampfflugzeugen werden für Europa 15 Modelle und acht in den USA aufgelistet. Insgesamt wird ein Verhältnis von 40 US-Waffensystemen zu 171 in den europäischen Nato-Staaten genannt.

Drei Herausforderungen für Europa

Moderne Kriegsführung erfordere bezahlbare, modulare und in hoher Stückzahl verfügbare Systeme und nicht ausschließlich maßgeschneiderte, hochkomplexe Einzelplattformen, analysieren die McKinsey-Experten. Dies kann als Kritik an den sogenannten Goldrandlösungen bei den früheren Beschaffungen der Bundeswehr gewertet werden.

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Die Rüstungsbeschaffung in Europa stehe vor den drei Herausforderungen: Geschwindigkeit, Kosten und Relevanz. Die Beschaffungszyklen für wichtige Fähigkeiten seien objektiv gesehen sehr lang, heißt es in der Studie. Weit über die Hälfte der großen Verteidigungsprogramme in Europa überschreiten die Fristen in der Regel um 20 bis 50 Prozent, während die durchschnittliche Zeit bis zum Vertragsabschluss auf zwei bis vier Jahre geschätzt wird.

Bei über der Hälfte der Beschaffungsvorhaben sind die Kosten um etwa 20 bis 40 Prozent höher als ursprünglich geplant. Selbst wenn Programme termingerecht und innerhalb des Budgets geliefert werden, können sie bei ihrer Ankunft bereits veraltet sein.

Wie glänzend die Aussichten für die Rüstungsindustrie bei den steigenden Budgets sind, wird an den Aktienkursen der börsennotierten Unternehmen der Branche deutlich. Die Studie nennt einen Anstieg des Branchenindex von 401 Prozent seit 2022. Damit hätten die europäischen Verteidigungsunternehmen andere Branchenindizes deutlich übertroffen.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Gerhard Hegmann ist freier Wirtschaftsredakteur und berichtet seit Jahrzehnten insbesondere über die Rüstungs- und Raumfahrtindustrie.

Source: welt.de

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