Euronext Brussels: Die Brüsseler Handelsplatz erwartet von neuem ein gutes Jahr

Normalerweise fahren die Belgier gut damit, sich politisch im Schatten ihrer Nachbarn zu verstecken, nötigenfalls zwischen diesen zu vermitteln und dem Ruf gerecht zu werden, gute Europäer zu sein. Ökonomisch passt zu dieser Unauffälligkeit, dass Belgien zwischen 2025 und 2027 Wachstumsraten von 1,0 bis 1,3 Prozent aufweisen dürfte. Damit schneidet das Land besser ab als die drei großen Volkswirtschaften Deutschland, Frankreich und Italien, liegt aber unterhalb des Euroraum-Durchschnitts.

Der strahlende Erfolg von Belgiens Regierungschef Bart De Wever im Streit um die Finanzierung der europäischen Ukraine-Hilfe auf dem EU-Gipfel kurz vor Weihnachten ließ Belgien nicht nur aus dem politischen Schatten treten. Der Grund des Streits, die in Belgien lagernden Guthaben der russischen Zentralbank, warf auch ein Schlaglicht auf die Bedeutung Belgiens als Finanzstandort.

Damit ist nicht die Brüsseler Börse gemeint, die im Euronext-Börsenverbund nicht gerade zu den Schwergewichten gehört, sondern der sonst ebenfalls meist im Verborgenen agierende Zentralverwahrer Euroclear, bei dem der Hauptanteil der russischen Guthaben bis heute lagert.

Euroclear wäre im Fall einer ursprünglich vor allem von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) befürworteten Nutzung der russischen Guthaben für die Ukraine-Hilfe einem besonders großen Risiko ausgesetzt gewesen. Deshalb wehrte sich De Wever so vehement gegen dieses Vorhaben, und er wurde darin – ungewöhnlich genug – von allen politischen Kräften Belgiens unterstützt.

Wichtige belgische Finanzdienstleister

Euroclear ist einer der größten Verwahrer von Wertpapieren der Welt; das ist auch der Grund, weshalb die russischen Papiere dort lagern. Das Unternehmen ist zudem generell mit dem Kauf oder Verkauf von Wertpapieren und deren Abwicklung betraut. Und Belgien beherbergt noch einen zweiten, nicht weniger diskret agierenden Finanzdienstleister, das Finanzdatennetzwerk Swift . Das Unternehmen wickelt fast den ganzen Zahlungsverkehr in der EU ab.

Euroclear und Swift ist gemeinsam, dass sie weitgehend unabhängig und neutral agieren. Die Unabhängigkeit von den Interessen einzelner Finanzplätze oder Finanzmarktakteure ist eine wichtige Voraussetzung ihrer Geschäftstätigkeit und dürfte auch der Grund sein, warum die beiden Unternehmen ihren Sitz in Brüssel haben. Als sie 1968 (Euroclear) und 1973 (Swift) gegründet wurden, galt Belgien als politisch neutral und stabil. Das war auch der wichtigste Grund, warum die zentralen Institutionen der damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) sowie die NATO Brüssel als Standort auswählten.

BEL-20 erstmals über 5000 Punkte

Die Börse der belgischen Hauptstadt gehört zur Euronext-Gruppe, die mit sieben Standorten, deren bei Weitem größte Paris und Amsterdam sind, der umfangreichste Börsenverbund Europas ist. Der die 20 wichtigsten belgischen Unternehmen umfassende Brüsseler Leitindex BEL-20, der lange Zeit mit der Dynamik anderer europäischer Märkte nicht mithalten konnte, hat im Jahresvergleich um 25 Prozent zugelegt. Erstmals kletterte er 2025 über die 5000-Punkte-Marke.

Im neuen Jahr hat der Index die Richtung beibehalten. Am 16. Januar erreichte er mit 5357 Punkten ein neues Allzeithoch. Am Dienstagnachmittag lag er mit rund 5347 Punkten nicht wesentlich darunter. Die gesamte Marktkapitalisierung aller 115 an der Brüsseler Börse gelisteten Unternehmen erreichte zum Jahreswechsel mit knapp 400 Milliarden Euro ebenfalls ein neues Allzeithoch.

Fast nur Gewinner

Das vergangene Jahr kannte fast nur Gewinner, über alle Branchen hinweg. Am stärksten (im Jahresvergleich um fast 109 Prozent) legte die Aktie des Werkstoff- und Recyclingkonzerns Umicore zu, gefolgt vom Netzbetreiber Elia (plus 98 Prozent), dem Immobilienentwickler Cofinimmo (plus 65 Prozent) und dem Finanzkonzern KBC (plus 57 Prozent). Letzterer ist mit einer Marktkapitalisierung von rund 49 Milliarden Euro das drittgrößte Unternehmen im BEL-20.

Auch das traditionelle Schwergewicht im Index, der weltgrößte Bierkonzern AB Inbev, dessen Marktkapitalisierung gut 100 Milliarden Euro beträgt, hat sich vor allem in den vergangenen Monaten besser entwickelt als in all den Jahren seit der Pandemie. Seit Anfang August, als die Aktie des Unternehmens nur noch auf knapp 50 Euro lag, hat sie sich auf 58, Euro verbessert. Analysten wie Sanjeet Aujla von der UBS erwarten ein weiteres Plus. Die Schweizer Bank hob das Kursziel für das AB-Inbev-Papier kürzlich von 68 auf 71 Euro an.

Das Plus gründet nicht auf übertriebenen Erwartungen

Der Chef von Euronext Brussels, Benoît Van den Hove, erwartet keine schnelle Korrektur der Aufwärtsentwicklung. „Wir sind vorsichtig optimistisch“, sagte er kürzlich der Nachrichtenagentur Belga. Die Kursentwicklung gründe auf soliden Fundamentaldaten der Unternehmen und nicht auf übertriebenen Erwartungen. Er rechne deshalb abermals mit einem guten Jahr, sagte der Börsenchef.

Verhaltener Optimismus für die Brüsseler Börse prägt auch die Erwartungen der Analysten. Das Portal Guruwatch.nl, das Empfehlungen der vergangenen Wochen auswertet, weist nur für den Brüsseler Chemiekonzern Solvay mehr Verkaufs- als Kaufempfehlungen aus, ansonsten raten die Analysten überwiegend zum Kauf der Bel-20-Papiere. Besonderes Potential sehen sie beim Antwerpener Spezialchemikalienhersteller Azelis , der dem Leitindex erst seit 2024 angehört und dessen Aktie im vergangenen Jahr als eine der wenigen erheblich an Wert verloren hat.

Source: faz.net