Der größte Sprengstoff findet sich in Absatz sieben der zweiten Pressemitteilung, die der deutsche Fondsverband BVI am Dienstag verschickt hat. Neben hervorragenden Branchenzahlen für das Jahr 2025 und üblichen Plädoyers für mehr Fonds in der Altersvorsorge und weniger Regulierung wagt der Verband mit verwalteten Vermögen von rekordhohen fast fünf Billionen Euro im Rücken eine öffentliche Attacke gegen die Deutsche Börse. Demnach macht sich der BVI für „eine europäische Indexfamilie“ stark und schlägt auch gleich einen Namen vor: European All Shares Index Family, abgekürzt EUASIF.
Nun gibt es auf der Welt viele Tausend Indizes. MSCI, FTSE und S&P bieten globale Abdeckung. Und auch Europa hat in diesem Bereich nicht geschlafen und stellt mit der Deutsche-Börse-Gesellschaft Stoxx einen auf Europa fokussierten großen Indexanbieter, der durchaus für sich in Anspruch nimmt, Europa breit abzudecken. 18.000 Indizes kommen allein von Stoxx, die erfolgreichsten sind Euro Stoxx, Stoxx Europe und Dax.
Ein Index für alle EU-Unternehmen
Der BVI wünscht sich ein „Gesicht“ für die Kapitalmarktunion und insbesondere eine bessere Sichtbarkeit von kleineren sowie mittelgroßen börsennotierten Unternehmen. „Die EUASIF sollte alle in der EU börsennotierten Aktien abdecken und Teilindizes für einzelne Länder, Regionen und Sektoren ermöglichen“, heißt es. Gerade Osteuropa komme in den bestehenden Indizes zu kurz.
Der Vorschlag des BVI ist brisant. Der BVI ist die Stimme der Fondsbranche in Deutschland, zu dessen Mitgliedern auch die großen Anbieter börsengehandelter Indexfonds gehören wie Blackrock mit der Marke iShares, DWS mit db X-Trackers und Amundi (inklusive der früheren Lyxor). Diese sind mit ihren ETF die größten Kunden von Stoxx und ärgern sich offensichtlich über die Indexgebühren der bisherigen Anbieter. Auf Nachfrage fällt in der Branche als Wunsch für die neuen Indizes das Stichwort „kosteneffizient“. Die Belastung der Marktteilnehmer solle minimiert werden. „Positive Zweitrundeneffekte“ durch die neuen Indizes werden in Aussicht gestellt, zum Beispiel verstärkte Börsennotierungen von Unternehmen und neue Finanzprodukte.
Aktuell betragen die Gebühren für ETF auf den 600 Titel umfassenden Stoxx 600 bei Amundi und db X-Trackers sieben Tausendstel im Jahr, also 0,07 Prozent. Dennoch sind die Gebühren der Deutschen Börse für Marktdaten, also insbesondere ihrer Aktienkurse und für die Nutzung ihrer Indizes, schon lange ein Ärgernis vieler Finanzmarktteilnehmer. Ausdrücklich ausformuliert hatten dies bisher vor allem Unternehmen aus der Zertifikatebranche, wie Deutsche Bank und Commerzbank, die vor einigen Jahren zusammen mit dem Frankfurter Indexanbieter Solactive und der Baader Bank nach Alternativen suchte, dabei auch den F.A.Z.-Index nutzte, letztlich aber an der Marktmacht der Deutschen Börse scheiterte. Solactive hat sich dennoch gut entwickelt und als Indexanbieter etabliert, auch wenn es wettbewerbsrechtlich bisher keinen Erfolg hatte gegen die Börse und deren oft als zu marktmächtig kritisierte Stellung als Marktdatenanbieter.
Kritik an mehreren EU-Vorhaben
Der BVI stellt die Initiative nun unter die Überschrift einer besseren Finanzierung der EU-Wirtschaft. „Eine EU-Indexfamilie kann helfen, Kapital in Europa zu halten und hierher zu lenken“, sagt Thomas Richter, Hauptgeschäftsführer des BVI. Sichtbarkeit, Vergleichbarkeit und Transparenz aller börsennotierten Unternehmen in der EU sollen verbessert und damit die Marktintegrität gestärkt werden.
Gut für Europa wäre es aus BVI-Sicht auch, ließe die EU ihr „Open-Finance“-Projekt fallen, mit dem die EU den Zugriff auf Finanzdaten durch Dritte erleichtern wolle, was aber letztlich dazu führe, dass die wertvollen Daten aus dem europäischen Finanzvertrieb an die großen US-Techkonzerne fielen. Ebenso plädiert der BVI dafür, das neueste EU-Projekt einer grenzüberschreitenden Zentralisierung der Aufsicht von Assetmanagern umgehend zu beenden. Doppelstrukturen, Mehrfachmeldungen und Hunderte neue EU-Beamte seien nicht die richtige Antwort, sondern weniger Regelungsflut und eine bessere Zusammenarbeit der Pariser Finanzaufsicht ESMA mit den Aufsehern in den einzelnen Ländern, sagt der BVI.
Mehr Fondsmanager nach Deutschland holen
Für den deutschen Markt mahnt der Fondsverband an, die Steuerregeln derart zu klären, dass Kirchen und Stiftungen bedenkenlos auch in Deutschland arbeitenden Fondsmanagern ihr Geld anvertrauen können, ohne Gefahr zu laufen, ihre Steuervorteile zu verlieren. Die aktuelle Situation führe dazu, dass die große Mehrheit der Fondsmanager von London oder Paris aus arbeite, was Einfluss auf ihre Anlageentscheidungen zum Nachteil Deutschlands habe. Auch Luxemburg, die Schweiz und längst auch Italien böten bessere Bedingungen.
Die Vorhaben der Bundesregierung, „Riester“ zu reformieren und dabei auf Garantien und lebenslange Verrentungsvorgaben zu verzichten, werden ebenso gelobt wie die geplante Frühstart-Rente für Kinder, die möglichst breit angelegt und mit dem Altersvorsorgedepot verknüpft werden sollte. Wie in Schweden müsse aber auch in der deutschen gesetzlichen Rente möglichst bald der Einstieg in die Kapitaldeckung erfolgen.
Auch schon vor den Reformen nutzen immer mehr deutsche Anleger Fonds. Privatanleger investierten im Jahr 2025 netto 86 Milliarden Euro neu in Fonds, das zweitbeste Jahr der Geschichte nach dem Jahr 2021 (117 Milliarden Euro) und noch vor dem Jahr 2000 (75 Milliarden Euro). Der größte Teil floss in Aktienfonds. Von den Zuflüssen von 52 Milliarden Euro entfielen knapp 46 Milliarden Euro auf ETF und nur gut sechs Milliarden Euro auf die teureren aktiv gemanagten Fonds. Erstmals konnte der BVI in Zusammenarbeit mit dem Zentralverwahrer Clearstream eine Übersicht über die ETF-Bestände in Deutschland liefern: Gut ein Viertel des Publikums-Fondsvermögens liegt mittlerweile in ETF. Im Aktienbereich ist es fast die Hälfte, gut 400 Milliarden Euro. Insgesamt verwaltet die Branche 4851 Milliarden Euro, 380 Milliarden Euro mehr als ein Jahr zuvor. Sie bleibt der wichtigste Partner in Sachen langfristiger Altersvorsorge: Versicherer stecken 536 Milliarden Euro in Fonds, andere Altersvorsorgeeinrichtungen wie Versorgungswerke 813 Milliarden Euro.
Source: faz.net