Estlands Bildungsministerin: „Im Klassenzimmer wird KI nicht viel zum Einsatz kommen“

Frau Kallas, Estland hat im vergangenen September als eines der ersten Länder auf Bildungszwecke angepasste ChatGPT-Lizenzen an seine Lehrer verteilt, jetzt erhalten auch die Schüler solche Zugänge zu ChatGPT. Was wollen Sie damit erreichen?

Wir wissen noch nicht sehr viel darüber, wie Künstliche Intelligenz das Lernen beeinflussen wird. Aber es ist wissenschaftlicher Konsens, was passiert, wenn wir nichts unternehmen: Dann wird die kommende Generation Denkaufgaben in si­gnifikantem Ausmaß an die KI übertragen und über weniger Wissen, Analysefähigkeiten und Fertigkeiten zum kritischen Denken verfügen. Sie wird ihr eigenes Lernen durch maschinelles Lernen ersetzen. Und die Hausaufgaben wird die KI erledigen. Natürlich nutzen Schüler die Technik schon heute. Wir können das akzeptieren und an Schulen weiter so unterrichten wie die vergangenen 200 Jahre. Oder wir gestalten den Lernprozess komplett neu.

Und das geht mit ChatGPT-Lizenzen?

Der Kern unseres Programms besteht nicht darin, einfach ChatGPT-Lizenzen zu verteilen, sondern das Lernen neu zu gestalten. Das heißt, dass Lehrer ihre Unterrichtsweise umstellen müssen. Sie müssen neue Arten von Aufgaben verteilen. Und Schüler müssen lernen, wie sie mit der KI zusammen lernen können.

Viele Lehrer fragen sich momentan, wie sie KI auf eine Art einbinden können, die dem Lernprozess der Schüler langfristig hilft und ihm nicht schadet. Sie haben Ihre Lehrer für die neue KI-Welt geschult. Was haben Sie ihnen mitgegeben?

Wir haben die Lehrer nicht einfach nur darin geschult, wie sie einen KI-Chatbot benutzen. Es ging um tiefer liegende Kompetenzen rund um das Thema: Wie funktioniert die KI? Welche Verzerrungen produziert sie? Welche ethischen Fragen ergeben sich aus dem Einsatz von KI? Die meisten Lehrer wurden also in diesen KI-Grundlagen geschult. Es braucht zudem Grundlagen in kognitiver Psychologie, um zu verstehen, wie Menschen lernen und wie sich dieser Prozess je nach Altersklasse unterscheidet. Und dann haben in Estland die meisten Schulen einen Edtech-Lehrer, der jeweils deutlich intensiver geschult wurde und sich auch konstant weiterbildet.

Das müssen Sie erklären.

Edtech steht für Bildungstechnologien. Wir ernennen in Estland seit 20 Jahren pro Schule einen Lehrer, der dafür verantwortlich ist, auf dem neusten Stand der Technik und ihrer Rolle in der Bildung zu bleiben. Diese Lehrer helfen anderen Lehrern im Umgang mit Technik und machen Tech-Projekte mit Schülern. Die Edtech-Lehrer haben auch die Einführung der ChatGPT-Lizenzen an ihren Schulen organisiert und überprüfen in Gruppentreffen mit den anderen Lehrern, wie der Einsatz der KI läuft und welche Auswirkungen spürbar sind.

Wie ist die bisherige Resonanz?

Manche Lehrer nutzen KI sehr intensiv im Klassenzimmer, andere haben es vielleicht nur einmal genutzt. Es ist letzten Endes die Entscheidung der Lehrkraft und nicht die des Bildungsministeriums. Wir können nur die Werkzeuge und Kompetenzen an die Hand geben.

In Deutschland hätten viele Lehrer womöglich überhaupt keine Lust, sich jetzt schon wieder mit einer technischen Neuerung herumzuschlagen. Ist das bei Ihnen kein Thema?

Wahrscheinlich denken auch viele estnische Lehrer: Jetzt muss ich wieder den kompletten Lernprozess umstellen, nachdem Covid 2020 schon alles durcheinandergewirbelt hat. Viele Lehrer beschweren sich, dass sie überarbeitet sind, und fragen, warum sie ständig alles ändern müssen. Man muss auch ein wenig Druck machen auf die Lehrer und ihnen sagen: Das ist ein Teil eurer Jobbeschreibung.

Estland gilt als hochdigitalisiertes Land, alle grundlegenden Verwaltungsprozesse sind digitalisiert. Hilft das auch bei der Einführung neuer Technologien, wie jetzt KI?

Natürlich. Die Esten wählen online, sie heiraten online, sie melden die Geburt eines Kindes online und geben ihre Steuern online ab. Sie sind weniger skeptisch gegenüber neuen Technologien, weil sie positive Erfahrungen mit der Digitalisierung gemacht haben. Als wir 1996 mit dem Programm „Tiger Leap“ Computerunterricht und Internet an Schulen eingeführt haben, war der Widerstand noch größer. Die Sorge war, dass die Schüler während des Unterrichts nur Computerspiele spielen, im Internet surfen und dumm werden.

Kristina Kallas auf der Digitalkonferenz DLD in MünchenPicture Alliance

Das Programm war eine große Erfolgsgeschichte. Denn genau die Jugendlichen, die während des Computerunterrichts Spiele spielten, gründeten später Tech-Unternehmen wie Skype oder Wise.

Sie haben davon gesprochen, den Lernprozess wegen KI grundlegend neu zu gestalten. Was meinen Sie damit?

Die OECD hat schon 2017 festgestellt, dass die sprachlichen und mathematischen Fähigkeiten von zwei Dritteln der europäischen Arbeitnehmer innerhalb der OECD auf einem Level mit denen von Computern waren. Bislang wurden in der Schule hauptsächlich Denkfähigkeiten niedrigerer Ordnung beigebracht. Es ging darum, Dinge auswendig zu lernen, um Wissen zu aggregieren; dieses Wissen zu verstehen und dann anwenden zu können. Und weil die Welt sich schnell weiterentwickelt, stellt man schnell fest, dass sein Wissen nicht ausreicht. Deshalb muss man sich nach der Schule weiterbilden, um sein Wissen auf den neusten Stand zu bringen. Aber durch KI wird dieser Prozess nicht mehr funktionieren. Die KI kann dir das gesamte in zwölf Jahren erlernte Schulwissen in 15 Sekunden ausspucken.

Und jetzt? Können wir uns die Schule komplett sparen?

Nein, aber die bisherige Art der Wissensvermittlung reicht nicht mehr aus. Natürlich braucht es immer noch Grundwissen. Schüler müssen multiplizieren können und wissen, wann der Zweite Weltkrieg begonnen hat. Denn sonst können sie nicht kontrollieren, ob die KI korrekte Informationen bereitstellt oder nicht. Aber Schulen müssen es in Zukunft auch schaffen, dass Schüler sie zusätzlich mit Denkfähigkeiten höherer Ordnung verlassen: analytisches Denken, kreatives Denken, die Bewertung ethischer Fragen. Das reine Wissenspaket aus der Schule reicht nicht. Wer die Schule verlässt, muss es schaffen, sich neues Wissen in neuen Situationen aneignen zu können. Ansonsten ist man in der modernen Welt und im Übrigen auch für den Arbeitsmarkt verloren.

Was bedeutet dieser Paradigmenwechsel in der Schule für Lehrkräfte in der Praxis?

Lehrer bekommen an der Universität beigebracht, dass die von ihnen verteilten Aufgaben auf ein bestimmtes Lernziel hinarbeiten müssen. Bisher war dieses Lernziel meist, sich bestimmtes Wissen anzueignen, und das wurde dann in einem Test kontrolliert. Jetzt ändert sich das Lernziel, und damit müssen sich auch die Aufgabenstellungen so ändern, dass die Schüler bei ihrer Erledigung auf analytisches Denken zurückgreifen müssen. KI-Assistenten können übrigens eine kluge Art sein, Schüler zum analytischen Denken anzuregen.

Wie kann der Einsatz von KI durch Lehrer denn aussehen?

Eine der wichtigsten Kompetenzen in der Nutzung von KI ist das Prompting . . .

Also die präzise Formulierung von Anweisungen an die Künstliche Intelligenz.

. . . genau. Nehmen wir an, eine Lehrerin bereitet Zehntklässler auf einen Physiktest vor. Dann kann sie den Schülern auch ein Prompt-Skript nach Hause mitgeben und ihnen sagen, bitte diskutiert die Inhalte des Tests mit ChatGPT. Früher haben Lehrer Testfragen vorbereitet, die Schüler haben sie zu Hause auswendig gelernt, und dann wurden sie in der Schule abgefragt. Heute sollen die Schüler keine Testfragen auswendig lernen, sondern durch die Interaktion mit der KI lernen. Die Antworten der KI werden dann in der Schule diskutiert. Im Literaturunterricht kann man die Schüler die ethischen Aspekte einer Figur mit der KI diskutieren lassen. Die KI kennt höchstwahrscheinlich die Werke und ihre Interpretationen sehr gut. Die dabei entstehenden Dialoge zwischen KI und Schüler lassen sich dann im Unterricht gemeinsam analysieren.

Funktioniert das in allen Fächern?

Das lässt sich auf andere Fächer übertragen, selbst auf den Sportunterricht. KI kann dabei helfen, ein personalisiertes Trainingsprogramm zu erstellen, seine Stärke oder seinen Blutdruck zu analysieren und zu verstehen, wie sein Körper funktioniert. Das erfordert viel komplexere kognitive Fähigkeiten, als wenn der Sportlehrer einfach sagt: Bitte rennt von A nach B. So genutzt kann KI zu einem tieferen Verständnis von Themen beitragen und analytische Denkfähigkeiten fördern.

Die KI liegt heute immer wieder falsch. Wie bringen Sie den Schülern bei, die Ergebnisse zu hinterfragen und nicht unkritisch zu übernehmen?

Die Lehrer müssen den Schülern beibringen, kritisch zu denken und alles zu hinterfragen. Sie müssen die Argumentationslinie hinter einer KI-Antwort analysieren und die Quellen überprüfen können. Diese Art von kritischem Denken hat die Generation meiner Eltern übrigens nie in der Schule gelernt. Sie sind im Bildungssystem der Sowjetunion aufgewachsen, wo Denken nicht erwünscht war. Da ging es hauptsächlich darum, eine Ideologie zu verinnerlichen. Und deshalb sehen wir, dass diese Generation heute sehr leicht durch soziale Medien und Fake News zu manipulieren ist.

Sie haben mal gesagt, dass digitale Lernmittel im Klassenzimmer keinen Platz haben sollten, sondern nur zu Hause zum Einsatz kommen sollten. Da ging es zum Beispiel um iPads und dass Schüler besser lernen, wenn sie mit Stift und Papier schreiben. Widerspricht das nicht Ihrem neuen KI-Ansatz?

Ich denke nicht, dass die KI viel im Klassenzimmer zum Einsatz kommen wird. Das ist der Raum für menschliche Interaktion, Gruppenarbeit oder Analyse. KI ist vor allem für die Einzelarbeit hilfreich, als Lernassistent. Nicht als reiner Wissenslieferant, sondern weil sie dabei hilft, die Gedanken zu strukturieren. Am Ende müssen die Lehrer entscheiden, wie und wo sie die KI einsetzen und wo der Lernprozess besser ohne die KI funktioniert.

Sie wollen also keinen KI-Einsatz um der KI willen.

Nein, unser Programm ist pädagogikgetrieben. Die Lehrer sind am Ruder, nicht die KI. Es wäre gefährlich, Schülern die Technologie hinzuwerfen, ohne dass Lehrer kontrollieren, wie, wann und warum sie genutzt wird. Diesen Fehler haben viele Bildungssysteme schon bei früheren Digitalisierungsbemühungen in der Bildung gemacht: Sie schreiben Lehrern vor, eine bestimmte Technologie für bestimmte Arten von Aufgaben zu verwenden. Das halte ich nicht für zielführend.

Wer Lehrern alles Mögliche vorschreibt und sie stark limitiert, degradiert sie zu Büroassistenten: Sie kommen ins Klassenzimmer, befolgen genau die Instruktionen, verlassen das Klassenzimmer wieder und sagen: Der Job ist erledigt. Das hat mit echter Lehre nichts zu tun. So ein Vorgehen führt zu fehlender Disziplin im Klassenzimmer, weil die Lehrer keine Autorität oder eigenen Handlungsspielraum mehr haben. Sie müssen die Anweisungen von Politikern befolgen, die diese spezifische Klasse noch nie gesehen haben und keinen Schimmer haben, wer diese Kinder sind. Das weiß nur der Lehrer vor Ort. Nicht jede Klasse ist gleich. Wir bilden Lehrer fünf Jahre lang an der Universität bis zum Master aus, und dann vertrauen wir ihnen nicht. Wir sollten den Lehrern die Werkzeuge und Kompetenzen für KI an die Hand geben und sie dann entscheiden lassen, was sie pädagogisch in der jeweiligen Klasse als sinnvoll erachten.

Reden Sie auch mit Ihren Kollegen in Deutschland über die Digitalisierung des Bildungssektors?

Ja, wir tauschen uns auf europäischer Ebene aus. Leider drehen sich die meisten Diskussionen darum, Smartphones an Schulen zu verbieten. Und an dieser Diskussion habe ich überhaupt kein Interesse. Das lenkt nur von der eigentlichen Frage ab.

Die da wäre?

Die richtige Frage ist nicht, ob Schüler ihr Smartphone ins Klassenzimmer bringen, sondern was sie damit anstellen. Was soll schlecht daran sein, im Unterricht Social-Media-Posts zu analysieren? Wenn die Smartphones nicht benötigt werden, müssen sie natürlich in die Tasche. Das müssen Lehrer dann durchsetzen.

Was halten Sie von einem Social-Media-Verbot für Jugendliche nach australischem Vorbild?

Auch das halte ich für einen falschen Fokus. Natürlich haben soziale Medien negative Auswirkungen auf Jugendliche. Aber ich erinnere mich aus Zeiten der sowjetischen Besatzung noch sehr gut daran, was Verbote mit Teenagern anstellen. Sie werden sehr angeregt, einen Weg zu finden, das Verbot zu umgehen.

Ähnlich wie soziale Medien nutzen Kinder und Jugendliche KI nicht nur im Unterrichtskontext, sondern auch privat. In einigen Fällen haben KI-Chatbots Jugendliche zum Suizid ermuntert. Wie gehen Sie mit diesen Risiken um?

Ja, solche Fälle hat es gegeben. Als der Mensch das Messer erfunden hat, hat sich die menschliche Lebensqualität über die Zeit deutlich verbessert. Die Menschen konnten mit Messern und Sägen viel stabilere Hütten bauen. Aber sie konnten natürlich auch andere Menschen mit einem Messer umbringen. Es geht nicht um das Messer, sondern um die Art, wie man es benutzt. Für Technologie gilt dasselbe. Sie wird auch für Verbrechen genutzt werden. Dagegen müssen wir als Gesellschaft ankämpfen – in einem ersten Schritt, indem wir Aufmerksamkeit für die Risiken der KI-Nutzung schaffen. Menschen müssen darin geschult werden, die Technologie möglichst risikoarm zu nutzen. Und am Ende braucht es wie im Falle von Waffen auch Regulierung.

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