Esther Schüttpelzʼ Roman: Du musst nur die Fahrtrichtung ändern

Spätestens nach der Sache mit dem Reh weiß Amy, dass sie so nicht mehr weitermachen kann. Das Tier springt ihr auf der Landstraße vor den metallicblauen Golf-Kombi und überlebt die Kollision nicht. Etwas ist geschehen, das Konsequenzen hat, für das Tier sowieso, aber auch für sie selbst. Unter allen Möglichkeiten wählt Amy diejenige, die ihr keine sofortige Entscheidung abverlangt und besonders keine Interaktion mit anderen Menschen – zum Beispiel dem zuständigen Förster. Also hievt sie den noch warmen Kadaver in den Kofferraum, steigt ins Auto und fährt erst einmal weiter.

Dass es damit nicht getan ist, liegt in der Natur der Sache, und „Grüne Welle“, der zweite Roman der Schriftstellerin und Juristin Esther Schüttpelz, lebt aus genau diesem Spannungsverhältnis zwischen dem Gewohnten und dem Verstörenden, was hier heißt: einer eigentlich unspektakulären Autofahrt und der unerhörten Begebenheit einer solchen Karambolage, die der Fahrerin die Sorge um das tote Reh und dessen Verbleib aufbürdet.

Und wo kann sie das Reh wieder loswerden?

Dabei sind schon am Anfang des Romans die Routine und der Ausbruch daraus beiläufig miteinander verschränkt. Amy besucht regelmäßig ihre Freundin in einer wenig entfernten Stadt, um mit ihr am Abend ins Kino zu gehen. Anschließend fährt sie zurück. Diesmal ist eine Baustelle samt Umleitung im Weg, sie findet den richtigen Weg zur Autobahn nicht, gerät auf eine Landstraße, versucht sich erfolglos zu orientieren und fährt immer weiter durch die Nacht, den frühen Morgen und den ganzen folgenden Tag.

Esther Schüttpelz: „Grüne Welle“. Roman.Verlag

Das ist kein ganz neuer Rahmen für das, was er enthält, aber er erweist sich als glänzend gewählt: Amy konfrontiert sich selbst gegen ihren Willen und umso unabweislicher mit dem Leben, das sie führt, ihrer Ehe mit einem Juristen, der sich vor Jahren in die aufstrebende junge Künstlerin verliebte und nun kinderlos mit ihr lebt, und mit ihrer Arbeit, die sie zäh und ohne große Resonanz verrichtet. Schüttpelz bringt das Kunststück fertig, bei ihren Lesern keine große Sympathie für Amy aufkommen zu lassen, aber dafür umso größeres Interesse. Denn während sie fährt und fährt, beschäftigt mit naheliegenden Fragen wie der nach Benzin für den Tank, Nahrung für sich und einem Ort, an dem sie das Reh loswerden kann, stellen sich die größeren nach und nach bis hin zu der unausgesprochenen: Will sie so weitermachen wie bisher?

Es sind die Gegensätze, die den Roman prägen und seine untergründige Spannung hervorrufen. Amys Auto legt viele Kilometer zurück, während seine Fahrerin an ihrem Platz bleibt, so wie ihre Laufbahn als Künstlerin immer weitergeht, ohne dass sie selbst damit weiterkommt. Sie sieht sich gespiegelt in den beiden jungen Anhalterinnen, die sie an einer Tankstelle aufgabelt und die ihr von ihrem geplanten Kunststudium erzählen, während sie sich trotz dieser gemeinsamen Berufswahl den jungen Frauen so fern fühlt wie nur möglich.

Warum ist sie so hoffnungslos desinteressiert?

Schüttpelz’ Erzählerin besieht ihr Terrain und ihre Protagonisten aus großem Abstand: „Eine Frau, deren Alter sich in der Dunkelheit schlecht bestimmen ließ“, so fängt der Roman an, der so lange keinen Namen für die Hauptperson hat, wie die sich nicht selbst nennt: „Amy“, so heiße sie, teilt sie ihren Anhalterinnen mit. Und bis zum Ende bleibt der Blick distanziert, kühl und analytisch: „Wer die zwei Frauen in diesem Moment beobachtet hätte, der hätte sich nichts weiter gedacht“, ist der letzte Satz des Romans.

Natürlich verleiht Schüttpelz ihrer Amy – wenn das denn ihr wirklicher Name ist – im Verlauf des kurzen Romans dennoch Konturen, auch wenn diese vage und nicht immer in sich stimmig sind. Eine wichtige Rolle nimmt ihre Freundin dabei ein, die sich auf die Suche nach ihr begibt, weil der Mann der Künstlerin sich bei ihr nach deren Verbleib erkundigt, da sie nach dem Kinobesuch nicht nach Hause gekommen ist. Die Freundin fährt ihrerseits zielgerichtet in die Siedlung, in der Amy mit ihrem Juristen wohnt, sie besichtigt das so wohlhabende wie trostlose Umfeld der beiden und trifft Amys Mann schließlich in einem Café, wo sie mit ihm atemberaubend schnell eine Flasche Wein leert, immer sezierend beobachtet von der Erzählerin, die alles sieht und das Bewerten uns überlässt.

Es ist kein schmeichelhaftes Licht, in das sie ihre Protagonisten stellt, aber sie ist auch aufmerksam für den Versuch, der schlaffen Misere etwas entgegenzustellen. Das überträgt sich mühelos. Wie kommt es, fragt man sich, dass Amy so hoffnungslos desinteressiert ist an den Menschen, mit denen sie zu tun hat, und mehr noch an ihrem eigenen Dasein? Warum erinnert sie sich nach und nach an ihre verschütteten Ambitionen, ohne den Impuls, den U-Turn, den ihr Auto ganz zu Beginn notgedrungen macht, freiwillig auf ihr Leben zu übertragen? Woher diese immer wache Bereitschaft, andere zu irritieren, soweit sie das zulassen wie die beiden Anhalterinnen, die zwischen Faszination und Befremden schwanken? Und warum kneift sie beide Augen fest zu, wenn es um die Frage geht, was sie von ihrem Mann noch alles aushalten wird?

Am Ende fährt sie einen ausgedehnten Kreis und landet dort, wo sie fast 24 Stunden zuvor losgefahren ist. Wenigstens räumlich, gedanklich ist sie offensichtlich weitergekommen. Welchen Anteil daran ein Entschluss von ihrer Seite hat und was dem Zufall – das Handy ohne Strom, die miese Beleuchtung der Straße, die Umleitung – geschuldet ist, verwischt die raffinierte Autorin im Zuge ihrer ausgestellten Zurückhaltung.

Die Erkenntnis aber, dass man nicht einfach weitermachen kann wie gewohnt, wurde selten bei allem Ernst mit so viel groteskem Witz vorbereitet und erzählt. Den Preis dafür entrichten alle Protagonisten des Romans. Den höchsten das Reh.

Esther Schüttpelz: „Grüne Welle“. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2026. 208 S., geb., 25,– €.

Source: faz.net