Sarah Engels soll mit „Fire“ für Deutschland zum ESC nach Wien fahren. Überraschend ist an dem Song nichts. Beim Vorentscheid sorgen andere für mehr Aufregung.
Witze über die deutsche Platzierung beim Eurovision Song Contest zu reißen, ist in etwa so originell wie sich über angeblich unfähige DHL-Paketboten zu echauffieren. Trotzdem passiert es ständig. „Wir haben sie leider nicht angetroffen“ – weder zu Hause noch auf guten Plätzen beim Songwettbewerb. Allemagne, zero points. Am 16. Mai ist es das nächste Mal so weit, dieses Mal in Wien.
Vorher ging es aber erst einmal nach Berlin, wo der deutsche ESC-Vorentscheid ausgetragen wurde. Moderiert von Barbara Schöneberger und Hazel Brugger (platinerblondet!), die schon beim letzten ESC in der Schweiz zeigte, wie es auch gehen kann, wenn sich Sender mal was trauen. Wobei die 32-Jährige immer dann am besten ist, wenn sie spontan drauflosreden und reagieren kann, was bei einer so durchorganisierten Veranstaltung wie dem ESC-Vorentscheid naturgemäß eher selten der Fall ist.
Viele Fragezeichen beim ESC-Vorentscheid
Erstmals hatte der Südwestrundfunk in diesem Jahr den Hut auf. Zuvor hatte der NDR es jahrelang hinbekommen, in einem erratischen Verfahren zielsicher exakt die Teilnehmer herauszufischen, die am Ende wirklich niemand anderes in Europa hören wollte. Auch Stefan Raab, den man verzweifelt 2025 zu Hilfe rief, konnte kein zweites „Satellite“ aus dem Ärmel schütteln. Abor & Tynnas Song „Baller“ landete immerhin nicht völlig abgeschlagen auf Platz 15.
Unter den neun „Acts“ in diesem Jahr die Bekannteste: Sarah Engels, 2011 Zweite bei „Deutschland sucht den Superstar“. Ansonsten viele Fragezeichen: Bela, Myle, Dreamboys The Band, Laura Nahr? Glam-Rocker Wavvyboi, so erklärte es Kommentator Thorsten Schorn, sei immerhin „weltbekannt in Liechtenstein“.
Das Duo Ragazzki steuerte die obligatorische Spaßnummer bei, ansonsten war „für jeden Geschmack etwas dabei“, wie es ESC-Koryphäe Paola Felix diplomatisch ausdrückte. Die 75-Jährige schwärmte auf dem Promi-Sofa von ihren ESC-Teilnahmen 1969 und 1980 und verriet, dass sie früher mit weitaus weniger Showeffekten als heute klarkommen musste: „Ich durfte entscheiden, ob ich das Mikro in die Hand nehmen will oder ob ich ins Standmikrofon singen will“.
Michael Schulte, dessen 4. Platz für Deutschland auch schon acht Jahre her ist, erinnerte sich daran, dass er beim Auftritt seinen Lieblingspulli tragen durfte: „Der hat zehn Euro gekostet“. Comedienne Caroline Kebekus kicherte, war aber sonst kaum zu sehen.
Hazel Brugger disst Frankfurt am Main
Was Schauspieler Hans Sigl aka „Der Bergdoktor“ auf dem Sofa zu suchen hatte, blieb auch bis zum Schluss rätselhaft. Hatte ihn beim ESC-Erstausrichter SWR womöglich jemand mit Ralph Siegel verwechselt? „Er ist mein Lieblingsschauspieler. Er kommt aus Österreich!“, lieferte Barbara Schöneberger auch keine wirklich überzeugende Erklärung. Als Sigl dann auch noch behauptete, ganz Wien sei bereits im ESC-Fieber, erklärte ein älterer Wiener im Einspieler unmissverständlich: „Es interessiert mich im Grunde gar nicht.“
Moderatorinnen-Duo Barbara Schöneberger (l.) und Hazel Brugger © Britta Pedersen / DPA
Überhaupt, Länder-Klischees: Deutschland sei schon schön, „wenn man nicht gerade im Frankfurter Bahnhofsviertel abgestochen wird oder in Berlin lebt“, lästerte Comedienne Hazel Brugger herrlich ketzerisch. Ob der Frankfurter Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) diese Art von Humor versteht, wird man sehen. Wobei: Dass es weitaus Wichtigeres gibt, wurde klar, als die Eilmeldung vom Tod des iranischen Staatsoberhaupts Chamenei über die Bildschirme lief.
In Berlin sang Wavvyboi derweil in opulenter Glam-Rock-Manier darüber, dass man ihn noch so oft in die Enge treiben könne, er trage trotzdem schwarzen Glitzer auf: „You can’t kill my pride / I’ll be wearin‘ black glitter till the end of time.“ Die Windmaschine pustete dazu hübsch durch seine Farrah-Fawcett-Mähne, irgendwann pfefferte er im Überschwang seine E-Gitarre weg – das reichte verdient für die Top 3. Ausgewählt wurde die von einer Profi-Jury, in der ehemalige ESC-Teilnehmerinnen wie Ruslana (Ukraine) und Luca Hänni (Schweiz) ebenso saßen wie internationale Songschreiber. „Deutschland muss nach Europa schauen“, gab einer noch einen Tipp.
Deutschland wagt keine Experimente – wieder mal
Aus dem beschaulichen Laboe im Kreis Plön (rund 5500 Einwohner) stammt Molly Sue. Mit ihrer Ballade „Optimist (Ha Ha Ha)“ lieferte sie den spannendsten Beitrag des Wettbewerbs, sang mit kraftvoller Stimme darüber, dass man Menschen immer nur vor den Kopf schauen kann. Eine Balletttänzerin kreiste um Molly Sue, die sich mit ihrer weißen Toga mit goldenen Schulterpolstern und Gurten nicht nur optisch Brüche erlaubte und damit einen starken Eindruck hinterließ. Sie wolle Menschen mit einer chronischen Erkrankung Mut machen, sagte die Ex-Teilnehmerin von „The Voice Kids“, die selbst betroffen ist.
Molly Sue mit Balletttänzerin im Hintergrund © Britta Pedersen / DPA
Am Ende entschieden sich die Zuschauer dann aber für die sichere Wahl und für „Fire“ von Sarah Engels. Ein klassischer Up-Tempo-Popsong mit einem Refrain, bei dem sich „Fire“ auf „Liar“ reimt, auch sonst bleibt so gar kein Raum für Überraschungen. Ein bisschen Christina Aguilera, eine Prise Britney Spears, eine Dosis Shakira, dazu eine Choreografie wie aus einem J.Lo-Video. Inhaltlich gehe es ihr um Selbstermächtigung, so Sarah Engels. Die ersten Witze über eine weitere Pleite beim ESC ließen erwartungsgemäß nicht lange auf sich warten.
Source: stern.de