Am Samstag läuft der Vorentscheid für den Eurovision Song Contest. Doch Deutsch ist dabei rar: Nur zwei Interpreten singen in Landessprache. Dabei konnte Deutschland in der Vergangenheit damit durchaus Erfolge feiern.
Neun Musik-Acts streiten bei einer Live-Show der ARD um das Ticket nach Wien für den Eurovision Song Contest (ESC). Einer der Teilnehmer bei „Eurovision Song Contest – Das Deutsche Finale 2026“ ist der in München geborene Sänger BELA. Er wird die beatgetriebene Pop-Nummer „Herz“ performen.
Das Duo Ragazzki hingegen tritt mit der 80er-Italo-Disco-Nummer „Ciao Ragazzki“ an. Alle anderen singen ihre Songs auf Englisch. Das letzte Wort hat das Publikum und wählt aus den drei aussichtsreichsten den Act, der zum großen Finale des ESC reisen wird.
Last der letzten und vorletzten Plätze beim ESC
Das Verhältnis der Deutschen zum Eurovision Song Contest war zuletzt kein einfaches: Der letzte Gewinn mit Lena Meyer-Landruts Song „Satellite“ in Oslo liegt 16 Jahre zurück. Seither belegte Deutschland allein in sieben der vergangenen zehn Wettbewerbe letzte oder vorletzte Plätze.
Duo Ragazzki tritt mit der 80s-Italo-Disco-Nummer „Ciao Ragazzki“ beim Deutschen Vorentscheid an.
Da sehnt man sich nach erfolgreicheren Zeiten zurück: In den 1980er-Jahren etwa erreichte Deutschland satte fünfmal das Siegertreppchen: Nicoles „Ein bisschen Frieden“ holte 1982 als erster deutscher Eurovision-Titel den ersten Platz.
Jeweils einen zweiten Platz schafften – Komponist Ralph Siegel sei Dank – Katja Ebstein, Lena Valaitis und Wind mit „Theater“, „Johnny Blue“, „Für alle“ und „Lass die Sonne in dein Herz“. Man bemerke: Alle fünf ESC-Erfolgstitel der 1980er wurden auf Deutsch gesungen. Alle sieben ESC-Flops der letzten Jahre auf Englisch.
1999 fiel beim ESC das Sprachgebot
Zugegeben, der Vergleich hinkt: Bis 1998, als Guildo Horn der Eurovision mit Nussecken und Himbeereis seine Liebesgeständnisse entgegensäuselte, war es verpflichtend, in einer offiziellen Landessprache zu singen. In den 1970er-Jahren war die Regel kurzzeitig ausgesetzt – und bescherte den Fans „Waterloo“ von ABBA.
Englisch seit 1999 als Lingua franca etabliert
Seit 1999 hat sich Englisch als Lingua franca des Gesangswettbewerbs etabliert – in der Hoffnung, dass die Beiträge nach dem Eurovision-Boost auch international die Charts stürmen. Deutschland hat seither nur sechs auf Deutsch gesungene Songs ins Rennen geschickt. Stefan Raabs gebrabbeltes „Wadde hadde dudde da“ aus dem Jahr 2000 mitgezählt. 2025 platzierte sich „Baller“ von Abor und Tynna, ebenfalls auf Deutsch, solide im Mittelfeld.
Gleichzeitig feiern andere Länder in ihrer Landessprache ESC-Erfolge: „Cha Cha Cha“ von Finnlands Käärijä schrammte 2023 knapp am Titel vorbei, genauso Frankreichs Barbara Pravi mit „Voilà“ im Jahr 2021. „Bara bada bastu“ von KAJ aus Schweden schaffte Platz vier (2025) und die Italo-Rocker von Måneskin gewannen den ESC 2021 mit „Zitti e buoni“ gar in ihrer Landessprache. Gleiches gelang dem ukrainischen Kalush Orchestra, das 2022 den Titel holte, wenngleich da auch politische Solidarität eine Rolle spielte.
Mehr als 160 Millionen Menschen weltweit verfolgen jedes Jahr das Finale. BELA ist einer der neun Acts, die hoffen, in Wien auf der Bühne zu stehen.
Hässliche deutsche Sprache?
Dass die deutsche Sprache in Sachen Ästhetik mit einer gewissen Scham behaftet ist, weiß, wer sich ab und an in die sozialen Medien verirrt. Ein YouTube-Video des Kanals „Copy Cat Channel“ mit mehr als 34 Millionen Aufrufen verglich beispielsweise deutsche Worte wie „Flugzeug“, „Schmetterling“ oder „Krankenwagen“ mit den Äquivalenten auf Italienisch, Spanisch oder Französisch. Es kam zu dem (satirisch überspitzten) Ergebnis, dass Deutsch besonders wütend klinge.
In der Tat: Im Deutschen gibt es verschiedene Reibelaute oder Konsonanten- Anhäufungen, die im direkten Vergleich mit den vokallastigeren romanischen Sprachen wenig melodisch zu klingen scheinen. Aber macht das Deutsch zu einer hässlichen Sprache?
Sprache sorgt nicht für den Misserfolg beim ESC
Zumindest auf sprachwissenschaftlicher Ebene kann man Entwarnung geben. In einer internationalen Studie wurden 2023 mehr als 800 Teilnehmende aus verschiedenen Ländern über den Schönklang von mehr als 200 Sprachen befragt. Das Ergebnis: Phonetische Eigenschaften scheinen keinen universellen Einfluss darauf zu haben, als wie angenehm eine Sprache empfunden wird. Weit wichtigere Faktoren sind die Stimmfarbe der sprechenden Person – und die Frage, ob wir die Sprache kennen und, wenn ja, was wir mit dem Land verbinden.
Bezogen auf den ESC könnte man also argumentieren: Wenn die Stimme, die Melodie und die Aussage passen, sorgt die Sprache selbst zumindest nicht für den Misserfolg. Und dass der Beitrag aus Deutschland kommt, wird ohnehin in Einspielern immer wieder hervorgehoben.
Deutsche Musik wieder auf dem Vormarsch
Das deutsche Publikum zumindest scheint abseits des ESC für mehr deutsche Musik bereit zu sein. Das beweist nicht zuletzt der Blick in die aktuelle Spotify-Wrapped-Jahresbilanz.
Vor allem deutscher Rap hat beim Musikstreaming-Marktführer eine starke Fangemeinde. Die Hälfte der zehn meistgestreamten Alben 2025 stammt von auf Deutsch performenden Artists, allen voran Jazeeks Platte „Most Valuable Playa“, die das Ranking anführt. Unter den Top-Songs des Jahres 2025 platzierten sich die Single „Tau mich auf“ von Indie-Rapper Zartmann und der Partyschlager „Wackelkontakt“ des bayerischen Liedermachers Oimara in den Top-3.
Mehr Deutsch beim ESC wagen
Ein letztes Argument für mehr deutsche Liedtexte beim Eurovision Song Contest: Der ESC gilt als einer der größten und bekanntesten Musikwettbewerbe der Welt. Mehr als 160 Millionen Menschen weltweit verfolgen jedes Jahr das Finale – auch in den USA und Australien.
Über die Jahre hat sich der Wettbewerb auch zu einer der größten Bühnen für gelebte Vielfalt entwickelt: nationale, sexuelle – aber eben auch sprachliche. Für viele Länder bietet sich hier die Chance, ein positives Bild der eigenen Nation in die Welt zu senden. Im diplomatischen Fachjargon spricht man von „Soft Power“. Auch für Deutschland wäre es ein starkes Zeichen, wenn die Werte, die man auf der Bühne vermittelt, über die Sprache in direkte Verbindung mit dem eigenen Land gebracht würden. Denn wenn die Welt beim ESC Vielfalt feiert, darf Deutschland ruhig mitreden, statt sich nur zu übersetzen.
Source: tagesschau.de